Ein vernünftiger Gottesdienst
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Der wöchentliche Gottesdienst ist Lebensäußerung einer Gemeinde. In ihm wird deutlich, was die Gemeinde glaubt und wie sie ihren Glauben lebt. Viel hat sich geändert seit den Anfängen in den ersten Hausgemeinden vor 2000 Jahren bis zu den heutigen professionell geleiteten Gottesdiensten. Doch trotz Wandel in Gestalt und Form ist Wesentliches geblieben. Dieses Wesentliche gilt es, in jeder Generation neu bewusst zu machen, damit Gottesdienst nicht zur Traditionsbewahrung verkümmert oder zu einem künstlichen „Event” aufgeblasen wird, sondern der Ort ist, wo das Evangelium im Mittelpunkt steht. Gottesdienst ist BekenntniserinnernDer Apostel Paulus hört nicht auf, seine Leser an das Evangelium zu erinnern (1 Ko 15,1 ff.), obwohl es ihnen bekannt ist. Wenn er dabei auf die Auferstehung verweist, die doch niemand in seiner Gemeinde erlebt hat, sagt er Wesentliches über diese Art von Erinnerung: Im Gottesdienst erinnern wir uns nicht in erster Linie an unsere eigenen Erlebnisse und zelebrieren oder beklagen sie, sondern wir werden erinnert an Wirklichkeiten, die über unser Leben hinausgehen und uns mit größeren Zusammenhängen verbinden, die wir im Glauben bekennen. So werden wir erinnert an Gott als Schöpfer der Welt; an Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen; an das Heil in Jesus Christus. Niemand von uns reicht mit seiner Erinnerung an die Heilstaten Gottes heran. Niemand hat jemals etwas zu der eigenen Erlösung beigetragen, die vor unserer Zeit und ohne uns geschehen ist. Im Gottesdienst werden wir daran erinnert durch unser Bekenntnis des Glaubens. Wir werden eingebunden in die „Wolke von Zeugen” (Hbr 12) und unser Leben verbindet sich mit der Heilsgeschichte Gottes in Jesus Christus. Oft genug fehlen uns die Deutungsworte für die Geschehnisse der Gegenwart und wir verstummen vor dem Schicksal des Einzelnen oder der Welt. Dann lassen wir uns zurückfallen auf die Bekenntnisse derer vor uns: Hier ein Choral, in dessen Text sich unser Herz wiederfindet und zur Ruhe kommt, dort ein Psalmgebet als ein Gebet der Anbetung und des Vertrauens; hier das gemeinsam gesprochene Vaterunser, dort ein persönliches Bekenntnis. Im Mittelpunkt des Bekenntniserinnerns steht das Wort Gottes in seiner Kraft und nicht unsere oft so bedeutungsleere Wortmacherei. Gottesdienst ist Vergegenwärtigung des HeilsAls Gottesdienstbesucher sind wir bedürftige Menschen. Wir kommen mit Erwartungen, suchen nicht nur die Freundlichkeit des Nächsten und ein gutes Wort von ihm, sondern wir suchen vor allem nach der Wirklichkeit des Evangeliums in der Gegenwart. Wenn zwei oder drei sich versammeln in Jesu Namen, dann ist er mitten unter ihnen, so lautet die Verheißung. Und immer, wenn Jesus gegenwärtig war und ist, wurde und wird Heil sichtbar. Ob dem Blinden die Augen geöffnet werden oder der Mann mit der verdorrten Hand heil wird, die Gegenwart Jesu ist Zeichen des Gottesreiches, damals wie heute. Heil wird heute im Gottesdienst wirklich, wenn die Trauer getröstet wird, wenn die Schuld vergeben ist, wenn die Bitte erhört ist, wenn der Dank überfließt, wenn das Herz Zuversicht gewinnt für das Heute und Morgen. Heil wird gegenwärtig, wenn wir Abendmahl feiern und in der Fußwaschung einander dienen. Vor allem aber, wenn wir die Taufe von Menschen als Antwort auf den Ruf zum Glauben erleben. Ich selbst habe in einer Gemeinde das Gebet der Fürbitte als solch eine Vergegenwärtigung erfahren. Die Gemeinde war sich bewusst, dass der lebendige Christus gegenwärtig ist und auch heute Leben verändert. Das Erlebnis der verändernden Kraft des Evangeliums ist die überzeugendste Mission für Menschen, die nach Orientierung suchen. So wird Gottesdienst zur Mission. Gottesdienst ist VerheißungWenn wir Gottesdienst feiern, will uns das Feiern nicht immer recht gelingen, weil wir eingefangen sind von den Fragen des Lebens und den Problemen der