Hochkultur und Popularkultur im Konflikt?

"Ein Wort zur Lage der Nation"1

von Wolfgang Kabus

Über Popularmusik und Hochkultur zu reden ist die beste Gelegenheit, sich nicht nur in die Nesseln, sondern auch zwischen alle Stühle zu setzen. Handelt es sich doch um ein vermintes Gelände. Wagen wir es trotzdem. Gemeint ist ein kritischer Situationsbericht. Aber wenden wir den Blick zunächst zurück.

Drei Erinnerungen

Die erste: Das Jahr 1961 ist wie ein Meilenstein in der Geschichte der adventistischen Kirchenmusik: „Im Tutzinger Wettbewerb für neues geistliches Lied­­gut hat ein Schlager den ersten Preis ge­macht“ – so damals ein Student ganz aufgelöst! Helle Aufregung bei allen, die es ernst meinen mit dem Glauben! Damals begann unsere bewusste Auseinandersetzung mit der entstehenden christlichen Popularmusik. Das Theologische Seminar Friedensau übernahm für den Osten ein Stück weit die Orientierungshilfe. Es gab viel Hin und Her, auch Verdächtigungen und böses Blut. Aber das Neue ging unbeirrt seinen Weg.

Die zweite Erinnerung: Als 1982 die AGM-Ost (Arbeitsgemeinschaft für christ­liche Popularmusik in der DDR) gegründet wurde, gehörte unsere Kirche zu den konstituierenden Mitgliedern. Das ist bemerkenswert.

Schließlich: 36 Jahre nach dem eben erwähnten ersten popularen Experiment in Tutzing – also 1997 – fand in Friedens­au das erste Seminar für Jugendmusik statt. Von diesem Zeitpunkt an hat die Adventgemeinde versucht, praktisch und wissenschaftlich in den Prozess der Werdung der christlichen Popularmusik innerhalb unserer Kirche einzugreifen.

Und nun die entscheidende Frage: Wo stehen wir heute? Welchen Stellenwert haben Hochkultur (Gesangbuch Wir loben Gott) und Popularkultur (Liederbuch Leben aus der Quelle) in unserer Kirche heute?

Die Gemeinden im Spannungsfeld der „Klassik“ und der „Moderne“

Ein Blick in Adventgemeinden macht sehr schnell deutlich, dass das Bild nicht einheitlich ist. Streit und Spaltungen wegen der Musik sind nicht selten. Immer wieder explodieren irgendwo „Granaten“ für oder gegen die „Musik mit Swing“. Das Schlagzeug ist gewöhnlich der neuralgische Punkt. Immer wieder fragen sich Gemeindeglieder: Bleibe ich sitzen oder verlasse ich demonstrativ den Raum, wenn dieses Instrument erklingt? „Das ist doch der Teufel persönlich“, so haben es ihnen musikwissenschaftlich dilettierende Theologen bzw. Musiker gesagt – leider! Diese Linie wird dann durchgezogen bis zum Quelle-Liederbuch. Es gibt tatsächlich Ge­meinden, die die Benutzung dieses Ergänzungsheftes nicht gestatten. Musik machen manche nur noch mit schlechtem Gewissen. Und die Quintessenz ihrer Überlegungen lautet: „Entweder Jesus oder diese Musik“. Das Ende vom Lied ist eine polarisierte Gemeinde. Die Einen wissen nun endlich, wo der Teufel steckt – und die Anderen lehnen diesen kindlichen Mechanismus rundweg ab. Und man fragt sich: Wäre es nicht besser, Toleranz und Vielfalt zu trainieren, als an einer Front zu kämpfen, wo der Feind nicht steht? Bringen wir diesen eigentlich unnötigen Streit auf den Punkt und formulieren den Sachverhalt als eindringliche These:

These 1: Es wird immer wieder der riesengroße Fehler gemacht, dass kulturelle Probleme theologisch gelöst werden sollen. Das ist falsch! Schlagzeug ja oder nein ist nun mal eine musikalische, eine kulturelle Frage, nicht eine theologische, schon gar nicht eine Frage der Rechtgläubigkeit.

