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aus einer Verantwortung verabschieden ...“

“Wer den Dialog pflegt, kann sich eigentlich niemals
aus einer Verantwortung verabschieden ...“

Christian Wannenmacher im Gespräch mit Dr. Antje Vollmer
Die promovierte Kirchenhistorikerin Antje Vollmer war fast zwanzig Jahre lang Abgeordnete der Grünen im Deutschen Bundestag. In 2006 hat sie in einem langen Interview mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Hans Werner Kilz eine politische Bilanz gezogen: Eingewandert ins eigene Land. Was von Rot-Grün bleibt (München: Pantheon-Verlag). Im letzten Jahr folgte dann ein konzentriertes Plädoyer gegen den Missbrauch der Religion und seine Folgen: Gott im Kommen? Gegen die Unruhestifter im Namen Gottes (München: Kösel-Verlag). Es lädt ein zum anhaltenden Dialog über die Frage, was gute Religion ist.
Christian Wannenmacher, Co-Autor des zur gleichen Zeit erschienenen Buches Amerika. Mit Gewalt in den Gottesstaat (Halle: Mitteldeutscher Verlag) führte für den DIALOG ein Interview in den Räumen des Evangelischen Presseverbandes für Bayern e.V. (EPV) in München.

 

DIALOG: Sie sind 1943 in Lübbecke geboren. Wesentliche Stationen Ihres Studiums waren Berlin, Heidelberg, Tübingen und Paris. Von welchen Personen waren Sie in dieser Zeit besonders beeindruckt?

Antje Vollmer: Als ich von 1962 bis 1967 Theologie studierte, war Kurt Scharf einer der ganz großen, prägenden Figuren – nicht nur wegen seiner Geschichte der Bekennenden Kirche, sondern auch wegen seiner speziellen, sehr heiteren, fast frommen, aber immer unerschütterlichen und geraden Haltung. Eine sehr prägende Gestalt für mich war außerdem Ernst Käsemann in Tübingen. Und der war nun ganz anders als Kurt Scharf: ein Kämpfer mit dem Wort, mit dem Geist, mit der ganzen Person, der uns Studenten immer gesagt hat: „Ich bedaure, dass Sie in diesen Zeiten leben, denn zu den Zeiten der Bekennenden Kirche hat ein Pastor, der ein bisschen sein Neues Testament ernst nahm, immer eine mutige Gemeinde hinter sich gehabt und damit auch in Gemeinschaften gelebt, die wussten, worum es ging. Die Zeit des Konsumismus wird eine wirklich schwierige Zeit werden für die Kirchen und für den Protestantismus insbesondere.“

DIALOG: Welche Rolle spielte Ihre Konfession bei den Grünen?

Vollmer: Die Grünen als Gruppe würde ich insgesamt als stark kirchenkritisch einschätzen. Es gab aber in der grünen Bundestagsfraktion immer Mitglieder, die gesagt haben: Die Wurzeln der Grünen haben ganz viel mit den christlich Friedensbewegten zu tun. Und gelegentlich habe ich angesichts der grünen Kritik an der Kirche als Machtfaktor ironisch hinzugefügt: „Wir als Minderheitenpartei werden uns eines Tages noch um die Minderheit der katholischen Nonnen kümmern müssen.“ Das sollte heißen: Ihr schätzt die Kirche viel mächtiger ein, als sie gesellschaftlich wirklich ist – jedenfalls bei uns in Europa. 

DIALOG: Und für Sie persönlich?

Vollmer: Für mich persönlich war außerdem noch etwas anderes sehr wichtig: Ich bin zwar ausgebildete Theologin (und auch Pastorin gewesen), aber zugleich bin ich eine ganz strikte Vertreterin der Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat. Mit dem Moment, als ich Politikerin wurde, habe ich bewusst und immer Wert darauf gelegt, die beiden Rollen zu trennen. Ich finde, dass es ein zu Machtmissbrauch neigendes Instrument ist, Pastor und Politiker in einer Person sein zu wollen, weil man damit ein zusätzliches Instrument der Einflussnahme auf die Seelen der Menschen hat.

DIALOG: Als man „noch darüber flüsterte“ (Peter Sloterdijk), dass Sie ein Buch über politische Theologie schreiben, traten Sie im März 2007 zusammen mit Jan Assmann im Philoso­phischen Quartett auf. Was haben Sie von beiden gelernt und wo grenzen Sie sich ganz entschieden ab?

Vollmer: Ich habe von beiden den Respekt vor den Gottesbildern gelernt, die es vor dem Monotheismus gegeben hat. Aber anders als sie empfinde ich das Entstehen des Monotheismus nicht als Sündenfall gegenüber einem viel weltnaheren Gottesverständnis, sondern glaube, dass es in der historischen Entwicklung einfach eine Notwendigkeit war.

