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1. Rückblick:
Rückblickend kann ich sagen, dass der Begriff „Zivilcourage“ zu denen gehört, die ich erst sehr spät in meinem Leben als Begriff zu gebrauchen lernte für etwas, was mir bis dahin einfach eine selbstverständliche Lebenshaltung war. Es war nicht akademischer Lehrstoff meiner Erziehung, es war selbstverständliches, mir vorgelebtes und dann von mir akzeptiertes Verhalten, die Achtung vor der Würde des Menschen als unveräußerliches Gut zu betrachten. So war der Umgang mit jüngeren, gleichaltrigen und älteren Menschen von der Achtung ihrer Würde geprägt. Ich erinnere mich gut, dass auch Auseinandersetzungen und Versöhnungsprozesse sowie die Gespräche darüber in diesem Geist stattfanden. Selbstverständlich war davon auch berührt die Achtung vor der Würde der Kreatur in ihrer Gesamtheit. Erst viel später habe ich die Begründung für das mir selbstverständliche und vernünftige Verhalten kennengelernt und durchdacht. Ich halte es immer noch für richtig und gut.
Ich habe auch Konflikte in meiner Kindheit kennenlernen müssen, die mir Angst machten, als z.B. in den 50er-Jahren Menschen, die ich gut kannte, denen ich vertraute, einfach verschwanden. „Man hat sie abgeholt“, raunte man hinter vorgehaltener Hand. Als Kind vom Dorfe und Nicht-Pionier hatte ich in der neuen Stadtschule verschiedenste Formen auch körperlicher Gewalt zu erleiden, die ich nicht verstand. Als Pioniergruppen und FDJler vor meinem Elternhaus aufzogen und die Eltern mit Schmähsprüchen bedachten, weil sie aus guten Gründen und durch das Gesetz gedeckt nicht an Wahlen teilnahmen, fürchtete ich mich sehr. Hier wie dort fehlte mir die Solidarität von Menschen, die dies verhinderten, fehlte das, was man hätte Zivilcourage nennen können. „Gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen“ hieß damals, sich anzupassen. Trotz solcher Erfahrungen aber hielt ich die Achtung vor der Würde des Menschen weiterhin für vernünftig und richtig. Der beschrittene Weg in dieser Kontinuität ermöglichte es mir, Haltungen einzunehmen und Stellungen zu beziehen, die nicht konform gingen mit dem, was alle taten. Ich konnte dies aushalten, ohne mich resigniert anzupassen oder aber Misanthrop zu werden. Und ich entdeckte schließlich doch auf diesem Wege Gefährten, die, aus verschiedensten Gründen, die gleiche oder eine ähnliche Lebenshaltung einnahmen.
2. Grundlagen:
Der Mensch ist als Geschöpf in seiner Würde unantastbar.
Es ist das biblische Menschenbild, das die Grundlage war für das, was durch meine Erziehung in mich hineingelegt wurde. Gerade die Schilderungen unterschiedlichster Formen des Umgangs von Menschen miteinander in unserer Bibel, von gröbster Gewalt in den Anfängen bis hin zu späteren friedfertigen Konfliktlösungen, haben die Suche nach einem tragfähigen Fundament menschlichen Miteinanders bestimmt. Weltbildentwicklungen, Entwicklungen von Antworten auf soziale Fragen, Entwicklungen der Friedensfrage und der Frage des Umgangs mit Mitmensch und Kreatur münden immer wieder in einer faszinierenden Weise in weitblickende Visionen eines Friedens, der stärker ist als alle zerstörerische Gewalt. Dass seit biblischen Zeiten im Sinne dieser Visionen auch gelebt wurde und diese sich dabei als zukunftsermöglichend erwiesen haben, bestätigt, dass wir nicht erst auf eine Zeit der friedlichen Vervollkommnung unserer Welt zu warten brauchen, ehe wir mit ihrer praktischen Anwendung beginnen bzw. fortfahren können.
Ihr lebt bei mir als Fremde oder als Gäste (3 Mo 25,23b)
In diesem biblischen Schlüsselwort zu menschlicher Existenz wird die Form unseres Daseins deutlich. Schutzbefohlene sind wir als Bewohner des Ortes Erde und Menschen mit Gastrecht, ausgestattet mit unantastbarer Würde. Nicht aber haben wir Eigentumsrecht oder das Recht zu beherrschen, Rechte, die allein Gott zustehen. Das bedeutet doch, dass unserem Recht auf freie Gestaltung des Lebens nur da Grenzen gesetzt sind, wo wir in Gottes Recht eingreifen. Der Mitmensch, die Kreatur, selbst Grund und Boden aber stehen unter dem Schutz des Rechtes Gottes und sind somit unantastbar.
