Benedikt XVI. und der Sabbat ...
War der Sonntag unabdingbar?
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Das Jesusbuch Benedikts XVI. enthält auch eine tiefgründige Erörterung des Sabbats, wesentlich im Anschluss an des jüdischen Theologen Jakob Neusner Ein Rabbi spricht mit Jesus (München 1997). Von Polemik kann bei beiden, Neusner und dem Papst, keine Rede sein. Beide respektieren die andere Seite mit großem Ernst, obwohl sie am Ende eingestehen, dass sie getrennte Wege gehen müssen. Zumal Adventisten werden das Buch Benedikts XVI. mit Spannung lesen. In der stark verkürzten Darstellung, die wir hier wagen, soll es – das sei hervorgehoben – nur um einen Aspekt gehen.
„Gerade von jüdischer Seite wird – durchaus zu Recht – immer wieder gefragt: Was hat denn euer ‚Messias‘ Jesus gebracht? Er hat nicht den Weltfrieden gebracht und das Elend der Welt nicht überwunden. So kann er doch wohl der wahre Messias nicht sein, von dem gerade dies erwartet wird. Ja, was hat Jesus gebracht?“ (S. 149). Benedikt XVI. antwortet: Diese Universalisierung aber – darin ist Benedikt XVI. zuzustimmen – wäre nicht möglich gewesen ohne das Aufbrechen der Sozialordnung Israels. Jesus hat überhaupt keinen politisch-sozialen Entwurf hinterlassen. Das ist ein weltgeschichtlich einmaliger Vorgang. „Entscheidend ist die grundlegende Willensgemeinschaft mit Gott, die durch Jesus geschenkt ist. Von ihr her sind die Menschen und die Völker nun frei, zu erkennen, was in politischer und sozialer Ordnung dieser Willensgemeinschaft gemäß ist, um so selbst die rechtlichen Ordnungen zu gestalten“ (S. 151). Wir fragen: War es unabdingbar, mit den Sozialordnungen Israels auch den Sabbat beiseitezuschieben? „War es gut, die große soziale Funktion des Sabbats zu gefährden, Israels heilige Ordnung aufzubrechen zugunsten einer Jüngergemeinschaft, die sozusagen allein von der Gestalt Jesu her definiert wird? Diese Frage könnte und kann sich erst in der sich entfaltenden Jüngergemeinschaft – der Kirche – klären“ (S. 144). Dies ist eine These, die in der Tat einer besonderen Untersuchung bedürfte. Denn Jesus und die Apostel haben mit ausdrücklichen Worten den Sabbat weder beiseite- geschoben noch bekräftigt, geschweige denn die Sonntagsfeier eingeführt. Man könnte dazu bemerken, das eine wie das andere sei angesichts der von Jesus vorgenommenen Entsakralisierung der Rechts- und Sozialstrukturen auch überflüssig gewesen. Doch Benedikt XVI. sieht die Sache differenzierter. Mehrfach würdigt er die heilsame Funktion des Sabbats (Sonntags) auch und gerade für uns heute. Ebenso wichtig ist ihm die Schöpfungsintention. Zustimmend zitiert er Neusner: „An diesem Tag feiern wir die Schöpfung ... Denn am Sabbat nicht zu arbeiten bedeutet mehr, als ein Ritual peinlich genau zu erfüllen. Es ist eine Art Nachahmung Gottes“ (bei Benedikt XVI. S. 140). Überhaupt gehe es um das „rechte Ineinander von Altem und Neuem Testament“ (S. 154). Kurz: Nach seinem Verständnis enthält das Sabbatgebot unverzichtbare Kernanliegen. Darum deren Übertragung auf den Sonntag. Zu fragen ist aber, ob der Sonntag wirklich unabdingbar war: ob die Kernanliegen des Sabbatgebots im biblischen Sabbat besser bewahrt sind, ob hier Form und Inhalt, Symbol und Botschaft überzeugender einander entsprechen. Ist ein erneuerter Sabbat, also ein Sabbat in der Freiheit und Ruhe Christi, wirklich etwas Undenkbares? Hätte er tatsächlich die Universalisierung des Gottesvolkes blockiert? Immerhin gibt es heute Millionen von Christen, die den Sabbat feiern. Der Einwand freilich (den wir hier gedanklich konstruieren), dies sei im Wesentlichen ein erst im 19. Jahrhundert einsetzendes, auf dem Boden eines schon vorhandenen Christentums gewachsenes Faktum, wäre zu bedenken. Doch wie dem auch sei: Sabbat feiernden Christen kann ein Glaube von der Auferstehung her nicht abgesprochen werden. Am Schluss seines großen Kapitels „Die Tora des Messias“ unterscheidet Benedikt XVI. innerhalb der Tora zwischen kasuistischem Recht (das konkrete Rechtsfragen regelt) und dem apodiktischen Recht (den grundlegenden, immerwährenden Ordnungen). Beide Rechtsordnungen stehen auf unterschiedlichen Stufen von Autorität (s. 5. Mose 4). Danach aber, so schlussfolgern wir, müsste das Sabbatgebot als eine übergeordnete, apodiktische Norm verstanden werden. Nun mag man entgegnen, die Geschichte habe doch längst ihren Spruch gefällt: für die Sonntagsfeier. Aber kann die Geschichte an die Stelle Gottes treten? Wir spüren, dass unsere Überlegung weitere Fragen aufwirft, z.B. die nach dem Verständnis von Tradition, genauerhin von Kirche. Doch wir halten ein und schließen mit dem friedvollen Zitat Benedikts XVI.: „Vom ,Menschensohn‘, vom Maßstab Jesu her, ist der Mensch frei und weiß den Sabbat recht als Tag der Freiheit von Gott her und für Gott zu gebrauchen“ (S. 374). Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil. Freiburg: Herder 2007. |
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