Predigtwerkstatt Nr. 35

"Gott ist mittendrin im Alltag" Predigttext: Markus 5,35–43

Bernhard Oestreich

Schritt 1: Lauschen auf den Text

Ein Mädchen ist gestorben. Was für ein Elend! Sie war kurz vor dem heiratsfähigen Alter, zwölf Jahre alt, das blühende Leben, die Freude ihrer Eltern. Jesus kommt und tut ein großartiges Wunder: Das tote Kind kehrt ins Leben zurück.
Aber es gibt im Text viele Aussagen, die ich merkwürdig finde:

1. Jesus reduziert die Zahl der Jünger, die ihn begleiten dürfen, auf drei: Petrus, Jakobus und Johannes (V. 37). In seinem Tross waren viele Anhänger und Mitläufer. Es wird ausdrücklich gesagt, dass Jesus nicht zuließ, dass die anderen mitkamen. Sie wären sicher gern bei Jesus geblieben. Warum durften sie das Wunder nicht miterleben?

2. Dann fragt er, warum so viel Aufsehens gemacht wird (V. 39). Es klingt wie ein Vorwurf. Dabei war eine laute und vielstimmige Totenklage gesellschaftlicher Brauch. Was soll diese Frage?

3. Noch merkwürdiger ist die Aussage: Das Kind ist nicht gestorben, sondern schläft (V. 39). Jeder wusste doch, dass das Kind schwer krank war und schließlich gestorben ist. Warum sagt er das? Er macht sich lächerlich.

4. Er begrenzt die anwesenden Familienmitglieder auf zwei, nämlich die Eltern (V. 40). Großeltern, Geschwister, Verwandte, alle sind gekommen, um am Leid der Familie Anteil zu nehmen. Sie müssen hinaus.

5. Die Auferweckung des toten Mädchens geschieht ohne jede Dramatik. Jesus nimmt sie bei der Hand, spricht sie an und richtet sie auf, so als wäre sie wirklich nur eingeschlafen (V. 41.42). Es gibt eine Auferweckung eines Kindes im Alten Testament, die viel dramatischer geschildert wird. Als Elia das Kind der Witwe, bei der er zu Gast war, auferweckte, legte sich der Prophet dreimal auf das Kind und rief laut zu Gott (1Kön 17,20–22). Warum handelt Jesus so unspektakulär?

6. Jesus gebot, dass man die Auferweckung nicht bekanntmachen sollte (V. 43). Was soll das? Kann denn so ein Wunder verborgen bleiben? Sollen die Eltern überall sagen, dass das Kind nur geschlafen hat? Das Wunder hätte Jesus doch alle Ehre gemacht, vielleicht manchem zum Glauben geholfen. Warum verbietet er, darüber zu reden?

7. Mitten in die Aufregung des Wunders, mitten in das Staunen und Reden und Begeistertsein sagt Jesus den Eltern: Gebt ihr zu essen (V. 43). Muss diese Aufforderung nicht wie eine Ernüchterung gewirkt haben? Die Feier des Wunders ist beendet, jetzt kommt der Alltag wieder. Man geht in die Küche. Warum hat er nicht gesagt: lasst uns ein Danklied singen, oder: lasst uns eine Erfahrungsstunde halten?

Sieben Details des Berichts zeigen: Jesus spielt die Sensation herunter.

Schritt 2: Entdecken der Aktualität des Textes

Was hat Jesus gegen Sensationen? Ich wünsche mir mehr Wunder, weil ich hoffe, dass dadurch mein Glaube gestärkt wird. Der Alltag dagegen scheint mir unattraktiv. Jesus sieht es offensichtlich anders. Er wertet den Alltag auf. Nicht das Leben von Sensation zu Sensation, sondern das gesunde normale Leben ist sein Ziel. Dazu gibt er das Kind den Eltern wieder.

Hat er nicht recht? Was für eine Entlastung! Ich muss nicht jeden Tag ein Wunder erleben. Ich muss nicht ständig eine besondere Erfahrung mit Gott berichten können. Die normalen Tage, wo nichts Sensationelles passiert, sind nicht Tage ohne Gott, sondern sein Geschenk. Ja, es ist Wunder genug, dass ich lebe und meiner täglichen Arbeit nachgehen kann. Ganz unspektakulär hat er bis heute mein Leben und meinen Glauben gerettet und erhalten.

Schritt 3: Predigtbotschaft

Gott ist mittendrin im Alltag, das ist wichtiger als sensationelle Erfahrungen.

Schritt 4: Gliederung

Einleitung: Jesus hat ein totes Mädchen erweckt.
Ein großes Wunder. Ich wünsche mir auch solche Wunder, möglichst viele. Manchmal bin ich etwas neidisch auf die, die großartige Wunder berichten können.

1. Jesus spielt die Sensation herunter.
a) Er reduziert die Zahl der Zuschauer (V. 37.40).
b) Er tadelt die Totenklage und nennt den Tod einen Schlaf (V. 38–39).
c) Er weckt das Mädchen auf wie aus einem Schlaf (V. 41–42).
d) Religiöse Sensationen sind auch heute nicht sein Ziel.

2. Jesus führt die Menschen zurück in ihren Alltag (V. 43).
a) Er verbietet, über das Wunder zu reden.
b) Er ermahnt, zu essen zu geben.
c) Unser Alltag ist Jesus wichtiger als die großartigen Erlebnisse.

3. Jesus ist mittendrin im normalen Leben.
a) Wunder können sehr normal aussehen (z.B. Heilungen durch ärztliche Kunst).
b) Ich brauche nicht jeden Tag eine besondere Erfahrung.
c) Dass ich lebe und meiner täglichen Arbeit nachgehen kann, ist Wunder genug.

Schluss:

Wer nichts Spektakuläres erzählen kann, ist deshalb nicht fern von Gott. Im täglichen Leben sind Wunder genug.

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