Gott lieben mit ganzem Herzen, mit dem ganzen Verstand (Seele) und all unseren Kräften (5 Mo 6,5)
Wir leben als Menschen, deren Vernunft, Empfinden und Kraft dazu ausgebildet sind, in Verantwortung Leben zu gestalten und zu bewahren. Die Verantwortung, die wir wahrnehmen gegenüber dem Mitmenschen und der Kreatur, ist unsere Verantwortung gegenüber Gott:
Du sollst deinem Mitmenschen mit Werken der Liebe begegnen, so, wie du es dir selber wünschst, dass man dir begegne, denn ich bin der Herr (3 Mo 19,18)
Die Bereitschaft, aus der Vernunft der Bibel zu leben, hat praktische Konsequenzen für den Alltag: Überall da, wo Menschen in ihrem Recht auf Leben in Würde, das ihnen von Gott verliehen ist, beeinträchtigt werden, sind wir gefragt, uns einzumischen. Dies will ich nun auch gern Zivilcourage oder Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung nennen, denn es fordert tatsächlich Anstrengungen zur Überwindung eigener Trägheit oder Ängste. Wir haben Gründe genug, öffentlich Signale zu setzen gegen Angst und eine Sich-Heraushalten-Mentalität.
3. Gegenwart:
So hat der Einsatz für das Leben in unserer Gemeinde eine längere Tradition:
Die wöchentlichen Friedensgebete in der St.-Nicolai-Kirche thematisieren Probleme des Unfriedens und der Not in unserer Stadt, unserem Land und der Welt und helfen dazu, im fürbittenden Gebet Verantwortung zu erkennen, aber auch manche ohnmächtige Ratlosigkeit zu artikulieren.
Von den Friedensgebeten gingen auch in der Vergangenheit Aktionen aus, wie die Lichterkette für Toleranz und Menschlichkeit am 27.02.1993.
Aus gegebenem Anlass und im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen organisierten wir eine Demonstration für Toleranz und Menschlichkeit am 13.11.2000.
Mit der Gründung des „Bündnis gegen Rechts“ wurde ein Netzwerk geschaffen, das den „Aktionstag für Toleranz und Menschlichkeit – gegen Nazigedankengut“ in Burg am 07.04.2007 vorbereitete und durchführte. Mit der Kraft aus dem Osternachtsgottesdienst fand der symbolische Kehraus nach dem NPD-Wahlparteitag statt.
Mit einer Mahnwache gegen fremdenfeindliche Übergriffe in Burg am 03.08.2007 sowie der Stärkung des Bündnisses gegen Rechts wurde die Demonstration in Burg für Toleranz und Menschlichkeit am 11.08.2007 vorbereitet und durchgeführt, die sich gegen jedwede verbale oder körperliche Übergriffe gegen Mitmenschen richtete. Dass Menschen, die in unserer Mitte leben, angegriffen und gedemütigt werden, kann und darf nicht schweigend hingenommen werden. Wenn dann die Reaktionen der Menschen vom schweigenden Vorübergehen bis zu Schmähungen reichen („Ihr solltet lieber gegen die hohen Butterpreise demonstrieren!“, „Kümmert euch lieber um Deutsche!“), wenn Ängste sie bestimmen und sie nicht mehr bereit sind, eine Wohnung an Vietnamesen zu vermieten („Wir wollen doch nicht auf einmal ein Messer im Rücken haben!“), ist es höchste Zeit, die Stimme zu erheben und das Gesicht zu zeigen. Dazu gehört, sich mit allen zu verbünden, denen die Würde des Menschen ein unverzichtbares Gut bedeutet. Sie finden wir in allen Schichten der Bevölkerung, in allen Berufsgruppen und Altersstufen.
„Ich für mein Teil glaube, dass alles möglich wird in einer Gesellschaft, deren Handlungen nicht mehr von der öffentlichen Meinung kontrolliert sind. Von dem Augenblick an kann es geschehen, dass ihr der Mord als die schnellste Lösung ihrer Probleme erscheint.“ So sagt es warnend und richtig Robert Merle in: „Der Tod ist mein Beruf“ (Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2000, S. 316).
Unsere gewaltfreien Aktionen sollen Symbole der Friedfertigkeit und Ermutigung sein gegen Blindheit und Wegschauen, für Toleranz und Menschlichkeit. Sie möchten die verantwortliche öffentliche Meinung aktivieren. In diesem Sinne haben sie mit Zivilcourage und gesellschaftlicher Verantwortung zu tun. So müssen wir versuchen, uns selbst und all diejenigen zu stärken, die in ihrem Herzen die Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Leben in Würde tragen, damit Zivilcourage und gesellschaftliche Verantwortung nicht verloren gehen und zerstörerische Kräfte an Macht gewinnen. Wir tun dies um Gottes und der Menschen willen. n
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