Die bewegte Geschichte der Friedensauer Bibliothek

von Stefan Duhr
Die Friedensauer Hochschulbibliothek entwickelte sich vermutlich aus einer Büchersammlung der Lehrerschaft, die ihrerseits ab dem Jahr der Gründung der „Industrie- und Missions-Schule“ 1899 angelegt wurde. Dem Mangel an geeigneten Lehrmaterialien konnte in den ersten Jahrzehnten abgeholfen werden. Neben Gemeindeliteratur und theologischen Werken wurden auch Bücher anderer Wissensgebiete, wie zur Ge­schichte, Medizin und Musik, erworben.

Als 1909 der Mittelbau und der Westflügel der Neuen Schule eingeweiht wurden, zog die Bibliothek zunächst in diesen Teil des Gebäudes. Nach der Fertigstellung des Ostflügels der Neuen Schule 1911 verlegte man sie in die Nord- Ost-Wohnung im ersten Obergeschoss.Der Bibliotheksbestand konnte vor allem in der Zeit von 1925/26 bis zum Beginn der 1930er-Jahre erweitert werden. Als Hemmnisse in der Entwicklung der Bibliothek wirkten sich vor allem die beiden Weltkriege, die Inflation zu Beginn der 1920er-Jahre und die Zeit der Repression im Nationalsozialismus ab 1933 aus.

Infolge des Zweiten Weltkrieges wurde das Seminar 1943 geschlossen. Die Gebäude wurden zum Militärlazarett umfunktioniert. Da die Bibliotheksräume zu medizinischen Zwecken genutzt wurden, verhängte man die Bücher mit Leinentüchern, so überstanden sie den Krieg unbeschadet.Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahm die sowjetische Armee das Lazarett. Nach der Schließung konnte das Seminar am 1. Juli 1947 wiedereröffnet werden. Im Herbst öffnete auch die ab 1946 der Entnazifizierung unterzogene Bibliothek mit damals ca. 4.000 Bänden wieder ihre Türen. Im Zeitraum bis 1960 konnten schrittweise neue Lehrbücher angeschafft werden, sodass der Bestand langsam wuchs. 1959 zog die Bibliothek innerhalb des Ostflügels der Neuen Schule in das Erdgeschoss.

Seitdem die Bibliothek 1971 an das bibliothekarische Fernleihsystem angeschlossen wurde, besitzt sie das Sigel „Brg 3“. Dadurch steht ihr Buchbestand auch den Benutzern anderer Bibliotheken zur Verfügung.

Die Bibliothek arbeitete professioneller, nachdem ab 1977 eine angestellte Bibliothekssekretärin anstelle der Seminaristen die Bücher katalogisierte.

Von 1952 bis 1988 wurden im Buchhandel der DDR ca. 11.687 Bücher erworben, so dass der Bestand 1988 ca. 15.000 Bände umfasste. Bezogen wurde zu 90% die gesamte theologische und christliche Buchproduktion der DDR über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Daneben wurde auch säkulare Literatur erworben. Dazu gehörte in Auswahl die belletristische Literatur der DDR sowie die marxistisch-leninistische Fachliteratur, die auf kritische Art im Unterricht vermittelt wurde.

Da der Buchmarkt der DDR nicht ausreichte, die Bedürfnisse zu decken, und nur ein begrenzter und lückenhafter Grundbestand aufgebaut werden konnte, wurden zudem Bücher aus dem westlichen Ausland importiert. Auf Grundlage von staatlichen Einfuhrgenehmigungen erwarb die Bibliothek zwischen 1965 und 1989 ca. 718 Bücher sowie einige Zeitschriften. Zudem konnte über die Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft und das Zentrale Antiquariat in Ost-Berlin West-Literatur erworben werden. Einige Bücher gelangten auch durch Schmuggel in den Bestand.

Der wachsende Buchbestand führte zu einer zunehmenden räumlichen Enge. Um dem abzuhelfen, wurde nach 1987 ein Seminarraum für die Bibliothek umgewidmet. Erst 1993 konnte sie unter ihrem ersten hauptamtlichen Bibliothekar Ralph Köhler in den ehemaligen Speisesaal in der Alten Schule umziehen, womit sich die räumliche Situation für einige Jahre entspannte.

Stefan Duhr, M.A., verfasste an der Humboldt-Universität zu Berlin eine Forschungsarbeit zur Geschichte der Hochschulbibliothek Friedensau

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