Welt. Ja, gerade wenn die Gemeinde die Welt ganz ernst nimmt und das Leiden der Schöpfung im Blick hat, kann ihr Gottesdienst selten nur unbekümmert und fröhlich sein, als würde sie das alles nichts angehen in der eigenen Seligkeit. Damit wir aber in den Sorgen nicht erstarren, will uns der Gottesdienst den Blick weiten und eröffnet uns immer neu den Horizont Gottes. Am Ziel der Geschichte und der geschundenen Welt steht eben nicht das Chaos. Die Welt „geht nicht zum Teufel”, sondern am Ziel der Geschichte stehen ihr Schöpfer und der Umbruch in ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Deshalb kommt die Kraft zum Leben einerseits aus dem Bekenntniserinnern und andererseits aus der Zukunftshoffnung, die sich mit der Erfahrung der Gegenwart verbinden. Deshalb mahnt uns die Bibel, die Hoffnung nicht wegzuwerfen (Hebr 11), sondern an dem Bekenntnis festzuhalten. Weil es eine Zukunft gibt und das Hoffen darauf Kraft verleiht, gibt die Gemeinde nicht auf. Sie macht nicht ihre Probleme oder die Weltsorgen zum Dauerthema. Sie ergeht sich nicht in der eigenen Hilflosigkeit und zerstört sich nicht in der Suche nach den Schuldigen. Sie lindert Not und verkündigt das Evangelium, sie kümmert sich um Schwache und tröstet Trauernde. Sie besteht selbst aus Beladenen und baut doch an Gottes Reich. Sie betet „Dein Reich komme“ und vertröstet nicht darauf. Wo immer Gottesdienst diese Zukunftsperspektive einschließt, geht die Gemeinde mit dem Segen Gottes ermutigt und gestärkt in ihre Aufgaben des Alltags, weil sie weiß, dass ihre Hoffnung nicht vergeblich ist. So weist Gottesdienst in Gesang, Gebet und Verkündigung immer auch auf die eschatologische Erfüllung in der Wiederkunft Christi hin. Wesen und FormWesen und Form bedingen sich. Wenn die Form dem Wesen entspricht, erfahren wir Ganzheit und Stimmigkeit, erschließen sich Schönheit und Ästhetik und wir sind hineingenommen in ein harmonisches gottesdienstliches Geschehen, das wir als „schön“ empfinden. Ein alter Choral, in dem die Erfahrung des Glaubens lebendig wird, will in seinem Melodiefluss nicht immer von einem Rhythmusinstrument zerhackt werden, und ein fröhliches Lied der Gegenwart, in dessen Rhythmus der ganze Körper mitschwingen will, muss nicht von der Orgel „geheiligt“ und glattgebügelt werden. Zum Wesen des Gottesdienstes will nicht die Form der Selbstdarstellung passen, weder die eines Klaviervirtuosen, der sein Bravourstück zu Gehör bringen will, noch die einer Band, die die Gelegenheit nutzt, der Gemeinde mal richtig einzuheizen. Und: Es gibt angemessenere Formen der Begrüßung, als gleichsam wie in einer Vereinssitzung zu Beginn zur Ordnung gerufen zu werden. Wer einer Gemeinde ein Lied verordnet, das keiner kennt außer ihm selbst, versteht nichts von der Wirksamkeit eines Gesanges, der aus einem vollen Herzen kommt. Es mag einen Ort im Gottesdienst geben, wo eine Gemeinde ein neues Lied lernt, aber bitte nicht zu Beginn des Gottesdienstes, wo der Ton gesetzt wird für alles, was danach kommt. Ich gebe auch gerne meine vorbereitete Gabe, bin aber jedes Mal unangenehm berührt, wenn mir das Körbchen von hinten, quasi über die Schulter, vor die Nase gehalten wird. Wesen und Form? Gottesdienst ist gemeinschaftliches Erleben und die Unterschiedlichkeit wird erst durch die Rücksichtnahme auf den anderen zur Einheit. Es wird Kindergottesdienste geben. Junge Leute werden ihre Lieder singen und ihre Instrumente spielen, wenn sie ihren Gottesdienst feiern. Und wo Alte sind, werden die Traditionen gepflegt. Aber wo man zusammen feiert, und das ist eher die Regel als die Ausnahme, geht es nicht um Dominanz und Rechthabenwollen, sondern um das Lob Gottes. Das gedeiht am besten dort, wo das Lob vielfältige Stimmen hat. Unterschiede unterscheiden nur, sie dürfen nicht trennen. Und dort, wo sich das vielfältige Lob vereint, entsteht wahrhaft Gemeinde und wahrhaftiger Gottesdienst. |
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