Oder – um es fachlich korrekt zu sagen: Es geht bei der Beurteilung von Tönen um Sachgemäßheit und Qualität, nicht um den Teufel oder Jesus. Dazu gehört allerdings eine große popmusikalische Kompetenz, die nur wenige besitzen. Nennen wir sie getrost „Weisheit“.

Lösungswege

Nach diesem Situationsbericht einige Gedanken zur Lösung des Problems. Beleuchten wir zuerst ein Segment des fachlichen Zusammenhanges! Wir tun das deswegen, weil wir bei unseren Überlegungen nie die Verbindung zur Exaktheit der Fakten verlieren dürfen. Wir landen sonst auf einem „Spekulationsfriedhof“, der zwar sehr fromm aussehen kann, uns aber in die Irre führt. Eigentlich geht es nur um eine Binsenweisheit, nämlich: Musik gehört zum Weltbild einer Zeit. Das war noch nie anders. Sie ist wie deren Signatur und darum auch ein Teil der jeweiligen kulturellen Praxis. Das heißt: Wie sich die Zeit ändert, so ändert sich auch die Musik, u. U. sogar ihre Aufgabe. Ein Paradigmenwechsel ist bekanntlich ein tief greifender Änderer! Darum sagt Jan Koenot zur Aufgabe der Alltagsmusik von heute:

These 2: „Popularmusik funktioniert … als eine symbolische Welt, in der Millionen von Menschen ei­nen Ausdruck ihres … Lebensgefühls finden.“2

Das ist ohne Einschränkung richtig. Aber: Nicht für alle trifft es zu. Nicht alle mögen Popularmusik. Daraus ergibt sich ein hochaktuelles Problem. Wir formulieren es als These und wenden uns besonders an die junge Generation:

These 3: Die Jugend einer Kirche darf nicht die höchste „Einschalt­quote“ für sich reklamieren in der Überzeugung, ein Alleinvertretungs­an­spruch sei im Namen ihrer Modernität gerechtfertigt.

Wir sind kein Fernsehen, wo nur die Zahlen gelten. Schließlich geht es um eine christliche Gemeinde. Und die ist vielschichtig! Zu schnell könnte ein Imperialismus des Leichtverkäuflichen entstehen. Und Quotengehorsam riecht immer nach Anbiedern, auch nach Aggressivität. Die steht uns nicht gut zu Gesicht. Auch in der Geschichte der Kirchenmusik gab es das noch nie, dass das Alte einfach vom Thron geschoben wurde und sich das Neue selbstbewusst daraufsetzte. Aber: Neues war immer am Horizont; nur dass es sich langsam durchsetzte, nie abrupt. Und vom Alten blieb das wirklich Gute stets erhalten und hatte Bestand über viele Jahrhunderte. Das wird auch diesmal so sein. Wenn aber etwas Kluges untergehen soll, nur weil das Neue – manchmal auch Dumme – rabiater einherkommt, dann wird aus Kultur eine Waffe, auch eine Ware, die nach den Gesetzen des Marktes und der Ellenbogen funktioniert. Das wollen wir gerade nicht. Etwas Neues beginnt im Normalfall nicht als Mehrheit, immer als Versuch, als Risiko! Das heißt doch: Etwas mehr Bescheidenheit kann unserem Umgang miteinander nur guttun. Wir erwähnen das alles deshalb, weil Klagelieder dieser Art immer wieder gesungen werden: Die Jugend belächelt die Alten und meint: Die sind doch hoffnungslos verloren mit ihren altmodischen Kirchenliedern! Der Profi sagt dazu: Vorsicht! Wie die Geschichte die Repertoirefähigkeit der neuen Lieder sieht, entscheiden nicht wir. Kultur hat andere, eigene Gesetze. Die Popkultur ist da nicht ausgenommen. Als These klingt das so:

These 4: „Klassik“ ist kein Schrott­platz! Der Fehler, die Hochkultur für „Plunder“ zu erklären und im Altenteil der Geschichte Platz nehmen zu lassen, wird sich erst nach Jahren rächen.

