Archäologische Ausgrabungen: Nicht nur eine Begegnung mit einer alten Kultur

Von Friedbert Ninow
Die Theologische Hochschule Friedensau und deren Schwester-Institution – Seminar Marienhöhe, Darmstadt – haben eine lange Tradition im Bereich archäologischer Forschung. Bereits in den frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der damalige Alttestamentler am Seminar, Udo Worschech, mit seinen Oberflächenbegehungen im Gebiet östlich des Toten Meeres im heutigen Jordanien begonnen. Er war ein Student von Prof. Siegfried Horn in den USA gewesen, der seinerseits vor dem 2. Weltkrieg als Student in Friedensau seine Ausbildung begonnen hatte. Udo Worschechs archäologische Forschungen und die seines Nachfolgers Friedbert Ninow wurden zu einem Schwerpunkt wissenschaftlicher Arbeit an der Hochschule mit der Gründung des Instituts für Altes Testament und Biblische Archäologie. Regelmäßig unternimmt das Institut im Sommer mehrwöchige Forschungsreisen nach Jordanien. Dabei besteht für Interessierte die Möglichkeit, ohne besondere Vorkenntnisse an Grabungen bzw. Oberflächenuntersuchungen teilzunehmen. Diese Gelegenheit haben in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Studenten unterschiedlichster Fachrichtungen wahrgenommen.

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Während die meisten archäologischen Grabungsteams mit Gruppen von 50 bis 100 Freiwilligen in den Orient reisen, versuchen wir die Anzahl der Teilnehmer nicht zu groß werden zu lassen (bis zu 15 Personen). Eine kleine Gruppe erlaubt uns viel besser, mit der orientalischen Kultur und den Menschen vor Ort zu interagieren. Wir leben nicht in einem Hotel, sondern mieten uns eine Wohnung oder ein Haus in einem Dorf ganz in der Nähe der Ausgrabungsstätte; wir leben mit der lokalen Bevölkerung; wir essen ihre Mahlzeiten; wir ertragen den Lärm des Dorfes, den Gestank der Tiere; wir hören das Brüllen der Esel und das Bellen der Hunde während der Nacht; fließendes Wasser gibt es nur an zwei Tagen in der Woche. Wir genießen die Gastfreundschaft, die Gespräche beim Einkaufen, das gelegentliche Spiel mit den Kindern (und es gibt viele Kinder!). Für einige Wochen tauchen wir ein in eine ganz andere, uns fremde Kultur.

Für die meisten der Teilnehmer ist so eine Reise ihre erste Begegnung mit dieser neuen Kultur; alles ist anders: das Wetter, das Essen, die Menschen, die Geschwindigkeit des täglichen Lebens, die Sprache, das Geld, der Verkehr usw. Dieses Eintauchen in eine andere Kultur verlangt, dass man seine eigene Kultur zu einem gewissen Stück loslässt und sich auf das Neue einlässt. Wer dies wagt, wird reich belohnt. Die Menschen freuen sich ungemein über jeden noch so unvollkommenen Versuch, ihre Sprache zu sprechen. Man entdeckt, dass die gleiche gewöhnliche Geste unterschiedliche Bedeutung in unterschiedlichen Kulturen haben kann. Das Konzept von Zeit gewinnt eine neue Dimension: Während wir westlich geprägte Menschen um Pünktlichkeit und exakte Zeitwahrnehmung bemüht sind, wertschätzt man dort die Zeit, die man miteinander verbringt – egal wann, wie lange oder wo. Die klimatischen Verhältnisse, der begrenzte Wohnraum, das Aushalten der verschiedenen Persönlichkeiten innerhalb der Gruppe, der Mangel an Wasser und vieles mehr lässt den Teilnehmer seine persönlichen Begrenzungen wahrnehmen und erkennen, dass jeder eine wichtige Rolle innerhalb der Gruppe spielt. Der Kontakt mit den Beduinen lässt einem bewusst werden, mit wie wenig man doch auskommen und dabei glücklich sein kann. All dies trägt zu einer wachsenden interkulturellen und sozialen Sensibilisierung und Kompetenz bei.

Die westliche Wahrnehmung des Islams und der Muslime ist seit langem durch Ablehnung und Konfrontation geprägt. Die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Bomben in Israel, Madrid und London haben diese Sichtweise in der Gesellschaft nur noch vertieft (Was denkst du, wenn sich auf dem Flug von Frankfurt nach New York ein arabisch aussehender Mann neben dich setzt?!). Unser Aufenthalt in Jordanien erlaubt es uns zu beobachten, wie ein Land, eine ganze Gesellschaft durch den Islam geprägt wird. Immer wieder bin ich beeindruckt, wie die Menschen ihren Glauben ernst nehmen, in der Öffentlichkeit oder im Privaten. So wie der christliche Glaube eine christliche Weltanschauung generiert, so ist auch der Islam eine Weltanschauung, die das ganze Leben und die Kultur durchdringt. Sich damit auseinanderzusetzen hilft, einen differenzierteren Blick für die Probleme in dieser Region zu gewinnen; man erkennt, dass es oftmals eine zweite Seite der Medaille gibt. Diese Auseinandersetzung fördert das religiöse und politische Feingefühl.

Wenn man in das „Heilige Land“, das Land der Bibel, reist, dort mit der lokalen Bevölkerung – vor allem mit den Beduinen – zusammenkommt, dann hat man das Gefühl, in eine längst vergangene Welt einzutauchen, in die Welt und Zeit der Bibel. Man erlebt und beobachtet Dinge, die sich seit Jahrtausenden nicht verändert haben. Es wird einem bewusst: Die Welt der Bibel ist eine reale Welt; es ist keine Märchenwelt, sondern Wirklichkeit; es ist nicht unsere, sondern eine andere Welt und Kultur. Studenten, die an einer archäologischen Grabung im Orient teilnehmen, werden direkt mit der materiellen Kultur der biblischen Welt konfrontiert. Sie werden so für den biblischen Text sensibilisiert. Dieser Text spricht plötzlich ganz anders zu einem. Das Wort wird lebendig!

Archäologische Forschung im Orient ist nicht nur wissenschaftliches Arbeiten; sie ist eine Begegnung mit einer sowohl neuen als auch alten Kultur; sie macht sensibel für das Miteinander in Politik und Religion; sie fördert soziale und emotionale Kompetenz; sie lässt die biblische Welt zu einer realen Welt werden.

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