Archäologie – Abraham und seine Kamele

Friedbert ninow
Wenn man eine Konkordanz zur Hand nimmt und den Begriff „Kamel“ nachschlägt, stellt man fest, dass es im 1. Buch Mose (Genesis) vierundzwanzig Hinweise auf diese großen Lasttiere gibt. In Kapitel 12,16 erfahren wir, dass Abraham „Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele“ vom Pharao bekam, als dieser Sarah in seinen Harem aufnahm. In Kapitel 24,10 reist der Diener Abrahams mit „zehn Kamele[n] von den Kamelen seines Herrn und zog hin und hatte mit sich allerlei Güter seines Herrn und machte sich auf und zog nach Mesopotamien, zu der Stadt Nahors“. Von der Rückreise wird berichtet: „So machte sich Rebekka auf mit ihren Mägden, und sie setzten sich auf die Kamele und zogen dem Manne nach. Und der Knecht nahm Rebekka und zog von dannen. Isaak aber war gezogen zum „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“ und wohnte im Südlande. Und er war ausgegangen, um zu beten auf dem Felde gegen Abend, und hob seine Augen auf und sah, dass Kamele daherkamen.  Und Rebekka hob ihre Augen auf und sah Isaak; da stieg sie eilends vom Kamel“ (Gen 24,61–64). Als Jakob sich aufmacht, um aus Mesopotamien zurück zu seinem Vater Isaak nach Kanaan zu ziehen, lädt er seine Frauen und Kinder auf Kamele (Gen 31,17); beim Zusammentreffen mit Esau schenkt er seinem Bruder neben anderen Tieren „dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen“ (Gen 32,16).

Josef wird von seinen Brüdern an eine ismaelitische Kamelkarawane verkauft, „die trugen kostbares Harz, Balsam und Myrrhe und zogen hinab nach Ägypten“ (Gen 37,25). Die Textstellen machen deutlich, dass Kamele zur Zeit der Patriarchen existierten, dass sie als Last- und Reittiere verwendet wurden, d.h. dass sie domestiziert waren.

Es gibt zwei Arten von „Kamelen“, die in den Wüsten dieser Welt leben: Da ist zum einen das Baktrische Kamel (Camelus bactrianus) mit zwei Höckern, das vornehmlich in den Steppen und Wüsten Zentralasiens beheimatet ist, und das Dromedar (Camelus dromedarius) mit einem Höcker, das in Nordafrika und dem Nahen Osten zu Hause ist.

Das Vorkommen von Kamelen im Genesis-Bericht hat kritische Forscher veranlasst, diese Stellen als typische Anachronismen zu betrachten, da nach ihrer Auffassung Kamele erst um 1000 v. Chr. in Palästina domestiziert worden seien. Niels Peter Lemche schreibt: „Es gibt in den Erzvätererzählungen ... Elemente, die einer Frühdatierung Schwierigkeiten bereiten. Da ist z.B. der Umstand, dass in Genesis 24 der Diener Abrahams für seine Reise nach Mesopotamien, um eine Braut für Isaak zu werben, Kamele als Reit- und Lasttiere benutzt ... Ein Problem in dieser Erzählung stellt nun der Umstand dar, dass das Kamel im Vorderen Orient erst kurz vor 1000 v. Chr. domestiziert worden ist. Selbst wenn auch schon früher vereinzelt Kamele gezähmt worden sein mögen, finden wir keinen Hinweis darauf, dass dieses Tier damals schon als Reittier benutzt worden wäre. Trotzdem berichtet der Verfasser von Genesis 24 unbekümmert vom Gebrauch des Kamels als Reittier; offenbar ist dies für ihn bereits selbstverständlich geworden. Dieses Element, das in der Erzählung nicht als sekundär zu betrachten ist, legt den Schluß nahe, dass die Erzählung nicht vor 1000 v. Chr. verfasst worden sein kann“ (Die Vorgeschichte Israels, Bd. 1. Stuttgart: Kohlhammer 1996, S. 69f.). Diese und viele andere solcher Feststellungen verschließen die Augen vor der Tatsache, dass es eine ganze Reihe von archäologischen Funden und Hinweisen gibt, die darauf schließen lassen, dass das Kamel/Dromedar schon früher domestiziert worden war, als die obigen Äußerungen vermuten lassen.

Einer der frühesten Belege für die Domestizierung des Kamels kommt aus dem Iran. Dort ist man auf Hinweise gestoßen, die vermuten lassen, dass das Baktrische Kamel schon in der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends vor einfache Karren gespannt wurde. Im Jahre 1912 publizierte Georg Schweinfurth eine Felszeichnung, die man im südlichen Ägypten in der Nähe von Assuan entdeckt hatte; sie stellt einen Mann dar, der ein Dromedar an einer Leine führt (siehe Abbildung). Auf der Grundlage einer Inschrift, die sich neben der Zeichnung befand, wurde diese auf die zweite Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. datiert. Während der Ausgrabungen in Byblos im Libanon entdeckten Archäologen in einem Tempel eine kleine bronzene Figur eines Dromedars. Die Form des Nackens und des Kopfes sowie die Position der Vorderläufe unter dem Körper lassen keinen Zweifel an der Art des Tieres aufkommen. Auch dieser Fund wurde in die zweite Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. datiert.  In den Jahren 1924 und 1928 unternahm die Archäologin Gertrude Caton-Thompson Ausgrabungen in Umm es-Sawan in der Fayum-Oase in Ägypten. Während dieser Grabungen wurde ein Seil entdeckt, das man zur weiteren Analyse in ein Labor schickte. Die Untersuchungen ergaben, dass das Tau aus Kamelhaaren geknüpft worden war. Für einige Kommentatoren ist das ein Hinweis für domestizierte Kamele (wobei anzumerken ist, dass Kamelwolle auch von wilden Kamelen aufgelesen werden konnte). Ein altbabylonischer Text vom Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. aus Alalakh in Syrien erwähnt als Teil einer langen Rationsliste auch Zuwendungen zum Füttern von Kamelen. In der Heimatstadt Abrahams, in Ur (südliches Mesopotamien) wurde eine goldene Kamelfigur in einer Schicht entdeckt, die man um das Jahr 2000 v. Chr. datierte.

Es ist richtig, dass die Hinweise für die Domestizierung von Kamelen/Dromedaren nicht massenhaft gesät sind. Das hat vermutlich damit zu tun, dass das Kamel/Dromedar damals (wie auch heute) keine allzu große Rolle bei der sesshaften Bevölkerung und nur eine geringe Rolle im nomadischen Kontext gespielt hat. Aus diesem Grund dürfen wir nicht auf reichhaltige Hinweise auf dieses Tier hoffen. Trotzdem gibt es genug Anhaltspunkte dafür, dass die Belege für Kamele im Patriarchenbericht des Alten Testaments nicht Anachronismen sein müssen.

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