Mein Praktikum am Mental Research Institute in Kalifornien (USA)
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Nachdem von Deutschland aus alle Vorbereitungen getroffen waren und, dank der Unterstützung der Hochschule, mein Praktikum nun Realität werden sollte, flog ich am 10. Juli 2002 ganz gespannt nach Kalifornien (USA), um in der darauffolgenden Woche mein Praktikum am bekannten Mental Research Institute (MRI), der Wiege der Systemischen Kurzzeittherapie, in Palo Alto zu beginnen.
Das MRI wurde 1958 gegründet und hat sich der Forschung, Ausbildung und dem Dienst am Menschen verschrieben. Zum ersten Forschungsteam des MRI gehörten Don Jackson, Virginia Satir, Jules Riskin, Jay Haley, John Weakland, Paul Watzlawick, Richard Fisch und andere. Manchem sind diese Namen vielleicht schon in der Fachliteratur begegnet. Auf jeden Fall dürfte das Buch von Paul Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“ vielen Lesern bekannt sein. Die größten Erfolge des MRI sind die Entwicklung der Interaktionstheorie, insbesondere die Hypothese des Double Bind (Doppelbindung, gem. doppeldeutige Botschaft in der Kommunikation), und Theorien über die Ursachen von Schizophrenie. Die Theorie des Double Bind bildete die Grundlage für das Verständnis, dass menschliches Verhalten immer auf Beziehungen basiert. Diese Erkenntnis ermöglichte es, neue Interventionsformen für die Therapie zu finden, weil sie hervorhebt, wie sehr der Einfluss menschlicher Interaktion Problemverhalten schafft und aufrechterhält. Das heißt konkret, dass nicht der Mensch per se „krank“ und die Ursache seines Problems allein in ihm zu finden ist, sondern dass der Grund für ein Problem in der Regel auf gestörte Beziehungen und Interaktionsmuster zurückzuführen ist. Das bedeutet für die Therapie und die Beratung, dass der „Patient“ nicht die Person A, B oder C ist, sondern der „Patient“ die Beziehung ist. Nach diesem Denkmodell gibt es keine Monokausalität (eine Ursache – eine Wirkung) mehr, wie z.B. in der traditionellen Psychoanalyse angenommen wird. Denn diese Denkweise beruht, so Watzlawick, auf Self-fulfilling Prophecies (sich selbst erfüllenden Prophezeiungen). Das bedeutet, dass Menschen sämtliche Wahrnehmungen der Realität aufgrund einer Annahme, die sich einmalig positiv erfüllt hat, aufbauen und später kaum mehr davon abrücken können. Stattdessen vertritt das MRI den Ansatz der Zirkulären Kausalität. Das bedeutet, dass es für ein Problem immer mehrere Ursachen und Zusammenhänge gibt, die bei der Problembearbeitung berücksichtigt werden müssen. Diese Sichtweise führte zu einem Paradigmenwechsel in der Psychotherapie. Insgesamt wird durch diese Haltung außerdem ein sehr positives Menschenbild vermittelt, das einen Menschen nicht als „krank“ deklariert oder abstempelt, sondern immer auch wertschätzend und anerkennend im Blick behält, welche Ressourcen eine Person trotz aller Schwierigkeiten noch hat und welche (Über-) Lebensfähigkeiten sie entwickelt hat. Daher werden die Worte „Krankheit“ oder „Patient“ im therapeutischen Sprachgebrauch sogar ganz vermieden. Diese Haltung konnte ich den dortigen Therapeuten grundsätzlich abspüren und habe sie hoffentlich auch für mich ein Stück weit übernehmen können. Neben der Theorie, die ich mir durch Hospitationen in den Schulungen und Beobachtung der Sitzungen aneignen konnte, waren selbstverständlich auch die typischen Praktikantentätigkeiten wie z.B. Kaffeekochen und Bürojobs an der Tagesordnung. Aber ich hatte auch viel Zeit, mir in dem umfangreichen Filmarchiv Aufzeichnungen therapeutischer Sitzungen anzuschauen und auch das persönliche Gespräch mit den dortigen Therapeuten zu suchen, die sich immer Zeit für mich nahmen, allen voran Paul Watzlawick, der es sehr genoss, einmal wieder deutsche Gesellschaft zu haben, und mir bereitwillig einige seiner Geschichten erzählte. Natürlich lauschte ich gespannt und hätte mir am liebsten jedes Wort gemerkt, aber in Anbetracht des Erfahrungsschatzes dieses Mannes wäre das ein utopisches Unterfangen gewesen. Der Höhepunkt meines Aufenthaltes war eine große Konferenz mit bekanntem internationalem Publikum, die ich vorzubereiten und zu organisieren half, was mich vor so manche Herausforderung stellte, zumal noch gar nicht so viel vorbereitet war, wie ich von Amerikanern eigentlich angenommen hätte. Aber dort ist natürlich sowieso alles „no problem“, so dass alles doch, wie gewohnt amerikanisch, gut organisiert und glatt ablief. Die zweieinhalb Monate am MRI vergingen wie im Flug. Der Abschied fiel mir schwer, da ich mich gut eingelebt hatte und die Menschen dort sich auch an mich gewöhnt hatten. Es hat mich beeindruckt zu sehen, dass das, was am MRI gelehrt wurde, weit mehr als eine Theorie war; vielmehr hatte es, in der Art und Weise, wie sich das Verständnis dieser Theorie im Leben der Menschen am MRI widerspiegelte, eher den Charakter einer Weltanschauung und alle, die sie vertraten, gehörten zu einer Familie. Klingt das nicht ein wenig vertraut? Die Begeisterung und die Hingabe der Forscher an ihre Sache spornte sie an, über viele Jahre weiter zu forschen und ihre Erkenntnisse in Büchern und Vorträgen zu verbreiten. Doch war man sich auch lange Zeit am MRI selbst genug. Man hat es versäumt, sich systematisch um Nachwuchs zu kümmern, so dass die Zukunft des MRI heute ungewiss ist. Mit Paul Watzlawick verstarb am 31.03.2007 einer der bekanntesten Vertreter der MRI-Gruppe, ohne Nachfolger mit ähnlichem Profil. Ich kam für mich zu dem Ergebnis, dass dort, wo geforscht wird und Interesse am anderen besteht, Leben und Lebendigkeit sind. Positive Ergebnisse und gemeinsame Erkenntnis begeistern und es wird zu einem Bedürfnis, anderen mitzuteilen, wie das eigene Leben und das anderer sich verändert hat, und das wiederum motiviert, noch mehr herauszufinden. Deshalb wünsche ich mir, wach zu sein und Interesse zu haben an dem, was um mich herum geschieht, damit ich nicht aufhöre, neugierig zu bleiben und zu forschen – nach Gott und den Menschen. Annekatrin B. Blum, Magistra Soziale Verhaltenswissenschaften/Counseling, |
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