Das Grab des Herodes

Friedbert Ninow
Ehud Netzer, Archäologie-Professor am archäologischen Institut der Hebrew University in Jerusalem, hat in einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass es seinem Team gelungen sei, das Grab Herodes des Großen gefunden zu haben. Die sensationelle Entdeckung wurde auf dem Hügel von Herodium gemacht, einem befestigten Palast Herodes des Großen, ca. 12 km südlich von Jerusalem. Prof. Netzer, einer der führenden Herodes-Experten, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit den archä­ologischen Überresten der ausgedehnten Bautätigkeit des Herodes beschäftigt.

Herodes wurde im Jahr 73 v. Chr. als Sohn des Idumäer-Fürsten Antipater geboren; dieser war mit seinem Vater zum Judentum konvertiert. 47 v. Chr. wurde Herodes im Alter von 25 Jahren zum Gouverneur von Galiläa ernannt; wenige Jahre später wurde er vom römischen Senat als König anerkannt. In den Jahren seiner Regentschaft zeichnete er sich durch eine intensive Bautätigkeit aus: Neben den baulichen Aktivitäten am Tempelberg ließ Herodes neue Theater in Jerusalem errichten; in Cäsarea baute er den Hafen zu einem der bedeutendsten Umschlaghäfen des Mittelmeeres aus; in Jericho entstanden ein neues Theater und ein Winterpalast; um seine Grenzen gegen einfallende Nomadenhorden zu schützen, ließ er eine ganze Reihe von Festungen errichten bzw. erneuern. Die bedeutendste dieser Festungen ist Herodium, die einzige, die seinen Namen trägt.

Die Festung Herodium ließ Herodes am Ort seines Sieges über den Hasmönäer-Fürsten Antigonus im Jahr 40 v. Chr. errichten. Neben den charakteristischen vier Türmen baute Herodes ein großes Badehaus; die Böden waren mit schwarzweißen Mosaiken ausgelegt; die Wände schmückten farbige Fresken mit geometrischem Design. Ein großer Speisesaal seines Palastes wurde während der Zeit des jüdischen Aufstandes 70 n. Chr. in eine Synagoge umgewandelt (ähnliche Synagogen finden sich in Gamla und auf der Festung Masada, die von den jüdischen Freiheitskämpfern gehalten wurde).

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schreibt über Herodium, dass dieser Ort „von Jerusalem gegen sechzig Stadien entfernt und schon von Natur zur Befestigung sehr geeignet. In seiner nächsten Nähe nämlich liegt ein mässiger Hügel, der sich so in die Höhe erhebt, als wäre er von Menschenhand gemacht, und in seiner Gestalt Ähnlichkeit mit einer weiblichen Brust aufweist. Diesen Hügel versah Herodes mit runden Türmen und machte ihn schwer zugänglich, indem er eine steile, aus zweihundert Quadersteinstufen bestehende Treppe zu ihm hinaufführte. Im Innern der Türme befanden sich prachtvolle königliche Gemächer, die ebenso der Sicherheit wie der Verschönerung dienten, und am Fusse des Hügels waren Wohnungen erbaut, welche einen herrlichen Anblick gewährten, und für die, weil der Ort kein Wasser hatte, Wasserleitungen angelegt waren, die man mit grossen Kosten aus weiter Ferne heran geführt hatte. Die Ebene ringsum wurde gleichfalls mit Gebäuden besetzt, sodass sie das Ansehen einer grossen Stadt darbot, über welcher sich der Hügel wie eine Burg erhob“ (Altertümer 15.9.4).