DIALOG: Und wo trennen sich Ihre Meinungen, wenn die Entwicklung notwendig war?

Vollmer: Zwei Vorwürfe machen ja Sloterdijk und Assmann: Zunächst behaupten sie, dass der Monotheismus eigentlich weltfeindlich sei, dass er also das Genießen der Schönheit der Welt nicht erlaubt. Angesichts der Unterstellung eines asketischen Radikalismus sage ich, das stimmt einfach nicht. Es gibt ungeheuer viele Texte, die Gott, den Schöpfer, und zugleich die Schönheit der Welt feiern, sie in einem wunderbaren Zauber beschreiben. Und das Zweite ist, dass sie den Monotheisten vorwerfen: Wer einen anderen Glauben hat, gilt ihnen als jemand, den man überwinden und bekämpfen muss, der der Ungläubige, der Ketzer, der Böse ist.  Ein so verstandener Wahrheitsanspruch führt dann zu religiös begründeter Militanz. Dem kann man nicht ganz widersprechen, weil wir tatsächlich in der Geschichte der großen Monotheismen dieses Moment der Überrumpelung haben, bis hin zu einer Imperiumsreligion. 

DIALOG: Die amerikanische Bereitschaft, mit Menschenrechtsbegründungen einen Krieg zu erklären, hat nach Ihrer Einschätzung ein zusätzliches Moment der Willkür in die Welt gebracht, über das Sie nach eigenen Angaben „am allermeisten nachgrübeln“. Diese Bereitschaft einer Supermacht hat den Dialog der Religionen sicher nicht erleichtert. Ist aber unter dieser Voraussetzung jede religiöse Weltdeutung, die unter Berufung auf Gott und sein Kommen Einzelne bekehren möchte, sofort einem latent terroristischen Motiv verfallen?

Vollmer: Ich finde, darauf kann man am besten antworten mit dem Hinweis auf die Mittel, die jemand benutzt, denn sie geben sehr viel Auskunft über die Zwecke, die er verfolgt. Also, nicht der Zweck heiligt die Mittel, sondern die Mittel geben Auskunft über die Zwecke. Nicht-friedliche Mittel können sehr selten einem friedlichen Ziel dienen, dies ist schon logisch (und spirituell auf jeden Fall) wahr. Deswegen, die Gesetze des Dialoges gelten für jeden, auch für den, der schlechte Ziele verfolgt, oder der schlechte Mittel benutzt. Wer den Dialog will, kann sich eigentlich – bis der erste Schuss fällt – niemals verabschieden aus seiner Verantwortung, dem potenziellen Täter noch in den Arm zu fallen.

DIALOG: Aber der Wechsel der Religion ist kein Phänomen, das Sie ächten möchten? – wo Sie sagen: „Da hört der Dialog auf“?

Vollmer: Der Grundgestus dieses Missionarischen geht in der Regel davon aus, dass ich ein Stückchen mehr von der Wahrheit weiß als der andere, geht also von meiner strukturellen Überlegenheit aus. Das kann trotzdem mit dem edlen Motiv verbunden sein, den anderen retten zu wollen. Aber diese Überlegenheit macht mich meistens relativ blind für die Wahrheitsanteile, die der andere haben könnte. Dieses Moment der eigentlich schon vorausgegangenen Überlegenheit muss raus aus dem Dialog. Das war ja letztendlich auch die Idee, warum man einmal in Deutschland von der Inneren Mission geredet hat. Da hat man versucht, den Gestus der Welteroberung und der strukturellen Überlegenheit aus  dem Missionsgedanken herauszunehmen und wieder auf uns selbst zu reduzieren. Innere Mission hieß: Wir müssen uns doch erst einmal selber missionieren. Wer sind wir denn eigentlich, dass wir diesen Überlegenheitsgestus einnehmen wollen?  Damals ist man zu dem Punkt gekommen, dass die Schwäche des Christentums im eigenen Lande liegt. Ich finde, die Bilanz ist immer noch wahr.

DIALOG: ... und der Wechsel der Konfession möglich, aber nur, wenn die Mittel dialogische sind?

Vollmer: Ja, wobei ich jedoch finde, dass die Vielfalt der Religionen insgesamt und heute erst recht eine Weltbereicherung ist. Also, wir brauchen nicht mehr die Idee der einheitlichen Weltreligion, sondern entdecken gerade, dass die großen Wahrheiten der Religion in der Vielfalt vielleicht wesensgemäßer offenbart werden als in der Monokultur nur einer religiösen Botschaft.

Eine längere Fassung des Interviews findet sich bei StaOnline Nachrichten und eine Rezension des Buches im AdventEcho März 2008.                                                       

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drucken | Stand: 16.02.2008 01:45
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