Warum sprechen wir über Zivilcourage?

von Annekatrin B. Blum

Unsere Gesellschaft wird immer komplexer. Für viele Menschen ist es schwierig, einen Überblick über politisches oder gesellschaftliches Geschehen zu behalten. Ständig verändert sich etwas. Neue Gesetze treten in Kraft und um zu bekommen, was einem zusteht, müssen an der richtigen Stelle die richtigen Anträge gestellt werden. Flexibilität gilt als oberstes Gebot, um heute einen Arbeitsplatz zu behalten oder zu bekommen. Es scheint, als wären alle damit beschäftigt zu kämpfen, ihren „Rücken an die Wand“ zu bekommen. Ein Großteil der Menschen geht davon aus, dass man sich selber helfen muss, damit es einem gut geht. Das Mitgefühl und Interesse für andere hält sich in Grenzen. Dem Anderen misstraut man oft. „Was kann man heute noch Gutes von anderen Menschen erwarten? Man muss doch aufpassen, dass man nicht übervorteilt wird“, so eine gängige Aussage, die Unsicherheit und Furcht widerspiegelt. Selbst der Staat, so denken viele, lässt einen hängen: „Denen da oben kann man nicht trauen, was können wir als kleine Leute gegen die schon ausrichten?“ Wem ist so ein Zitat nicht schon irgendwo einmal begegnet? Die Politiker nennen dieses Phänomen „Politikverdrossenheit“ und wünschen sich mehr Engagement und Zivilcourage von ihren Bürgern. Diese ziehen sich jedoch aufgrund der erhöhten Butter- und Benzinpreise und vor allem in Anbetracht der jüngsten Diätenerhöhung nur noch einmal mehr enttäuscht weiter zurück. Untätigkeit aufgrund von Resignation steht dabei einer wachsenden Anzahl hilfsbedürftiger Menschen gegenüber. Von der Demokratie, deren Wert vermutlich auch nie richtig vermittelt wurde, enttäuscht, solidarisiert man sich mit Stammtischmeinungen, über die sich nach und nach immer stärkere Feindbilder aufbauen. Diese „Atmosphäre“ ist ein idealer Nährboden für geistige Brandstifter. In vielen Städten und vor allem ländlichen Regionen formiert sich seit Jahren ein neuer alter Radikalismus, der sich vor allem gegen die Menschen in unserem Land richtet, die anders sprechen, anders aussehen oder eine andere Religion haben als die Mehrheit. Sie werden abgelehnt, ausgeschlossen, verprügelt und sogar getötet. Wenn wir uns wünschen, dass unser Wohnort ein Ort bleibt, an dem ein friedliches Miteinander aller Menschen möglich ist, sollten wir uns mit Zivilcourage für Grundwerte und Demokratie einsetzen. Ihre Vorzüge nehmen wir häufig viel zu selbstverständlich hin. Mit einer Kultur des „Hinschauens“ und des „Eingreifens“ übernehmen wir als Staatsbürger und Christen soziale Verantwortung für unser unmittelbares Lebensumfeld und damit für die gesamte Gesellschaft.

Das Wort Zivilcourage stammt aus Frankreich und setzt sich aus den beiden Wörtern zivil (latein civilis, was soviel wie „bürgerlich“ als Gegensatz zu militärisch oder aber auch „anständig“, „annehmbar“ bedeutet) und courage (französisch „Mut“) zusammen. Ursprünglich war damit der Mut gemeint, den man als einfacher Bürger gegenüber staatlichen Autoritäten aufbringen musste, um sich selber vor jemand Mächtigerem zu schützen oder zu behaupten (courage-civique, „staatsbürgerlicher Mut“).

Unter Zivilcourage versteht man heute den Mut, sich ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile auf der Basis der Menschenrechte und demokratischer Werte gegen empfundenes Unrecht oder für eine bestimmte Überzeugung einzusetzen.

Ein Beispiel für Zivilcourage in der Vergangenheit geben die Menschen, die während der Judenverfolgung des Nazi-Regimes jüdische Familien bei sich aufgenommen und versteckt haben. Bekannte couragierte Persönlichkeiten waren z.B. die Gruppe um die Geschwister Scholl, die „Weiße Rose“, Graf von Stauffenberg oder Dietrich Bonhoeffer, die für ihre Überzeugungen sogar sterben mussten und so zu bekannten Märtyrern wurden.

