60. Jahrestag der Wiederaufnahme des Friedensauer Studienbetriebes nach Ende des Zweiten Weltkrieges
Dr. Manfred Böttcher erinnert sich
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Herr Dr. Böttcher, Sie gehören zum Urgestein Friedensaus und haben die Zeit nach dem letzten Krieg in Friedensau direkt miterlebt: Was genau passierte am 1. Juli 1947? Nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnte am 1. Juli 1947 der Studienbetrieb in Friedensau wieder aufgenommen werden. Die Umstände zeigten sich sehr bescheiden: Die Verpflegung war mehr als dürftig und die wenigen Lehrräume konnten im darauf folgenden Winter nur schwach mit gesammeltem Holz in Kanonenöfen beheizt werden, doch die Not schweißte Lernende wie Lehrende zusammen. Nach der Kriegspause konnte nun endlich wieder die Ausbildung von Predigern beginnen. Was ist das Besondere an der Wiedereröffnung? Sind nicht nach dem Krieg alle Ausbildungsstätten mit der Zeit wieder in Betrieb genommen worden? Seit 1946 wurde immer wieder um Genehmigung des Studienbetriebes nachgesucht, doch ohne Aussicht – wie auch bei anderen Kirchen. Als der sowjetische Kommandant, dem das 1945 eingerichtete Militärlazarett unterstand, einen Dolmetscher suchte, stieß er auf August Birsgal, einen Prediger aus dem Baltikum, der während des Krieges mit seiner Familie in Friedensau untergekommen war. Dessen Lebenswandel und der Bericht über die Entstehung Friedensaus hinterließen einen positiven Eindruck auf den Kommandanten, so dass dieser für die Angelegenheit der Wiedereröffnung den richtigen Ansprechpartner bei der sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst vermittelte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es schließlich im März 1946, bei dem Offizier vorzusprechen, der für Kulturangelegenheiten in der sowjetischen Besatzungszone zuständig war, und das Anliegen stieß auf Verständnis. Nach dem Abzug des Lazaretts wurde Friedensau von der Besatzungsmacht freigegeben und bereits sechs Wochen später begann der Unterricht. Als nach der Wiedervereinigung die Sowjets 1992 endgültig aus Ostdeutschland abgezogen waren, konnte geraume Zeit später auch Einsicht in Archive der Militärverwaltung genommen werden. Da wurde das Wunder noch deutlicher, denn die Freigabe Friedensaus stand völlig im Gegensatz zu den Richtlinien der sowjetischen Militäradministration für Ostdeutschland! Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für die weitere Entwicklung des Studienbetriebes? Die Freigabe Friedensaus durch die sowjetische Militärregierung und die von ihr erteilte Genehmigung zur Aufnahme der Predigerausbildung erwies sich in der Folgezeit als einzigartige Fügung Gottes. Nach Gründung der DDR im Oktober 1949 versuchten die zuständigen Ministerien in allen Bildungseinrichtungen ihren Einfluss auf die Lehrpläne geltend zu machen – auch in den kirchlichen Ausbildungsstätten. In Friedensau jedoch konnte das mit dem Hinweis auf die Genehmigung durch die sowjetische Militäradministration immer wieder erfolgreich abgewehrt werden, sodass es keine Kontrolle der Lehrinhalte durch die DDR-Behörden gab. Außerdem erhielten in den folgenden Jahren viele ausländische Studierende die Möglichkeit, in Friedensau ihre Ausbildung zu erhalten. Die staatliche Anerkennung der Hochschule 1990 wäre ohne diese einzigartigen Fügungen Gottes kaum denkbar gewesen. Immer wieder hat sich Gottes Segen in Friedensau spürbar gezeigt und mein Wunsch ist es, dass es auch in Zukunft so bleiben wird. Vielen Dank für das Gespräch. |
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