Glaube und Marktwirtschaft

Stichwort: G8-Demo

Roland Nickel

Rechtzeitig vor dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm an der Ostsee wurde ich von einigen Studenten gefragt, ob die Hochschule ihnen einen Kleinbus ausleihen würde, damit sie zu den Demonstrationen fahren könnten, die im An­gesicht der Konferenz der führenden Wirtschaftsmächte der Welt geplant waren. Geistesgegenwärtig habe ich mich an die Regelungen für die Ausleihe von Kleinbussen erinnert und ihren Wunsch abgelehnt. Für Privatfahrten stellt die Hochschule keine Busse zur Verfügung. Ich war fein raus. Losgelassen hat mich die ganze Sache allerdings nicht. Und ich habe mich gefragt, ob es nicht auch eine christliche Verantwortung ist, für bestimmte Themen in der Öffentlichkeit Flagge zu zeigen.

Eine der prominentesten Organisa­tionen der Globalisierungsgegner, die sich in Heiligendamm zusammengetan haben, ist ATTAC. Sie ist noch mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gekommen, weil kurz vor dem Gipfel der bekannte CDU-Politiker Heiner Geißler der Organisation medienwirksam beigetreten ist. ATTAC wurde in den 90er-Jahren gegründet, ursprünglich mit dem Ziel, eine Besteuerung der Finanztransaktionen zu erwirken, um die Macht der Finanzmärkte zu zügeln1. Nach Meinung von ATTAC und anderen führt die Macht der Finanzmärkte und die ungezügelte Marktwirtschaft eben nicht zu mehr Wohlstand, wie es die Protagonisten der Globalisierung glauben machen wollen. Die Folgen der Globalisierung in den Augen ihrer Kritiker sind (u.a.) mehr Ausbeutung der Menschen der Dritten Welt, mehr Armut zugunsten des Reichtums Weniger, die Vorherrschaft der Finanz­märkte und großer Konzerne zu Lasten der demokratischen Strukturen, die Zerstörung von Arbeitsplätzen, Raubbau an Natur und Umwelt2. Die Zielrichtung der öffentlichkeitswirksamen Demonstrati­onen sind deshalb die Führer der mächtigsten Wirtschaftsmächte und deren Institutionen: die Weltbank, der

Internationale Währungsfonds und die Welthandelsorganisation.

Die Ziele und Absichten der fried­lichen G8-Demonstranten sind gut: mehr Gerechtigkeit, weniger Armut auf der Welt und eine umweltschonende Wirtschaft. Sind das nicht auch Ziele, die sich Christen auf ihre Fahnen schreiben? Müssten sich Christen nicht einklinken in diese Bewegung und gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt aufstehen?

Ja und nein! Ja, die Ziele sind gut, das Engagement der Globalisierungskritiker ist vorbildlich. Nein, Christen sind nicht dazu da, sich in erster Linie durch politische Aktionen auszuzeichnen. Die Zielrichtung und die Handlungsmaxime in dieser Welt ist für Christen durch das Gebot der Nächstenliebe deutlich vorgegeben3. Und dieses wichtigste Gebot wirkt sich praktisch im Leben eines Christen aus. Jesus Christus macht das deutlich, als er die beschreibt, die im Gericht Gottes bestehen werden: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr gabt mir zu trinken. Ich war ein Fremder und ihr habt mich in euer Haus eingeladen. Ich war nackt und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25,35.36, Neues Leben).

Die Folgen der Globalisierung, die ihre Gegner zu Recht anprangern, sollen von Christen ganz praktisch gemildert werden. Die christliche Globalisierungskritik geschieht nicht durch politische Aktionen oder Demonstrationen beim G8-Gipfel oder bei irgendwelchen Veranstaltungen, sondern durch die Zuwendung zum Menschen, der in Not ist; dem Ausgebeuteten, dem Armen, dem Benachteiligten und vielleicht auch dem Opfer der Globalisierung. Diese Men­schen finden sich sowohl in der Dritten Welt wie auch direkt vor unserer Haustür.

 

1Vergleiche: Grefe, Greffrath, Schumann, attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Berlin (Rowohlt)7 2003

2Vergleiche: Mander, Goldsmith, Schwarzbuch Globalisierung, München (Goldmann) 2004

3Siehe: Matthäus 22,34-40

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