Glaube und Marktwirtschaft

von Roland Nickel

Stichwort: Spekulation

Eine wesentliche Ursache für die weltweite Banken- und Finanzkrise, in der wir uns zur Zeit befinden, liegt im maroden Immobilienmarkt der USA. Über Jahre gab es einen Boom, jeder wollte ein Haus kaufen, Banken haben großzügig Kredite vergeben. Diese Euphorie dauerte bis zum vergangenen Sommer, als die ersten Investoren Milliardenverluste meldeten „und die Angst sich ausbreitete“1. Die Häuser verloren drastisch an Wert, Kredite konnten nicht mehr zurückgezahlt werden, Zwangsversteigerungen waren an der Tagesordnung. Die Folgen spüren wir bis nach Deutschland, wo sogar seriöse Landesbanken in den Strudel dieser Krise geraten sind. Wie konnte das passieren?

Ein interessante Tatsache ist, dass täglich (!) ca. 1.900.000.000.000 (1,9 Billionen) US-Dollar an den Finanzmärkten umgesetzt werden2 – eine für den Normalbürger unvorstellbare Zahl. Nur 2 bis 3% dieser Umsätze haben mit der Absicherung von Industrie und Handel zu tun, also mit der Realwirtschaft. Alles andere sind organisierte Wetten3, reine Spekulation. Es geht nicht mehr um Geschäfte, sondern um hohe Gewinne. „Spekulation ist die Ausnutzung von erwarteten Preisänderungen, z.B. von Aktien, Devisen, Welthandelswaren und anderen Wertpapieren“4. Die Immobilienmakler und Hauskäufer in den USA haben Wertsteigerungen der Häuser gewettet. Sie haben sich verspekuliert und zig Milliarden US-Dollar in den Sand gesetzt. Die Realität hat mit ihrer Illusion nichts zu tun gehabt. Man spricht deshalb auch von Kasino-Kapitalismus oder von virtueller Wirtschaft, die keinen Bezug mehr zur der wirklichen Welt hat5. Das Tragische daran ist, dass derartige Spekulationen weltweite Folgen haben. Diese Krise kostet sogar Arbeitsplätze in Deutschland und kann wirtschaftliche Rezession weltweit bedeuten. Jeder kann betroffen sein, obwohl die wenigsten den Immobiliencrash in den USA zu verantworten haben.

Die Welt befindet sich in der Abhängigkeit der Finanzmärkte und ihrer Zocker. Was treibt die Spekulanten dieser Welt? Welches ist ihre Motivation dahinter? In einer Kolumne wird eine erstaunliche Antwort gegeben: „Angst und Gier zählen seit jeher zu den wichtigsten Triebfedern für Exzesse an den Finanzmärkten.“6 Profitgier bedeutet, ständig auf der Suche nach den höchsten Renditen zu sein. Das Risiko ist Nebensache, langfristiges Denken spielt keine Rolle. Und dazu kommt die Angst, „die Inhaber risikoreicher Papiere zum Verkauf zwingt, ungeachtet der Qualität und zu jedem Preis“. Es ist die Angst vor Verlusten. Das wirkt sich direkt auf die Realwirtschaft aus. Dringend benötigtes Geld für Investitionen von Unternehmen wird nicht mehr zur Verfügung gestellt oder ist zu teuer. 

Angst und Gier als Grundmotivationen in einem der wichtigsten Bereiche unseres Lebens zeigt, wie fehlgeleitet diese Welt ist, wie sehr sie in sich selbst, in Sünde und Schuld gefangen ist. Das biblische Gegenkonzept hierzu lautet „Glaube, Hoffnung und Liebe“ (1 Ko 13,13). Bei gläubigen Menschen ist nicht die Angst vorherrschend, sondern das Vertrauen in die Möglichkeiten Gottes und der Glaube, dass Gott für mich sorgt und nicht die Geld- oder Immobilienanlage die letzte Sicherheit bedeutet. Anstelle der Profitgier steht die Liebe zum Menschen im Mittelpunkt. Der Gläubige rafft nicht für sich ein Vermögen zusammen, sondern sucht Möglichkeiten, wie er andere unterstützen und sein Geld für gute Zwecke geben kann.  Diese Grundmotivationen unterscheiden den Gläubigen von den Menschen dieser Welt. Es ist die Herausforderung für Christen, Glaube, Hoffnung und Liebe  im Alltag zu leben, in der Familie, aber auch im Betrieb und im Wirtschaftsleben.

1 Vergleiche: Marc Brost u.a., P wie Panik, in: DIE ZEIT Nr. 13, 19. März 2008, Seite 21f.

2 Siehe: www.bankenverband.de, Weltweite Devisenumsätze kräftig gestiegen, 2. November 2004, ausgedruckt am 16.03.2008; zum Vergleich: Der Bundeshaushalt Deutschlands beträgt im Jahr 2008 lediglich 283 Milliarden €.

3 Martin/Schumann, Die Globalisierungsfalle, Hamburg 1998, S. 79

4 Der Brockhaus – Wirtschaft –, Stichwort „Spekulation“, Leipzig 2008

5 Viviane Forrester, Die Diktatur des Profits, München 2001, S. 20f., 169

6 Van Tiggelen, Angst und Gier in einer globalisierten Welt, Kolumne ING Investment Management, 13. September 2007 in: www.finanztreff.de vom 16.03.2008

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