Damit in Verbindung gebracht, löst der Begriff Zivilcourage oft Missverständnisse aus. Manche Menschen verstehen darunter eine Aufforderung zum Martyrium und bekommen es verständlicherweise mit der Angst zu tun. Auch heute hören wir in den Medien immer wieder von mutigen Bürgern, die es wagen, sich z.B. in eine Schlägerei mit Neonazis einzumischen, um dem Opfer beizustehen und dabei selbst zum (Todes-)Opfer werden. Das erschreckt und überfordert uns. Ist das die Art Zivilcourage, die von Politikern so oft eingefordert wird? Dann vielleicht doch lieber wegsehen, bevor man sich selbst Schererein einhandelt?

Heroischer Mut und kleinlaute Angst stehen sich wie zwei Pole gegenüber und werden manchmal für die einzigen Handlungsalternativen gehalten. Häufig nehmen wir nur das eine oder nur das andere wahr und glauben, dass wir aufgrund unserer mutigen/ängstlichen Persönlichkeit zu dem einen nicht fähig und deshalb zum anderen verdonnert sind. Eine derart anspruchsvolle Vorstellung von Zivilcourage stellt eine ständige Überforderung für uns „Normalbürger“ dar und führt eher noch zu Blockaden als zum Handeln.

Zivilcourage hat mit diesen beiden Extremen nichts zu tun. Der „Mut-Faktor“ bedarf einer differenzierten Betrachtungsweise. Zivilcourage ist nicht zu verwechseln mit Tapferkeit, Altruismus, Solidarität oder Widerstand. Nicht jedes mutige Verhalten im Alltag ist mit Zivilcourage gleichzusetzen. Zivilcouragiertes Handeln beinhaltet aber immer Mut. Fakt bleibt jedoch, dass Zivilcourage eine sehr persönliche Angelegenheit und Entscheidung ist. Zivilcourage kann nämlich auch unbequem sein. Da sie meist öffentlich geschieht, macht man sich für moralische Bewertungen und Kritik anderer angreif- und verletzbar. Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur bisher keine maßgebliche Definition von Zivilcourage. Je nach Betrachtungsweise wird sie unterschiedlich definiert.

Der bekannte Tübinger Friedensforscher Prof. Gerd Meyer versteht darunter eine demokratische Tugend, die jedoch nicht eine durchgängig tugendhafte Persönlichkeit voraussetzt. Er geht davon aus, dass Zivilcourage erlernbar ist, und hat dazu ein entsprechendes Trainingskonzept mit dem Namen „Zivilcourage lernen“ entwickelt.

Nach seinem Verständnis ist Zivilcourage eine Handlungsform, keine Eigenschaft. Einstellungen, Eigenschaften, Werte und Erfahrungen einer Person bilden lediglich ein gewisses Potenzial. Im Sinne von Ressourcen und Kompetenzen kann dieses Potenzial sowohl hinderlich als auch förderlich für zivilcouragiertes Handeln sein. Das wiederum ist abhängig von der individuellen Wahrnehmung und Einschätzung einer Situation (Notfall, Privatangelegenheit, andauernde Problemsituation, persönliches Risiko) sowie dem damit verbundenen empfundenen Handlungsdruck. Innerhalb dieses Handlungsdruckes gibt es aber auch immer Handlungsspielräume und Handlungsalternativen. Dazu sollte man eine erkennbare Chance sehen, dass man helfen oder etwas verändern kann.

Von der Polizei wurden sechs praktische Regeln zusammengestellt, die jeder unabhängig von einem Training für Zivilcourage in Notfällen anwenden kann:

  • Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen
  • Andere aktiv und direkt zur Mithilfe auffordern
  • Genaues Beobachten und Einprägen von Tätermerkmalen
  • Hilfe über den Notruf 110 organisieren
  • Sich um Opfer kümmern
  • Sich als Zeuge zur Verfügung stellen

Zivilcourage oder sozialer Mut sind jedoch nicht nur in akuten Not- und Bedrohungssituationen gefragt, sondern vor allem auch in vielen Alltagssituationen, z.B. am Arbeitsplatz, im Verein, in der Partei oder in der Schule.

