In memoriam: August Birsgal 1898-1993

Manfred Böttcher
Die mehr als einhundertjährige Geschichte Friedensaus kann eine Reihe von Persönlichkeiten vorweisen, die für den Aufbau und die Entwicklung der Bildungseinrichtung einen entscheiden­den Beitrag leisteten. Eine von ihnen war August Birsgal, Lehrer am Friedensauer Seminar von 1947 bis 1954, dessen Einfluss und Glauben bewirkten, dass das Seminar 1947 im Gebiet der damaligen sowjetischen Besatzungszone wieder seine Tätigkeit aufnehmen konnte.

August Birsgal war in den baltischen Ländern aufgewachsen, hatte am Predigerseminar in Riga studiert und seine Arbeit als Prediger in Litauen begonnen. In den elf Jahren seiner dortigen Tätigkeit wurden sieben Gemeinden gegründet.

Bald nach Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzte die Sowjetunion die baltischen Länder. Da die Mutter von August Birsgal deutscher Abstammung war, konnte er mit seiner Familie nach Deutschland ausreisen. Über einige Umsiedlerlager fanden sie schließlich 1941 Unterkunft in Friedensau. Bald darauf wurde August Birsgal gebeten, in Berliner Gemeinden Vertretung für die zum Wehrdienst einberufenen Prediger zu übernehmen, bis er schließlich 1943 selber eingezogen wurde.

Aufgrund seiner guten russischen Sprachkenntnisse hatte man ihn zunächst für eine Ausbildung als Sonderführer in einer Dolmetscherkompanie vorgesehen. Als man jedoch feststellte, dass er als Adventist zu einer „Sekte jüdischen Ursprungs“ gehörte, versetzte man ihn kurzerhand in eine Sanitätskompanie. Dort musste er zunächst die Reinigungsarbeiten in Sanitäranlagen übernehmen; er erwarb sich jedoch bald das Vertrauen seiner Vorgesetzten und wurde als Sanitäter ausgebildet und im August 1944 zum Kriegslazarett der  Wehrmacht abkommandiert, das in Friedensau eingerichtet worden war.

Als dann am 5. Mai 1945 russische Kampftruppen in Friedensau einrückten, wurde bald darauf das Wehrmachtslazarett aufgelöst; August Birsgal blieb jedoch von Kriegsgefangenschaft verschont.Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er in den folgenden Wochen manche Übergriffe russischer Soldaten gegenüber Friedensauer Bewohnern verhindern. Im Sommer 1945 richtete die Sowjetarmee in Friedensau ein Lazarett ein. Die Gebäude wurden von einem hohen Stacheldrahtzaun umschlossen, so dass kein Unbefugter Zutritt zum militärischen Objekt hatte. Begegnete August Birsgal russischen Soldaten oder Offizieren außerhalb des Sperrgürtels, rief er ihnen in ihrer Sprache freundliche Worte zu. Das trug dazu bei, dass schließlich der sowjetische Kommandant ihn bei Bedarf als Dolmetscher zu sich rief. Als der Sohn des Offiziers ernsthaft erkrankte und August Birsgal davon erfuhr, besorgte er über Verwandte in den westlichen Besatzungszonen Antibiotika. Durch diese Hilfsbereitschaft und den guten Einfluss, der von August Birsgal ausging, besserte sich das Verhältnis des Kommandanten zu den Friedensauern nachhaltig. Schließlich versprach er sogar seine Hilfe für eine mögliche Freigabe des Seminars.Durch seine Vermittlung konnten Ende 1946 die ersten Kontakte zur Kulturabteilung der Sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst aufgenommen werden, zunächst jedoch ohne Ergebnis. Anfang 1947 kam es schließlich zum entscheidenden Gespräch des Verbandsvorstehers sowie des vorgesehenen Schulleiters mit Oberst Tulpanow, dem Leiter der Kulturabteilung. August Birsgal dolmetschte bei dieser Unterredung geschickt, mitunter sehr frei. Er kannte die russische Mentalität, was ein gutes Gesprächsklima und eine Aufgeschlossenheit für das Friedensauer Anliegen bewirkte. Nach Auflösung des russischen Lazaretts im April 1947 erteilte Oberst Tulpanow bald darauf die Genehmigung zur Wiedereröffnung des Seminars, ohne dass Zugeständnisse im Blick auf den Lehrplan gefordert wurden. Positiv vermerkte die sowjetische Kulturabteilung, dass am Seminar auch russischer Sprachunterricht gegeben werden sollte.

Das Seminar in Friedensau war damit die erste und einzige kirchliche Ausbildungsstätte, die damals durch die sowjetische Militärregierung in Ostdeutschland genehmigt wurde. Aus den erst vor einigen Jahren freigegebenen Geheimdokumenten der Sowjetischen Militäradministration in Berlin geht hervor, dass diese Entscheidung von Oberst Tulpanow nicht den Direktiven der Kirchenpolitik Moskaus für die besetzten Gebiete entsprach.

Nachdem die letzten russischen Soldaten Friedensau verlassen hatten, begann unter primitiven äußeren Umständen am 1. Juli 1947 – also vor 60 Jahren – der Unterricht am Friedensauer Seminar mit 18 jungen Leuten. Einer der vier Lehrkräfte war August Birsgal. Sieben Jahre hindurch gab er neben seiner Tätigkeit als Seelsorger in Friedensau obligatorischen Russischunterricht für die angehenden Prediger. Im Sprachunterricht benutzte er häufig die russische Bibel und nicht selten streute er dabei auch Erfahrungen aus seiner Predigertätigkeit in Litauen ein. Die Studenten schätzten ihn wegen seines bescheidenen Wesens sowie sein seelsorgerliches Handeln.Im Herbst 1954 wurde Russisch als Lehrfach am Seminar aufgegeben, da inzwischen in Ostdeutschland an allen allgemeinbildenden Schulen Russischunterricht obligatorisch war.Danach war August Birsgal bis zu seiner Pensionierung erneut als Prediger tätig. Seinen Lebensabend verlebte er gemeinsam mit seiner zweiten Frau wieder in Friedensau. Auf dem dortigen Waldfriedhof fand er seine letzte Ruhestätte.

Rückblickend kann man wohl sagen, dass ohne seinen Einfluss und sein Wirken in der Besatzungszeit kaum die Erlaubnis für die Wiedereröffnung des Seminars erteilt worden wäre. Die Genehmigung durch die sowjetische Militärregierung haben die DDR-Behörden stets respektiert. Das trug dazu bei, dass das Seminar vor mancherlei Problemen während der 40 Jahre DDR-Zeit bewahrt blieb, und bereitete unter anderem auch den Weg für die staatliche Anerkennung als Theologische Hochschule im Jahr 1990.

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