Für euch gelesen ...
von Dietmar Päschel
Erleben und Verhalten der ersten ChristenEine Psychologie des UrchristentumsNach seiner umfangreichen Darlegung „Die Religion der ersten Christen“ (3. Aufl., 2003) hat der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen nun mit „Erleben und Verhalten der ersten Christen“ ein Modell der urchristlichen Psychologie vorgestellt. Der Autor entwirft ein Anfangsbild der christlichen Religion voller psychologischer Dynamik. Religion vollzieht sich in Sinnbildern, die auf ein überweltliches Gegenüber verweisen. Von dort erhält der Mensch Aufschluss über den letzen Grund seines Daseins, wodurch er die Wirklichkeit deuten und begreifen kann. In diesem Prozess hat die Religiosität einen erheblichen psychologischen Anteil, was sich auf das Gottes-, Menschen- und Weltverständnis auswirkt. In dem leserfreundlich gegliederten Werk geht Theißen vier Faktoren der Religion nach: Erfahrung, Mythos, Ritus und Ethos. Für jeden einzelnen der vier Faktoren weist Theißen nach, dass es neben einer normalreligiösen Ebene auch extremreligiöse Formen gab: Grunderfahrungen, die die Basis für den Alltag bildeten, und Grenzerfahrungen, die den Alltag durchbrachen und sich als Risse in der Welterfahrung zeigten. So trat etwa
Die ersten Christen erfuhren ihre Existenz zwischen den beiden Polen der Normal- und der Extremreligiosität. In dem Gegenüber vom alltäglichen und außergewöhnlichen Erfahren und Verhalten findet die Psychologie des Urchristentums ihre strukturierte Einheit. Im Menschenbild des Paulus ist der Blick auf eine psychische Tiefendimension der christlichen Religion freigegeben. Menschenfeindliche Mächte, die in der mythologischen Sprache der Evangelien als Dämonen oder Satan bezeichnet werden, begriff Paulus verstärkt als Kräfte im Inneren des Menschen, die er mit dem Begriff „Fleisch“ benennt: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht“ (Rö 7,18). „Fleisch“ ist für den Apostel etwas „Eigenfremdes“ im Menschen, das zum Menschen gehört und aus dessen unbewusster Tiefe kommt, über das er aber nicht verfügen kann. Überwunden werden kann die Lebensweise des „Fleisches“ nur in Verbindung mit Christus durch eine Verwandlung zum „Geist“, durch die der Mensch wieder Herr im eigenen Haus wird. Einen Schwerpunkt legt Theißen auf die Überlieferung von Erscheinungen und Wundern. Die Zeugen der außergewöhnlichen Ereignisse waren persönlich von deren Realität überzeugt. Aufgrund dieser „subjektiven Authentizität“ und „Erlebnisechtheit“ der Ereignisse führten sie zu grundlegenden Lebensänderungen der Menschen. Theißen weist darauf hin, dass Erscheinungserfahrungen auch in der Gegenwart zur Gestalt der christlichen Religion gehören, und deckt Analogien zur Geburtsstunde der christlichen Kirche auf. Die Analogisierbarkeit der urchristlichen Erscheinungserfahrungen ermöglicht, sie als wissenschaftlich ernst zu nehmende historische Erfahrungen zu beurteilen.Diese erste Darlegung einer historischen Psychologie zur Entstehung des Christentums ist nicht nur eine hervorragende Lektüre für Theologen, Religionswissenschaftler und Psychologen, sondern nimmt jeden Leser, der anspruchsvoller Literatur zum Thema zugeneigt ist, auf eine spannende Reise zu den psychologischen Urkräften des christlichen Glaubens mit. Gerd Theißen: Erleben und Verhalten der ersten Christen. Eine Psychologie des Urchristentums, Gütersloher Verlagshaus 2007, 624 Seiten, ISBN 978-3-579-08014-7, EUR 39,95 |
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