Zivilcourage beginnt laut Roman Herzog bereits im Kleinen. Er sagte: „Das meiste Unrecht beginnt im Kleinen – und da lässt es sich mit Mut und Zivilcourage noch bekämpfen“ (1997).

Zivilcourage heißt im Konfliktfall auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. Dazu eine Begebenheit aus Dresden, die sich vor einigen Wochen ereignete: Mitglieder der NPD-Fraktion des sächsischen Landtags tätigten per E-Mail eine Zimmerreservierung im Holiday Inn Dresden. Die Antwort des Geschäftsführers auf die Reservierung lautete (E-Mail stark gekürzt):

„Wir sind erstaunt, dass Sie ausgerechnet ein amerikanisches Hotelunternehmen mit ausländisch klingendem Namen bevorzugen. Da Sie in unserem Hause nicht willkommen sind und ich es auch meinen Mitarbeitern nicht zumuten kann, Sie zu begrüßen und zu bedienen, haben wir gebeten, die Buchung zu stornieren. Sollte dies aus vertraglichen Gründen nicht möglich sein, darf ich Sie darauf hinweisen, dass ich sämtliche durch Sie getätigte Umsätze unmittelbar an die Dresdner Synagoge weiterleiten werde“.

Als Quellen persönlichen Mutes sieht Meyer u.a. Vitalität, Willenskraft, die Fähigkeit, Angst zu überwinden, Selbstbejahung, Empathie, Liebe, Verantwortungsgefühl, das Kennen der Menschenrechte, politische Überzeugung und nicht zuletzt spirituelle Kräfte, Glaubensstärke und Glaubensüberzeugung. Diese Quellen können uns stärken, wenn wir uns für andere einsetzen, Widerspruch üben und dabei anecken. Nur durch sozialen Mut kann die Auseinandersetzung mit sozialem Unrecht, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus gelingen.

Sophie Scholl drückte das wie folgt aus: „Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig.“

Wir können selber aktiv werden, indem wir uns z.B. ehrenamtlich engagieren. Vielleicht gibt es auch in unserer Stadt einen lokalen Aktionsplan im Rahmen des Bundesprogrammes „Vielfalt tut gut“ oder eine andere regionale Initiative. Auch Kinder und Jugendliche sollten möglichst früh an das Thema herangeführt werden. An vielen Schulen gibt es bereits Streitschlichterprojekte, bei denen die Kinder lernen, eine Streitkultur zu entwickeln, um konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Ein weiteres Programm von Kleff und Seibel, an dem ebenfalls Schulen teilnehmen können, lautet „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Besonders auch für den Religionsunterricht von Grundschulkindern ist das Konzept „Die Hingucker“ von Ursula Kraft geeignet.

Zivilcouragiertes Handeln, bringt auch einen positiven Nebeneffekt mit sich. Man entdeckt seine Selbstwirksamkeit und erkennt plötzlich, Einfluss nehmen zu können und die Möglichkeit zu haben, die unmittelbare Gegenwart aktiv gestalten zu können. Man kann nämlich sehr wohl mitreden! Positive Erfahrungswerte stärken wiederum den sozialen Mut. Sie spornen an weiterzumachen und sind gleichermaßen auch Ermutigung für andere.

Im Anklang an die Zitate von Sophie Scholl und Roman Herzog wünsche ich allen Lesern eine spannende Suche der eigenen Maßstäbe und ein Ent­decken, vor allem auch im Kleinen.

Quellen und Literatur:

Mencke, Barbara et al: „Ermutigung zur Zivilcourage“, Wochenschauverlag, Schwalbach Ts., 2003

Meyer, Gerd et al.: „Zivilcourage lernen. Analysen-Modelle-Arbeitshilfen“, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2004

Kraft, Ursula: „Die Hingucker“. Lehrerbegleitheft, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2007

www.hpd-online.de (E-Mail vom Holiday Inn, Dresden)

www.schule-ohne-rassismus.org

www.wikipedia.de (Übersetzung „Zivilcourage“, 6 Regeln der Polizei, Zitate)

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