Sucht – (k)eine Randerscheinung

Markus Illig und Hans-Jürgen Rademacher
Das war das Thema eines Kolloquiums an der Theologischen Hochschule Friedensau am 14. Juni dieses Jahres anlässlich der bundesweiten „SuchtWoche 2007 – Alkohol setzt Grenzen“.

Um es vorwegzunehmen: Nimmt man die Anzahl der Teilnehmer als Maß für das Interesse und das wiederum als Maß für das Gewicht dieses Themas, dann ist Sucht eine Randerscheinung, denn es kamen nicht viele in die Kapelle.

So waren dann auch die Initiatoren dieses Kolloquiums, die Mitarbeiter des Instituts für Sucht- und Abhängigkeitsfragen der Theologischen Hochschule mit seinem Nestor Prof. Dr. med. Lothar Schmidt, seines Amtes einer der Vizepräsidenten der ICPA (International Commission for the Prevention of Alcoholism and Drug Dependency – Alkohol- und Drogen-Prävention – UN), ob dieses Mangels enttäuscht.

Mehr als aufgewogen wurde dieses Gefühl durch den Inhalt der beiden Vorträge und vor allem durch die Live-Interviews mit vier Menschen, die von ihrer Sucht erzählten, von den seelischen und körperlichen Strapazen, von der Ohnmacht aufzuhören, von der Verachtung und von ihrem Weg heraus. Zwei kamen aus Magdeburg, aus der Rehabilitationsfachklinik für Abhängigkeitserkrankungen „Alte Ölmühle“, und zwei aus Berlin. Ihre Schilderung war echt und deshalb überzeugend. Sie sprachen vom Genuss, den ihnen der Alkohol anfangs und durchaus über längere Zeit bereitete, vom wunderbaren Gefühl, mal abschalten zu können, in Stimmung zu kommen, glücklich zu sein und sich grenzenlos frei zu fühlen – für den Moment – und davon, wie teuer sie das bezahlen mussten, bezahlen aus dem Kredit ihres Lebens. Es ist für die „Normalos“ nicht vorstellbar, und wohl auch deshalb zuweilen der Hochmut, das Unverständnis, die Verachtung gegenüber denen, die sich nicht im Griff haben.

Prof. Schmidt verwies auf Erscheinungen unserer Zeit, die dazu beitrügen, dass süchtiges Verhalten zunehme. So seien die maximale Selbstverwirklichung als einziges Maß und Ziel, die Unfähigkeit zur Sinnfindung, der zunehmende Egoismus, das Leben genießen zu wollen, Einstellungen, die die Gefahr in sich bergen, daran krank zu werden. Auch das Christentum biete dann keinen Schutz, wenn es mehr als Weltanschauung – irgendeine Religion muss man ja haben – und weniger als gelebtes Leben verstanden werde. Es war kein Moralisieren, wohl aber eine deutliche Mahnung (und als Mediziner steht ihm das eindeutig zu), die sein Vortrag zum Thema „Sucht – Herausforderung zur Sinnfindung“ darstellte; in dieser Diktion auch bewusst provokant, denn es kann jeden treffen und die Sucht kann das Leben radikal ändern. Und dieser Mann kennt die „Alkis“ und ihre Schamgefühle wie kaum ein anderer. Was treibt sie um und was treibt sie an? Wer wird abhängig und warum? Es gibt hirnbiologische Ursachen, solche, die in der Persönlichkeit prädisponiert sind und im Laufe ihrer Entwicklung dazukommen, und schließlich soziale Konstellationen, die dahinein führen können.

Für Lothar Schmidt gibt es einen ganz sicheren Weg heraus aus diesem Dilemma. Er beschreibt das Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker als diesen Weg in seinem neuesten Buch, das just an diesem Tage herauskam (Fahrschule des Lebens. Hilfe zur Selbsthilfe vom Verlag Federkultur, ISBN: 978-3-937446-84-4).

Prof. Johann Gerhardt sprach zum Thema „Zwischen Sucht und Freiheit“. Und das war ebenfalls keine Moralpredigt, ganz im Gegenteil, für einen Anhänger der Prohibition schon fast ein Skandal. Johann Gerhardt lag nicht daran, der Erscheinung Alkoholsucht mehr Gewicht zu verleihen – angesichts der bundesweiten SuchtWoche und der gerade abebbenden Berichterstattung über das Sich-ins-Koma-Saufen –, als es ihr seiner Meinung und der Meinung der zugänglichen statistischen Datenlage nach zukäme. Sucht als Orientierungslosigkeit? So einfach sei die Sache nicht. Für ihn gehöre zur Freiheit auch immer das nötige Verantwortungsgefühl, was der Einzelne wann mit seiner Freiheit anfängt und inwieweit die Gesellschaft den Einzelnen schützen sollte, ob er will oder nicht. Indem er auf die der christlichen Religion innewohnende Freiheit jedes Menschen verwies, hatte er wohl Paulus’ Worte in 1 Kor 6,12 im Sinn: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.“ Nicht Verzicht predigen, sondern Entzaubern, positives Lebensgefühl gegen Frustration, eigene Entscheidungsfreiheit als hohes Gut wahrnehmen und genießen.

Es war eine spannende Sache, Go und kein Schach. Und die Auseinandersetzung ist auch nicht zu Ende, wie könnte es auch anders sein, angesichts der Geschichte der Sucht, die der unsrigen in ihrer Länge in nichts nachsteht. Und wenn man genau hinhört auf Albert Einsteins Worte: „Die Theorie entscheidet, was wir beobachten können“, dann kann man noch einiges erwarten.

Die anschließenden Rückmeldungen durch den einen oder anderen Zuhörer lösten dann auch ein zufriedenes Gefühl, gekommen zu sein, aus, nicht nur bei den beiden Moderatoren.

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