Zum Wert von Selbstbestimmug und Entscheidungsfreiheit

Bernhard Oestreich
„Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder da!, so sollt ihr’s nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, sodass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein. Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier” (Mt 24,23–28).

1. Erwartungen können zur Gefahr werden.

Dieses Wort sagte Jesus zu seinen Jüngern, also zu denen, die glaubten und deshalb viel von ihm erwarteten. Dieser Text ist eine Zumutung. Da sollte man sich doch freuen, wenn jemand glaubt. Stattdessen wird der Unglaube empfohlen. Jesus kennen wir als den, der die Hoffnungen der Menschen erfüllt. Statt- dessen wird gesagt: Wo sie erfüllt werden, da ist es ein Pseudo-Jesus.

Jesus warnt davor, Verführern zu verfallen, weil sie die Sehnsucht und Erwartung der Gläubigen nutzen. Wer keine Wünsche hat, ist nicht verführbar. Aber wer seine Hoffnung auf Jesus setzt, ist in Gefahr. Eine schnelle Erfüllung sollte uns misstrauisch machen.

Damals hofften die Jünger, Jesus zu begegnen, „hier oder dort“, in bestimmten Räumen oder in der Wüste. Und auch heute sehnen wir uns danach, Jesus zu erleben. Manchmal fragen wir uns: Wo bleibt das, was uns versprochen wurde: erneuertes Leben, Liebe in der Gemeinde, Kommen Jesu in Kürze? Die Jahre ziehen dahin, die Anfangsbegeisterung ist verflogen – und es geht sehr menschlich zu. Aber dann kommt jemand und verspricht: hier ist Jesus. Dann ergehen Einladungen, zu diesem Treffen oder zu jenem Kongress zu reisen, weil dort Jesus authentisch zu erleben sei, weil dort die Sehnsucht gestillt und die Hoffnung bestätigt werde. Glaubt es nicht, sagt Jesus.

2. Was ist falsch an den Verführern?
Sie versprechen genau das, was man sich wünscht, und zwar schnell.

Damals war es allgemeine Erwartung, dass der Messias in der Wüste auftreten wird. Ein Aufruf, in die Wüste zu gehen, traf also genau das, was die Menschen erhofften. Sehr gern wurde auch geglaubt, dass Christus in der Vorratskammer sei, also verborgen vor der Öffentlichkeit, vielleicht bei nur wenigen Auserwählten. Wer will da nicht dazugehören? Auch eine gewaltige Verkündigung, dazu Wunder und Zeichen sind das, was Menschen gerne wollen. Die Verführer treffen die Bedürfnisse der Menschen.

Jesus macht es nicht so. Er weiß genauer, was wir brauchen, als wir es selbst wissen. Er hat die Sehnsüchte der Menschen nicht einfach nur gestillt, er hat sie zunächst neu definiert. Deshalb blieben viele nach anfänglicher Begeisterung nicht bei ihm.

Das heißt, wo gesagt wird, was wir schon immer dachten, sollen wir misstrauisch sein. Wo uns die Frömmigkeit begegnet, die wir schon immer suchten, kann die Verführung lauern. Wo uns der Ernst abverlangt wird, den wir schon immer bei uns selbst sehen wollten, wo wir ganz schnell so werden, wie wir schon immer sein wollten, da rät uns Jesus: glaubt es nicht. Christus verspricht nicht die unmittelbare Erfüllung der Wünsche, auch nicht die Erfüllung unserer Wünsche nach „echter Frömmigkeit“, wie wir es uns schon immer vorstellten. Er mutet uns zu, noch etwas länger die Spannung auszuhalten, mit dem Unvollkommenen zu leben.

Sie machen die Welt überschaubar.

Die Verführer legen fest: Hier ist Christus, nicht da. Da wird die Welt schwarz-weiß. Man findet sich leichter zurecht. Es gibt nur noch die Guten und die Bösen, nichts mehr dazwischen. Die vielen Graustufen dazwischen sind weg, die das Leben so kompliziert machen.

Glaubt solchen Leuten nicht, sagt Jesus. Sie verkündigen, dass alle anderen abgefallen seien, nur eine Gruppe, unsere, sei wirklich gläubig. Schnellfertig klassifizieren sie die Menschen: „die Charismatiker“, „die Jugend“, „die Konservativen“, „die Katholiken“, „die Adventisten“, „die Prediger“.

Jesus mutet uns zu, die Buntheit des Lebens auszuhalten. Er mutet uns zu, den Teufel im Lichtgewand zu erkennen und Gott im Leid zu finden. Vor allem lässt er uns so viel Menschliches sehen, und zwar überall. Er traut uns auch zu, Gott in Gruppen und Lebensstilen zu finden, wo wir ihn nicht vermuten.

Sie bauen auf Autorität.

Die Verführer treten als Propheten auf. Das sind Leute mit Sendungsbewusstsein. Sie wissen sich von Gott dazu berufen, die Menschen zu retten oder dem Gericht auszuliefern. Autorität ersetzt Erklärungen: diese Persönlichkeit, diese Gemeinschaft, diese Wissenschaft sagt..., fertig.Jesus sagt, glaubt nicht blind, denkt selbst nach. Autorität ist wichtig, aber Kritik ist auch wichtig. Paulus hat in Korinth mit dem Autoritätsgerangel von Propheten zu tun gehabt und rät der Gemeinde: Lasst zwei oder drei reden und die anderen sollen es prüfen (1Kor 14,29; vgl. 1Thess 5,20–21).