Richard von Weizsäcker sieht das so:

These 5: „Wenn ein Volk nicht weiß, wie es zu seiner Vergangenheit steht, dann kann es in der Gegenwart leicht stolpern.“3

Das heißt doch: Wer die gewachsene Tradition nicht ehrt, kommt mit der Zukunft nicht zurande. Er produziert eine „verfehlte Geschichte“.4 Dieser Punkt wendet sich an Jung und Alt und ist von größter Wichtigkeit. Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren.

„Irgend etwas geht seinen Gang“

Die Vorgänge, die heute in der Musiklandschaft über die Bühne gehen, sind faszinierend. Und wir ahnen mit Samuel Beckett: „Irgend etwas geht seinen Gang.“5 Es ist nun unsere große Frage: Wie geht das mit den rasanten technischen, religiösen und kulturellen Umwälzungen weiter? Wird die „Unübersichtlichkeit“ (Habermas) immer größer? Wie antworten wir darauf? Die Sozial- und Gesellschaftswissenschaft sagt uns kurz und lapidar:

These 6: Der rasante Wechsel der Kultur macht es erforderlich, dass wir in der Lage sind, mit einer sehr, sehr breiten Vielfalt umzugehen.

Wir müssen die Vielfalt wollen; wir müssen sie bewusst gestalten und aushalten! Darüber sollte Jung und Alt nachdenken. Das heißt in Kurzform: Wer musikalische Toleranz nicht trainiert, bringt die Gemeinde in Gefahr. Das ist das Zweite, was wir uns zu sagen haben. Die Schnelligkeit des Wechsels hat eben ihre Folgen.Daraus ergibt sich noch etwas ganz anderes, nämlich: Innerhalb der unterhaltsamen Vielfältigkeit brauchen wir ein Kontinuum, etwas, das bleibt. „Vielfalt braucht Orientierung“, so der Präsident des Deutschen Bundestages. Ohne den berühmten „roten Faden“, ohne eine repertoirefähige Musik können wir leicht die Orientierung verlieren. Für diese Aufgabe ist die klassische Musik allerdings besser gerüstet. Auch darum dürfen wir sie nicht entlassen.

Ausblick

Versuchen wir ein Fazit: Der Philosoph Wolfgang Welsch gibt uns mit seinen Leitvokabeln für das 21. Jahrhundert einen überzeugenden Schlüssel in die Hand, mit dem wir die Zukunft bewältigen können:

These 7: Der musikalischen „Doppelfigur der Gegenwart sollte man sich stellen und sie [nicht] … auf nur einen Pol verkürzen. Als heutiger Mensch sollte man sich in beiden Arten [„popular“ und „klassisch“] … kompetent und lustvoll bewegen können.“6

Diesen Weg der Hochachtung voreinander zu gehen, ist ohne Zweifel die Hauptaufgabe unserer Zeit. „Singt dem Herrn“ und „Swingt dem Herrn ein neues Lied“ – nur dieses Miteinander hat Sinn! Verdächtigungen, ganz gleich welcher Art, sind vom Übel.

1 Gedanken aus dem Eröffnungsvortrag beim Seminar für Popularmusik 2008 in Friedensau
2 Jan Koenot: „Hungry for Heaven“. In: Wolfgang Kabus: Popularmusik und Kirche, Frankfurt am Main 2003, 112
3 Richard von Weizsäcker: Brücken der Verständigung. Berlin 1990, 50
4 Adalbert Reif: „Heinrich Böll: Hörwerke“. In: UNIVERSITAS 2008/Heft 11, 1199
5 Samuel Beckett: Endspiel. Frankfurt am Main 1976, 100
6 Norbert Lammert: Vielfalt braucht Orientierung. Leipzig 2008
7 Wolfgang Welsch (Hrsg.): Die Aktualität des Ästhetischen. München 1993, zitiert nach BKJ (Hrsg.) Bd. 41. Remscheid 1997, 15

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