Musik – eine Geschichte des Heils

von André Hummel

Musik ist in der Gemeinde immer wieder ein Reizthema. Was soll, was darf gesungen werden? Wer kennt was? Was ist zu schnell oder zu traurig, zu alt oder zu modern, was zu laut oder zu rhythmisch? Welche Instrumente dürfen verwendet werden? Darf man in der Gemeinde klatschen, schreien, tanzen?

Bei all dem Ärger könnte man den Eindruck bekommen, auf der Musik liege ein Fluch. Stammt sie vielleicht von Jubal ab? In 1 Mo 4,21 steht: „… von dem sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler“. Jubal – das bedeutet Schall und Lärm. Ist Musik also nur Schall und Rauch oder störender Krach? Wie schrieb Hellmuth Frey: „Sollte die Erzählung von der Entstehung dieses Kulturzweiges innerhalb der von Gott verfluchten Menschheitslinie … andeuten, dass auch unser Kulturleben … unter dem Fluche des Widereinander, des Wettbewerbs, des Neides und der brudermörderischen Gesinnung stehen, die durch Kain in die Menschheit getragen wurde?“ (Die Botschaft des Alten Testaments, Bd. 1: Das Buch der Anfänge. Stuttgart: Calwer Verlag, 1938, S. 88)

Musik also von Anfang an der Zankapfel der Menschheitsgeschichte?

Zum Glück ist die Bibel da nicht eindimensional. Ganz im Gegenteil: Musik kommt in der Bibel an allen heilsgeschichtlich entscheidenden Punkten vor. Gott geht den Weg mit seinem Volk mit Musik!

Schon über die Schöpfung sagt der HERR: „Damals sangen alle Morgensterne, und die Engel jubelten vor Freude.“ (Hi 38,7 Hoffnung für alle) Musik ist hier Ausdruck der Freude über Gott, ein ausgelassener Schöpfungsjubel der Engel wird uns vor Ohren geführt.Wenig später, in 2 Mo 15, hören wir vom Auszug aus Ägypten. Aus Dankbarkeit sangen Mose und das Volk dem HERRN einen Lobgesang und Miriam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm „eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. (21) Und Miriam sang ihnen vor: Laßt uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan“.

Damals gehörten Singen und Tanzen zusammen. Ganz selbstverständlich greift Miriam für ihr Lied zum Rhythmusinstrument und lädt die anderen Frauen ein, mit ihr zu singen und sich im Reigen zu wiegen. Hier tritt eine Fröhlichkeit zutage, die auch uns guttun würde. (Augustin formulierte es so: „O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.“)

In 1 Sam 16,14-16.23 lesen wir von David und der Harfe: „Der Geist des HERRN aber wich von Saul, und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. (15) Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. (16) Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. (23) Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.“Musik wird also auch gebraucht, um die Gemüter zu beruhigen, und kann sogar therapeutische Wirkungen entfalten – ja, Gott selbst lässt sich erweichen, und der böse Geist vom HERRN entfernt sich wieder von Saul.

Die Ankündigung der Zeitenwende – der Geburt Jesu – wird in vier Jubelliedern zum Klingen gebracht: dem Magnifikat (Marias Lobgesang, Lk 1,46-55), dem Benedictus (Der Lobgesang des Zacharias, Lk 1, 68-79), dem Gloria (Lob der Engel, Lk 2,13-14) und dem Nunc dimittis (Lob des Simeon im Tempel, Lk 2,29-32). Die Verkündigung und Ankunft des Erlösers kann nur mit den Mitteln des Gesanges adäquat ausgedrückt werden. Sowohl Menschen als auch Engel bedienen sich dieser besonderen, gehobenen, musikalischen Sprache, die eben mehr als Worte sagen kann und auch von der besonderen Ergriffenheit und Betroffenheit der Singenden kündet.

Auch die Wiederkunft wird – wie könnte es anders sein – mit Musik angekündigt werden. So lesen wir z.B. in 1 Th 4,16: „Auf den Befehl Gottes werden die Stimme des höchsten Engels und der Schall der Posaune vom Himmel ertönen, und Christus wird wiederkommen.“ (Hoffnung für alle) Wenn das nicht Musik mit Signalwirkung ist!

Wie heißt es etwas überheblich: „Himmel und Erde müssen vergehn, aber die Musici bleiben bestehn“. Und doch ist es so: Das Singen wird uns auch auf der Neuen Erde erhalten bleiben. Singen hat also ein in die Ewigkeit offenes Potenzial und auch eine Aufgabe. Denn die Musik ist die Trägerin des Neuen Liedes – des Liedes vom „fröhlichen Wechsel“ (Luther), von der Erlösung durch Jesus Christus. Und so steht dann in Offb 5,8.9: „Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, (9) und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen“. Und weiter in 14,3: „Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Gestalten und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde.“

Singen und Musizieren in der Bibel ist demnach kein Adiaphoron – kein Mittelding, das man auch lassen könnte –, sondern gehört zum Erwähltsein dazu. Das Neue Lied ist ein Geschenk Gottes an seine Kinder. Dabei entlässt Gott uns in die Vielfalt der musikalischen Möglichkeiten. Er schreibt uns keine Art von Musik vor. Wir dürfen sie frei nach unseren Bedürfnissen und Gegebenheiten wählen. Das kann dann jubelnde Musik sein oder rhythmische, die zur Bewegung einlädt, das kann beruhigende Musik sein oder Musik, die von der Ergriffenheit der Gottesbegegnung spricht. Musik hat dann sogar heilskündende Funktion.

Es liegt an uns, ob wir die unter dem Fluch des Streites und der Gottferne liegende Sicht auf die Musik des Jubals oder die erlösende, freimachende Sicht auf die Musik, die Gott uns anbietet, wählen. Wie so oft liegt es eben bei uns, was wir daraus machen. Meine Hoffnung für unsere Gemeinde ist, dass wir versuchen, die Musik so zu sehen, wie Gott sie uns schenken will.

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