Glaube und Marktwirtschaft
Stichwort: Hartz IV
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„War Hartz zu hart?“ – das war der Titel eines Polit-Talks mit Maybrit Illner in ihrer Sendung Anfang Oktober. Es ging um die Frage, ob die älteren Langzeitarbeitslosen eine längere Bezugsdauer bei Arbeitslosengeld I erhalten sollten. Und es ging darum, ob der „Hartz IV“-Regelsatz erhöht werden müsste, damit die Leistungsempfänger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, „auch mal ins Theater oder Kino gehen“ könnten.1
Bei dem Thema „Hartz IV“ geht es aber nicht nur um Geld. Es geht um Gerechtigkeit. Für viele in unserer Gesellschaft ist das Beziehen von Leistungen nach den „Hartz-IV“ Gesetzen keine Ausnahme. Es gibt sogenannte „Hartz-IV-Karrieren“ und ganze Familien, die dauerhaft auf „Hartz IV“ angewiesen sind – und das in einem der reichsten Länder dieser Welt. Es geht auch um Menschenwürde. In unserer Marktgesellschaft wird nach Leistung, Geld und Wohlstand gemessen. Wer das nicht vorweisen kann, wer „Hartz-IV“-Empfänger ist, der wird häufig sozial ausgegrenzt. Viele Menschen spüren bereits die Entwürdigung, wenn sie den fast 20 Seiten langen Antrag ausfüllen müssen, in dem sie viel Privates und Persönliches offenlegen müssen. Zu der finanziellen Notlage, die Menschen erleben, kommt der psychische Druck: „Was sie zermürbt, ist die seelische Grausamkeit, die sie nun infolge der neuen Gesetzgebung erleiden. Aus Hartz wird nun eine Hatz, Halali auf Arbeitslose: bewegt euch endlich, wir machen euch Beine, sucht Arbeit, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Auf allen Erwerbslosen liegt nun so eine Art ,Anfangsverdacht’, als hätten sie ihre Arbeitslosigkeit selbst verschuldet. Da werden Opfer zu Tätern gemacht, und das ist schamlos. Immer mehr Arbeitslose sind ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Das ist kein Leben mehr in Augenhöhe mit den andern.“2 Die Autorin Viviane Forrester sieht darin ein Grundprinzip der kapitalistischen Marktwirtschaft: Das System „betraft die Ärmsten der Armen und fügt ihrem Elend noch eine absolute Verachtung, den Beweis des absoluten ,Nullwertes’ ihrer Rechte ... hinzu.“3 Der christliche Glaube stellt sich gegen die Vorherrschaft der Werte in der Leistungs- und Geldgesellschaft. Jesus Christus betont immer wieder: Was wirklich zählt, ist der Mensch. Für ihn ist Gott auf diese Welt gekommen (Jo 3,16), für ihn ist er gestorben. Das gipfelt im Gebot der Nächstenliebe (Mt 22,37.40), welches deutlich macht, dass der Mensch höher im Kurs steht als Leistungsstreben, Geld und Wohlstand. Und schließlich nimmt Gott den Menschen bedingungslos an, unabhängig davon, was einer hat oder ist (vergleiche: 1 Sam 16,7). Christen und ihre Kirchen haben den Auftrag, ein Kontrastprogramm zu den Werten in der Markt- und Leistungsgesellschaft darzustellen. Leicht ist das nicht. Christliche Gemeinden drohen von den Werten dieser Welt infiltriert zu werden, und das nicht erst heute: „Geld ist der Maßstab, durch welchen in unserer Marktwirtschaft Menschen bewertet werden. Und leider ist es in unseren Gemeinden zum Maßstab des Charakters geworden.“4 Es ist deshalb wichtig, zu reflektieren und bewusst die Werte Gottes im Gemeindealltag zu leben. Das zeigt sich vielleicht besonders darin, denen die Liebe Gottes zu vermitteln, die als Verlierer in der menschlichen Wertegesellschaft zählen. 1 http://www.zdf.de/ZDF.de/inhalt/8/0,1872, 7101160,00.html zur Sendung „Maybrit Illner“, heruntergeladen am 5.10.2007; 2 Bärbel Banner, Paul Schubel, Der Kapitalismus erzeugt ein Menschenbild, das den lieben Gott überfordert? Rede zum Europäischen Aktionstag für soziale Gerechtigkeit am 3. April 2004 in Stuttgart, in: http://www.lebenshaus-alb.de/ magazinl0022 1 6.html 30.09.2007; 3 Viviane Forrester, Die Diktatur des Profits, München (Hanser) 2001, S. 77; 4 Ellen G. White, Manuskript Releases, Nr. 20 [Nos 1420-1500], Seite 385 (MR No. 1498, geschrieben am 20. Mai 1890 zum Thema der moralischen Vorbildfunktion von Ärzten) |
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