Im Jahr 4 v. Chr. stirbt Herodes in Jericho. Er wird auf der Festung Herodium beigesetzt. Josephus schreibt dazu: „Hierauf traf man Anstalten zur Beisetzung des Königs. Archelaus liess es an keinem Aufwand fehlen und stellte, um ein prunkvolles Leichenbegängnis zu ermöglichen, den gesamten königlichen Schmuck zur Schau. Das Paradebett war ganz von Gold und mit Edelsteinen besetzt, die Decke von buntgesticktem Purpur, und der Leichnam, der auf ihr lag, gleichfalls mit einem Purpurgewand umhüllt. Auf seinem Haupte ruhte das Königsdiadem und darüber eine goldene Krone, und die Rechte hielt das Scepter. Das Paradebett umgaben die Söhne und die übrigen zahlreichen Verwandten des Königs; alsdann folgten die Soldaten der Leibwache, die thrakische Abteilung, die Germanen und die Gallier, alle in voller Kriegsrüstung. Voran schritt der übrige Teil des Heeres unter Führung seiner Obersten und Hauptleute, ebenfalls in vollem Waffenschmuck, und daran schlossen sich fünfhundert Diener und Freigelassene, welche köstliche Spezereien trugen. So zog man mit dem Leichnam zweihundert Stadien weit nach Herodium, wo er dem Befehle des Verstorbenen gemäss beigesetzt wurde. Das war das Ende des Herodes“ (Jüdischer Krieg 1.22.9).

Prof. Netzer begann seine archäologische Spurensuche auf Herodium im Jahr 1972. Im Laufe der Jahre weitete sich seine Arbeit zu einem großen Projekt mit der Einrichtung eines archäologischen Parks aus, der von vielen tausend Touristen jedes Jahr besucht wird. Mit der Entdeckung der vermuteten letzten Ruhestätte des Herodes ist die Forschungstätigkeit von Prof. Netzer zu einem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Ausgangspunkt der Entdeckung des Grabes war eine monumentale Treppenflucht (6,5 m breit) die von der Ebene zum Festungshügel führte und offensichtlich für die Begräbnisprozession angelegt worden war; sie führte direkt auf das Mausoleum zu, welches in den Hang des Festungshügels gebaut war. Die Ausgrabungen haben ergeben, dass das Mausoleum schon in antiker Zeit niedergerissen bzw. zerstört wurde. Allein ein großer Teil des Mausolueumpodiums bzw. -podestes ist erhalten geblieben. Es ist aus großen weißen, sorgfältig behauenen Steinen gefertigt worden. Deren Größe und die Sorgfalt, mit der sie behauen wurden sind einzigartig in Herodium. Die Ausgräber fanden im Kontext dieses Podiums eine ganze Reihe von dekorierten Urnen, spezielle Behälter zum Aufbewahren der Asche sterblicher Überreste. Diese Urnen waren bedeckt von dreieckigen Verschlüssen, die man auch in anderen Begräbnisstätten – vor allem in der nabatäischen Welt – vorfindet.

Verstreut über das ganze Grabungsareal fanden die Forscher Fragmente eines großen, einzigartigen Sarkophags, hergestellt aus dem rötlichen Jerusalemer Sandstein. Sowohl die Seiten des Sarkophags als auch der Deckel waren mit Rosetten und anderen Ornamenten dekoriert. Nur wenige solcher Sarkophage sind bekannt. Obwohl man bis jetzt keine Inschrift am Fundort entdeckt hat, sind sich die Ausgräber sicher, dass es sich um den Sarkophag Herodes des Großen handelt.

Es ist interessant festzustellen, dass der Sarkophag in der Antike vorsätzlich zerstört wurde. Der Abriss und die Zerstörung des Sarkophags kann nach Ansicht von Prof. Netzer in die Zeit zwischen 66 und 72 n. Chr. datiert werden. Jüdische Freiheitskämpfer bemächtigten sich während dieser Jahre der Festung Herodium im Aufstand gegen die Römer. Die Rebellen waren bekannt für ihren Hass auf Herodes, der als ein Mario­netten-König Roms galt. Bei der Einnahme von Herodium ließen sie ihrem Hass freien Lauf und zerstörten das Mausoleum mit den sterblichen Überresten ihres verhassten Königs.

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