Masterstudiengang Internationale Sozialwissenschaften

von Horst F. Rolly
Ab dem Studienjahr 2008/09 wird der Masterstudiengang International Social Sciences in englischer Sprache angeboten. Dies ist nicht nur für ausländische Studierende von Vorteil, die nunmehr keine Zeit mit dem Erlernen der deutschen Sprache verlieren, sondern auch für deutsche Studierende, die somit ihre englischen Sprachkenntnisse aufbessern können. Die englische Sprachkompetenz ist bekanntlich ausschlaggebend für die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Englischer Sprachunterricht wird an der Theologischen Hochschule Friedensau begleitend zum Studium angeboten.

Der Studiengang bildet für das Berufsbild des internationalen Sozialmanagements aus, das nach persönlichen Interessen und sozialen Bedürfnissen sehr breit angelegt ist. Die fünf Säulen des Studienganges – Entwicklungszusam­menarbeit, Katastrophenhilfe, Friedens- und Konfliktforschung, Armutsbekämpfung/soziale Sicherheit und Menschenrechtsarbeit – bilden den Rahmen, innerhalb dessen vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten erwachsen, von denen einige hier kurz dargestellt werden sollen:

Die Entwicklungszusammenarbeit wird konventionell über Projektarbeit abgewickelt, für die Kompetenzen der Planung, des (personalen, finanziellen und administrativen) Managements und der Evaluierung erforderlich sind. Projekte werden in der Regel von der internationalen Staatengemeinschaft und von staatlichen und nicht-staatlichen Geberorganisationen finanziert. Experten werden benötigt und Studierende dazu ausgebildet, mit empirischen Untersuchungen und partizipatorischen Forschungsansätzen Bedarfsanalysen zu erstellen, Projektvorschläge zu erarbeiten und die in Projekten veranschlagten Ziele (Verbesserung der Bildung, Gesundheitsversorgung, wirtschaftlichen Lage, sozialen Organisation etc.) mit wissenschaftlich fundierten Methoden und bewährten Managementsystemen zu realisieren. Das kann in größeren Projekten Jahre dauern, wobei darauf geachtet wird, dass lokale Gemeinschaften bereits von der Planung an in die Projektarbeit involviert werden, um die Selbsthilfefähigkeit zu stärken und die Nachhaltigkeit der Projektarbeit während und nach der Umsetzung zu gewährleisten.

In der Katastrophenhilfe werden Menschen in Not mit hoher Einsatzbereitschaft mit dem Nötigsten versorgt, um das Überleben Betroffener zu sichern. Experten organisieren nach identifizierten Bedürfnissen und logistischen Standards u.a. die Vergabe von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung, die Aufbereitung von sauberem Trinkwasser und die Bereitstellung von Zelten. Menschen werden evakuiert und zerstörte Infrastruktur und Wohngebiete wieder aufgebaut. Wichtig ist bei der Erfahrung von Not und Leid die Vermittlung von Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die offensichtlich nur Menschen anbieten können, die selbst einen starken, wertfundierten Willen besitzen. Jedenfalls ist die humanitäre Hilfe nichts für schwache Nerven, besonders dann, wenn Katastrophen nicht von der Natur, sondern von Menschen verursacht werden und Experten sich zwischen befeindeten Volksgruppen bewegen, um neben Versorgung und Wiederaufbau auch Versöhnung und Frieden zu stiften. Die gewaltfreie Konfliktbearbeitung ist eine Wis­­sen­schaft für sich, die, als praktische Tätigkeit institutionalisiert, mutige und fähige Menschen benötigt.   Armutsbekämpfung und soziale Sicher­heit erfordern Experten, die über Markt- und Bedürfnisanalysen Strategien zur Befriedigung von Grundbedürfnissen erstellen und diese in die Praxis umsetzen. Die vielfältige Verursachung von Armut verlangt eine interdisziplinäre Vorgehensweise, die wiederum auf die komplexen Arbeitsfelder des internationalen Sozialmanagements hinweist:

  • Einkommensförderung und wirtschaftliche Unternehmensführung (Kleinkreditwesen)
  • Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität für Nahrungsmittelsicherheit
  • Organisation von Selbsthilfegruppen
  • Erwachsenenalphabetisierung und berufliche Bildung
  • Nutzung angepasster Technologien für die Qualifizierung der Lebensverhältnisse 
  • Bekämpfung der Kinderarbeit, gesellschaftliche Integration von Straßenkindern
  • Unterstützung der Unternehmungsleistung von Frauen
  • primäre Gesundheitsversorgung
  • demokratische Strukturbildung für Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit
  • gewerkschaftliche Institutionenbildung für soziale Sicherheit

Schließlich verhilft der Menschenrechtsansatz den Menschen zur Einsicht, dass das würdige Überleben, die Freiheit und Sicherheit in einer Gesellschaft und in dieser Welt nicht auf das Wohlwollen der Habenden und Mächtigen angewiesen sind, sondern auf Rechten basieren, die international und national eingeklagt werden können. Die Verwirklichung des auf Recht basierenden Entwicklungsansatzes (Advocacy) und die Vernetzung der darauf spezialisierten Träger sind  daher wichtige Elemente des internationalen Sozialmanagements. 

Da Entwicklung und Fortschritt nicht nur auf ökonomische, soziale, medizinische oder bildungsspezifische Standards reduziert werden können, nehmen ethnologische, psychologische und kulturelle Aspekte des zu qualifizierenden Daseins einen bedeutenden Anteil in dem Studiengang ein.

Als Arbeitgeber des internationalen Sozialmanagements  kommen, neben dem  Staat und Nichtregierungsorganisationen unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher (kirchlicher, philanthropischer, humanistischer) Trägerschaft, auch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Union in Frage. Kommerzielle Unternehmen nehmen ihre entwicklungspolitische Verantwortung unter der geförderten Public Private Partnership zusehends wahr und bieten ebenso gute Beschäftigungsmöglichkeiten im Umfeld betrieblicher Organisation sozialer Dienstleistungen. Natürlich können Absolventen und Absolventinnen sich auch selbständig machen und als freie oder institutionell gebundene Experten  ihre eigene Beratungsfirma betreiben. Auch die berufliche Selbstverwirklichung in einem Projekt als Lebensaufgabe kann man sich mit der Gründung und Führung eines gemeinnützigen Vereins vorstellen. Insgesamt bietet der Studiengang mit dem Berufsbild des internationalen Sozialmanagements ein breites Spektrum und kann mit dem wertvollen Dienst am Nächsten für einen leistungsorientierten Kandidaten die akademischen Voraussetzungen für eine interessante internationale Karriere liefern.

Horst F. Rolly, M.A., Dr. phil. habil.,
ist Professor für Erziehungswissenschaften und Dekan des FB Christliches Sozialwesen an der ThHF

>>zurück