Werte – Wandel und Beständigkeit

Ringvorlesung

Thomas Spiegler
„Die heutige Jugend zeigt kaum noch Respekt vor den Eltern. Sie ist von Grund auf verdorben, voller Ungeduld und ohne jede Selbstbeherrschung. Über die Erfahrungen und Weisheiten der Älteren spottet sie.“ So die Inschrift auf einer ca. 4000 Jahre alten ägyptischen Steintafel.

Offensichtlich liegt die Beständigkeit bei dem Thema Werte vor allem im Wandel. Der Eindruck, dass Werteüberzeugungen der einen Generation nicht fraglos von der folgenden übernommen werden, zieht sich als Dauerthema durch die Geschichte menschlichen Zusammenlebens.

Vom 3. Dezember 2007 bis zum 28. Januar 2008 widmete die Theologische Hochschule Friedensau diesem alten Thema eine Ringvorlesung. In insgesamt sieben öffentlichen Vorträgen wurde aus verschiedenen Perspektiven der Frage nach Beständigkeit und Wandel der Werte nachgegangen. Einen Teil der Vorträge hielten Friedensauer Dozenten, drei Abende wurden von eingeladenen Gastreferenten gestaltet. Die Form der Ringvorlesung hat dabei schon Tradition; auch in zurückliegenden Jahren widmeten sich öffentliche Vorlesungsreihen außerhalb des Studienprogramms aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen.

An dieser Stelle soll nicht der Versuch unternommen werden, die verschiedenen Beiträge in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Dazu ist das Feld der bearbeiteten Themen zu weit. Es reicht von der kritischen Hinterfragung der These eines Wertewandels über die Veränderungen und Kontinuitäten in einzelnen Bereichen der Gesellschaft wie Familie oder Jugend bis hin zur Frage nach den Chancen und Risiken von Wertepluralismus in einer globalisierten Welt. Und daneben ging es gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven um das Verhältnis von Religion und Werteorientierung beziehungsweise Wertevermittlung. Daher sollen im Folgenden lediglich zwei Gedankenanstöße stellvertretend für die Fülle möglicher Anknüpfungspunkte genannt werden.

Dr. Carsten Gennerich von der Universität Bielefeld zeigte in seinem Vortrag anhand des Wertekreises von Shalom Schwartz, wie die persönlichen Wertevorstellungen, die wir im Laufe unseres Aufwachsens übernehmen und entwickeln, im Zusammenhang stehen mit bestimmten religiösen Überzeugungen und Vorstellungen von Gott. Wenn Menschen in ihren Annahmen über Gott und ihren Erwartungen an Religion verschieden sind, dann steht dies nicht selten im Zusammenhang mit unterschiedlichen Werteüberzeugungen und Lebensorientierungen in anderen Bereichen.

Selbstverwirklichungsorientierte Personen beispielsweise empfinden Gott eher als Ressource und Quelle für den individuellen Weg. Traditionsbewusste und nach Sicherheiten strebende Menschen sehen ihren Glauben an Gott dagegen eher als stabilen Bezugspunkt, der Orientierung in einer pluralen GeselÏlschaft vermitteln soll. Eine von vielen möglichen Schlussfolgerungen daraus lautet: Wo öffentlich von Gott gesprochen wird, nimmt die Art und Weise, in der dies geschieht, Einfluss darauf, welche Menschen sich am Ende davon eher angesprochen fühlen werden.

Prof. Dr. Dr. Ziebertz von der Universität Würzburg zählt in Deutschland zu den führenden Forschern im Bereich Religionspädagogik und empirische Theologie. In einem anschaulichen Vortrag widmete er sich der Frage nach Mö­­glichkeiten der Wertevermittlung im schulischen Religionsunterricht. Ein einhelliger Befund dabei ist, dass Schüler den Religionsunterricht zwar schätzen, aber eher einen Überblick über die Fülle religiöser Orientierungen wünschen als die ausschließliche Unterweisung in einer spezifischen christlichen Tradition. Ne­ben die Zielstellung, einen bestimmten Wertekanon direkt vermitteln zu wollen, tritt zunehmend der Bedarf an einer Erziehung, die Menschen befähigt, angemessen und friedlich mit Vertretern andersartiger Wertevorstellungen und Überzeugungen umzugehen. Das scheint viel­leicht ein sehr allgemeines Ziel zu sein. Aber der Blick in die täglichen Nachrichten zeigt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, friedliche Formen der Konfliktregelung zu finden. Selbst dort nicht, wo „nur“ verschiedene religiöse Orientierungen aufeinandertreffen. Es ist da­her mehr als wünschenswert, dass Religion nicht nur stabile Wertemuster tradiert, sondern auch die Fähigkeit, mit den nicht weniger festen Vorstellungen des Andersdenkenden fair umzugehen.

Thomas Spiegler, Dipl.-Theol., Dr. phil.,Dozent für Wissenschaft und Forschung an der ThHF

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