Ihr Götze ist der Erfolg.

Zeichen und Wunder, also außergewöhnliche Erfolge, werden als Legitimation angeführt. Das ist freilich eine beeindruckende Legitimation: wenn man wirklich mutiger wird, seinen Glauben zu bekennen; wenn eine Methode wirklich mehr Menschen in die Gemeinde bringt; wenn man wirklich mehr Erfahrungen mit Gott macht. Erfolg ist die beste Werbung. Erfolg bestätigt die beanspruchte göttliche Autorität. Erfolg lähmt das Urteilsvermögen.

Jesus sagt: Glaubt auch dem Erfolg nicht. Was für eine Zumutung! Ist es nicht vor allem der Erfolg, den wir uns wünschen und täglich von Gott erbitten – der Erfolg im Gemeindewachstum, in der Mission, in der Heiligung, in der Erfahrung der Nähe Gottes? Und Jesus sagt: Wenn ihr euch entscheiden müsst, wo ihr hingeht, dann prüft genau, ob Gott nicht in der Gruppe ist, wo es mehr menschliche Schwächen und geringere Erfolgszahlen gibt. Es ist auch nicht ausgemacht, ob das ein Leben mit Gott ist, wo das Wort Gottes eine klare Richtung vorgibt und man täglich Erfahrungen macht. Gott mag mehr dort sein, wo man sich im Glaubensleben mit tausend Fragen herumschlägt, alles komplex und unübersichtlich ist und man trotz Bibelstudium und Gebet wie im Nebel einen unsicheren Schritt nach dem anderen tut. Glaubt dem Erfolg nicht, sagt Jesus, und mutet uns den schwierigen Weg zu. Warum macht er das?

3. Jesus setzt auf unsere Freiheit und Kraft zur Entscheidung.

Jesus traut uns Urteilskraft zu.

Die Welt ist nicht so schwarz-weiß, wie wir es manchmal wünschen. Wir würden an der Realität vorbeigehen, wenn wir es uns zu einfach machen. Und wir würden unsere Entscheidungskraft verleugnen, wenn wir unkritisch Autoritäten folgen oder dem, was Erfolg verspricht.

Jesus stattet unser Leben mit großer Offenheit aus.

Unser Weg ist kein Viehtrieb, festgelegt zwischen zwei Zäunen. Jesus nimmt uns ernst als Menschen, die sich ständig neu orientieren können. Damit wird uns auch die Ungewissheit zugemutet, auch die, dass wir uns nach einer Entscheidung fragen, ob das nun richtig war. So ist das Leben ein spannendes Abenteuer. Es kommt keine Langeweile auf. Was wird als Nächstes kommen? Welche Weggabelung habe ich nun zu entscheiden? Was hat Gott mit mir vor? Wer das nicht aushält, der lässt sich von Vereinfachungen, von Autoritäten oder Erfolgsmeldungen einfangen. Gott aber hat uns mutig und voller Abenteuerlust geschaffen. Dahinter wollen wir nicht zurückbleiben.

Gott ist deutlich genug.

Jesus vergleicht seine Ankunft mit einem Blitz. Das heißt, wenn es darauf ankommt, wird Gott es sehr hell strahlen lassen. Wir werden das Heil nicht verpassen, weil wir es übersehen haben, höchstens, weil wir es übersehen wollten. Gott macht sich verständlich und ist so verlässlich, dass wir getrost und fröhlich unser Leben gestalten können.

Jesus rechnet mit unserem gesunden Menschenverstand.

Am Ende des Abschnitts bringt er eine allgemeine Lebensweisheit: Kreisen am Himmel Geier, kann man daraus schließen, dass dort ein Aas liegt. Das ist logisch. Jesus sagt: Gebraucht euren Kopf, gebraucht die Weisheit der Generationen vor euch, die solche Sprüche hervorgebracht haben. Seid vernünftig und seid kritisch. Er sagt uns nicht, wie wir dieses Sprichwort deuten sollen. Es steht nicht da, dass es um die Zeichen der Zeit vor der Wiederkunft Jesu geht. Vielleicht will er einfach sagen: Ihr seid doch sonst pfiffig genug, eure Schlüsse zu ziehen. Also gebraucht euren gesunden Menschenverstand auch dann, wenn es um Glaubensverführung geht.

So hoch schätzt Jesus uns ein! So viel traut er uns zu: Ihr habt einen Verstand, die Risiken zu erkennen. Lasst euch nicht dumm machen! Ihr habt Mut zum Abenteuer, lasst euch nicht aus Angst die Möglichkeiten abschneiden! Ihr habt Kraft zur Vielfalt, lasst euch nicht in Schwarz-Weiß-Muster einzwängen! Ihr habt einen Gott, der sich deutlich um euch bemüht und sich verständlich machen wird. Vertraut ihm!

Bernhard Oestreich, Ph.D, ist Dekan des Fachbereichs Theologie
und Dozent für Neues Testament an der ThHF.

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