Auschwitzkeule und Holocaust-Industrie
Formen rechtsextremistischer Vergangenheitsbewältigung
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Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland gilt im internationalen Vergleich als beispielhaft. Es ist viel geleistet worden und trotz vorhandener Versäumnisse und auch Desinteresse bis in die 60er-Jahrehinein schneidet Deutschland immer noch deutlich besser ab als manch anderes europäisches Nachbarland. Deutschland hat Vertrauen im Ausland und in der jüdischen Welt gewonnen. Es wird von Israel als Partner betrachtet und auch die Tatsache, dass jüdische Gemeinden in Deutschland seit 1990 durch Zuwanderung wachsen, neue Gemeinden entstehen und ein aktives, lebendiges Gemeindeleben gestalten, spricht dafür. Im Jahr 2001 tagte die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) in München: Entfaltungsmöglichkeiten seien ein Maß für Demokratie, und trotz der Gefahr durch Rechtsextreme ist Deutschland ein „Faktor des Friedens“, sagte Josef Sitruk, Oberrabbiner von Paris, auf der Tagung. Über 50 Jahre waren die Rabbiner nicht bereit, sich im Land der Schoa, des Holocausts, zu treffen und auch 2001 war es nicht leicht, den Kollegen zu erklären, dass die Reise nach Deutschland geht. Aber es gibt wieder eine Zukunft für Juden in Deutschland. Dass es keinen Grund gibt, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, beweisen Anschläge auf Kindergärten und Synagogen, Friedhofsschändungen und Übergriffe auf jüdische Geistliche. Das Erstarken der Rechten ist für viele beunruhigend. Seit der Wende kann man eine Häufung rechter Gewalt- und Propagandadelikte feststellen. Rechtsextremismus ist auch keine Randerscheinung mehr, er befindet sich mitten in der Gesellschaft, genauer gesagt in den Landtagen der Bundesländer. Die Erscheinungsformen des Rechtsextremismus können sehr unterschiedlich sein, dennoch ist eine gemeinsame Linie zu sehen: die Ablehnung der Demokratie und die Befürwortung der rechtsautoritären Diktatur (Führerprinzip), mangelnde Wertschätzung gegenüber dem offensichtlich oder mutmaßlichen Fremden. Die Überbewertung der nationalen Identität, die auf einer – real niemals möglichen – ethnischen Homogenität beruhen soll, auch die Diskriminierung sogenannter innerer Feinde, z.B. politische Gegner, religiöse Gruppen, bestimmte soziale Schichten (Wohlhabende oder Arbeitslose), Verunglimpfung aufgrund sexueller Orientierung oder Behinderung gehören ebenfalls dazu. Obwohl der moderne Rechtsextremismus keine nahtlose Übernahme der NS-Rassentheorien ist, bedient er sich gern der Symbolik, der Sprache und alter antisemitischer Stereotype, die auch im Dritten Reich benutzt wurden. Der Holocaust selbst und der Umgang damit stellen jedoch für die Rechten ein großes Problem dar. Er stehe der deutschen Identität im Weg, und durch Relativieren, Leugnen und antisemitische Umdeutungen werden die Opfer nachträglich zu Schuldigen gemacht. Die Überlebenden werden zu „Profiteuren der Holocaustindustrie“ gemacht, die sich bereichern wollen und die „Auschwitzkeule“ schwingen, um den deutschen nationalen Geist in Schach zu halten. Das Holocaustmahnmal wird zur „Bundesschamanlage“ und zum „Sühne-Erlebnispark“ (Berliner NPD1). Dieser Vorwurf der Instrumentalisierung des Holocausts wird als sekundärer Antisemitismus bezeichnet. Er ruft eine bestimmte Art von symbolischen Straftaten hervor: Wir beobachten zwar auch Angriffe auf jüdische Personen und raten vom Tragen der Kipa in der Öffentlichkeit dringend ab. Viel häufiger anzutreffen sind jedoch Aktionen gegen öffentliche Erinnerungskultur: Schändung von Denkmälern, Friedhöfen u.a. Formen des Gedenken, das Verbrennen des Anne-Frank-Buches, aber auch Anschläge auf jüdische Gebäude, die offenbar allein durch ihre Anwesenheit provozieren. In Halle wurden die ersten Gedenksteine für Holocaustopfer – die sogenannten Stolpersteine – in der ersten Nacht nach der Verlegung herausgerissen und gestohlen. Die Straftat wurde im Nationalen Beobachter Halle/Merseburg gelobt im Artikel „Halle setzt mal wieder Zeichen“2. Abwehr und Leugnen, der Vorwurf, man bekomme immer wieder die Vergangenheit vorgehalten, die man eigentlich vergessen möchte, sind Zeichen fehlender intensiver Beschäftigung und Aufarbeitung durch die Gesellschaft und einer jeden einzelnen Person. Gewissermaßen als Allheilmittel wird vor allem in letzter Zeit eine Stärkung der deutschen Identität, des deutschen Selbstbewusstseins angepriesen. Ausgerechnet die Fußballweltmeisterschaft – ein sportliches und kein politisches Ereignis – wurde als Wunderpille gegen Probleme mit der faschistischen Geschichte angepriesen. Und zwar von vielen Seiten der deutschen Gesellschaft, auch von jüdischer. Der Grundgedanke ist: Deutsche müssen lernen, wieder ein bisschen stolz auf sich zu sein, dann haben sie auch weniger Problem mit der Geschichte und müssen nicht immer so viele Denkmäler schänden. Das ist albern und lächerlich. Fußball ist ein Sport und Fußballfans haben ihre Freude daran. Mit Gedenkkultur und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat er aber nichts zu tun. Es geht beim Lernen aus der Vergangenheit nicht darum, Schuldgefühle zu bewirken und beständig wachzuhalten. Es geht um intensive Auseinandersetzung mit Fakten, mit geschichtlichem und politischem Wissen. Es geht auch um den Umgang mit Emotionen, vielleicht auch mit Scham über eigene Familienmitglieder. Aber eine reife Einstellung macht hier noch nicht Halt, sondern ermöglicht den Menschen sich weiterzuentwickeln, sensibler zu werden für alle Formen von Diskriminierung, sich vorzubereiten auf „Stammtischparolen“, die – manchmal vielleicht auch unbedacht – aus der Mitte der Bevölkerung kommen. Ein aufgemaltes Fähnchen im Gesicht kann diesen Lern- und Entwicklungsprozess weder bewirken noch ersetzen. Was kann man also tun, um diese Reife zu fördern? Rechte Gedanken sind keine jugendliche Erscheinung. Zwar gibt es unter Jugendlichen mehr rechtsextreme Gewalt, aber Propagandadelikte werden häufiger bei Älteren festgestellt. Trotzdem muss ein langer Entwicklungsprozess – wie der genannte, der gefördert und begleitet wird – im jugendlichen Alter beginnen, wenn er nachhaltig sein soll. Argumente, Daten und Fakten sind vorhanden, sie können nachgelesen werden, aber sie allein können eine intensive Beschäftigung und Reifung nicht in Gang setzen. Sie haben wenig bis nichts mit der Lebenswirklichkeit Jugendlicher zu tun. Eine aktivere, lebendigere Erinnerungskultur muss entstehen. Nicht nur an zwei Tagen im Jahr sollen Reden – so richtig und wichtig sie auch sein mögen – wiederholt werden, sondern das erinnernde Bewusstsein muss in den Alltag integriert sein. Viele Projekte zeigen uns einen möglichen Weg: Eine hallesche Schule hat das Gedenkbuch für Halle erstellt, es ist für jedermann online im Internet verfügbar3. Für die Schüler und Schülerinnen bedeutete dies aktive Beschäftigung mit Themen vor ihrer Haustür und emotionale Beteiligung: Die Zahlen der Holocausttoten bekamen Namen, Gesichter und Geburtstage. Es entstand eine Bindung an die Geschichte in Halle, die Abwehr und Relativieren nicht mehr möglich machte. Eine durchaus aktive Form des Erinnerns sind auch die Stolpersteine, die in vielen Städten die letzten Wohnorte der Holocaustopfer kennzeichnen. Sie ermöglichen den Kontakt zu den Nachfahren, die den Stolperstein besuchen, und machen klar, dass es sich nicht um fremde Tote, sondern um ehemalige Nachbarn handelt. Von älteren Schülern können Rundgänge gestaltet werden, die Informationen über die Opfer, aber auch zur jüdischen Geschichte enthalten und die die kleinen Steine ein wenig lebendig werden lassen. Solche und andere Formen der aktiven, selbstständigen Beschäftigung mit der Geschichte werden in vielen Städten von Schulen, religiösen Einrichtungen oder Initiativen unternommen und sind zukunftsweisend. Kompetenz und Reife beim Umgang mit der Vergangenheit müssen langfristig und zuverlässig gefördert werden. Hektischer Aktionismus, wenn „wieder etwas passiert ist“, hilft nicht weiter. Kapazitäten – Wissen und Zeit – bei Lehrern, Eltern, Kirchen, jüdischen Gemeinden und allen anderen aktiven Einrichtungen müssen mit langem Atem kontinuierlich gefördert und unterstützt werden. Ideen gibt es genug. 1url://berlin.npd.de/index.php?sek=0&pfad_id=13&cmsint_id=1&detail=244 2url://halle.nationalerbeobachter.de//content/view/416/17/ |
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