Dibon – eine biblische Stadt im Ostjordanland
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Der antike Ruinenhügel von Dibon (Tall Dhiban) liegt in unmittelbarer Nachbarschaft nordwestlich der modernen Stadt Dhiban im heutigen Jordanien und bedeckt eine Fläche von etwa 5 Hektar. Der Ort liegt 65 km südlich von Amman an der antiken „Straße der Könige“, einer der Hauptrouten, die das Ostjordanland in nord-südlicher Richtung durchzog. Dibon liegt auf einem Plateau, 20 km östlich des Toten Meeres zwischen dem nördlich gelegenen Wadi Wale und dem südlich gelegenen Wadi al-Mujeb (dem biblischen Arnon, vgl. Num 21,13; Dtn 2,36). Bis auf die östliche Seite, die durch Erosion des Siedlungshügels abgeflacht ist, bieten die umliegenden Täler und Bodensenken einen natürlichen Schutz. Dibon hat keine natürliche Wasserquelle; die Bewohner waren darauf angewiesen, das Regenwasser in Zisternen zu sammeln. Die Identifikation des Siedlungshügels von Dhiban mit Dibon ist schon früh aufgrund der Ähnlichkeit des modernen Namens der arabischen Stadt erfolgt. Der Fund einer monumentalen Inschrift des moabitischen Königs Mescha durch den elsässischen Missionar Frederick Augustus Klein im Jahr 1868 hat die Identifikation von Dibon bestätigt. Die früheste Erwähnung Dibons findet sich vermutlich in der Palästina-Liste Thutmosis´ III. (1479–1425 v. Chr.). Eusebius identifiziert Dibon in seinem Onomastikon mit einer „sehr großen“ Stadt in der Nähe des Arnon. Auf ihrem Weg aus Ägypten durch das Ostjordanland eroberten die Israeliten das Gebiet des Amoriterkönigs Sihon nördlich des Arnon (Num 21,21–31). Es wurde dem Stamm Ruben als Siedlungsgebiet zugeteilt. Nach Num 32,34 sind Dibon und weitere Städte durch den Stamm Gad gebaut worden. Bei der endgültigen Verteilung des Landes wurde die Gegend östlich des Toten Meeres dem Stamm Ruben zugesprochen (Jos 13,15–23); der Stamm Gad nahm das Land östlich des Jordan zwischen dem See Genezareth und dem Nordende des Toten Meeres ein (Jos 13,24–28). Vermutlich haben Mitglieder des Stammes Gad schon früh verschiedene Städte für sich aufgebaut, deren Gebiet aber später zum Stamm Ruben gerechnet wurde. Noch im 9. Jahrhundert vermerkt der moabitische König Mescha auf seiner Stele, dass „die Männer von Gad seit alters im Lande“ gelebt haben.Während der Richterzeit wurde Israel verschiedentlich durch moabitische und ammonitische Kräfte aus dem Gebiet östlich des Toten Meeres bedrängt (Ri 3,12–30; Ri 11); David kämpfte gegen die Moabiter und forderte Tributzahlungen von ihnen (2 Sam 8,2). Vermutlich erlangte Moab seine Unabhängigkeit wieder, als sich die nördlichen Stämme nach dem Tode Salomos absonderten. Die Mescha-Stele berichtet, dass der israelitische König Omri nach einem erfolgreichen Feldzug gegen Moab das Land nördlich des Arnon unter seine Kontrolle gebracht hatte. Nach dem Tode Ahabs revoltierte Mescha und richtete in Dibon seine neue Hauptstadt ein. Aus 2 Kön 10,32–33 wird ersichtlich, dass Hasaël, König von Damaskus, das Gebiet Israels östlich des Jordan bis zum Arnon besetzte; ein Hinweis darauf, dass dem Einfluss Moabs auf das Territorium nördlich des Arnon schon bald Widerstand entgegengesetzt wurde.In den Völkersprüchen Jesajas und Jeremias gegen Moab (Jes 15; Jer 48) wird deutlich, dass Dibon und andere Städte nördlich des Arnon (wie z.B. Heschbon, Aroer, Nebo, Madaba) zum Gebiet Moabs gerechnet wurden. In dieser Zeit der assyrischen und babylonischen Expansion waren die ostjordanischen Staaten diesen Mächten tributpflichtig geworden. Moab wurde vermutlich unter Nebukadnezar Teil des babylonischen Reiches. Die archäologische Exploration von Tall Dhiban wurde von den American Schools of Oriental Research aufgenommen. In den Jahren 1950–53 und 1955–56 untersuchten Fred Winnett, William Reed und Douglas Tushingham vor allem den südlichen Bereich des Siedlungshügels. Drei weitere Kampagnen (1955–56, 1965) unter der Leitung von William Morton konzentrierten sich auf die Akropolis und die nördlichen Areale. Die Antikenverwaltung von Jordanien begann 2002 ein neues Grabungs- und Restaurationsprogramm; seit 2004 werden diese Arbeiten durch ein neues Grabungsprojekt ergänzt, das von B. Routledge, B. Porter und D. Steen geleitet wird. Die Grabungsergebnisse haben gezeigt, dass Tall Dhiban von der Frühbronzezeit bis in die frühe osmanische Epoche (15./16. Jh.) mit Unterbrechungen besiedelt gewesen ist. Für die frühe Eisenzeit (1200–1000 v. Chr./nach der biblischen Chronologie die Zeit der Richter) ist eine ganze Reihe von öffentlichen Bauten im Bereich der Akropolis bezeugt; hier ist vor allem ein großer Bau hervorzuheben, der als Heiligtum interpretiert worden ist. Funde (wie z.B. ein Räucherständer) unterstreichen die Interpretation dieses Gebäudes. In den nördlichen und östlichen Grabungsarealen wurden ein Tor, Getreidesilos und verschiedenen Fundamentmauern größerer Gebäude freigelegt. Das wesentliche Material aus der späteren Eisenzeit (ca. 1000–500 v. Chr.) stammt aus dem südlichen Teil von Tall Dhiban, vornehmlich aus dem Bereich der Befestigungsanlagen. Die Ausgräber haben im Wesentlichen drei Bauphasen unterschieden: Aus der ersten Bauphase (9. Jh. v. Chr.) stammen Teile der Umfassungsmauer und Reste eines administrativen Gebäudekomplexes. Diese baulichen Aktivitäten werden dem moabitischen König Mescha zugeordnet, der zu dieser Zeit seinen Einflussbereich nach Norden ausdehnen und Dibon zu seiner Hauptstadt machen konnte und weiter ausbaute. Der wichtigste Fund aus dieser Phase ist die Mescha-Stele, auf der Mescha seine erfolgreiche Konfrontation mit Israel festhält (vgl. dazu 2 Kön 3). Nach Meschas Worten baute er eine Festung im südlichen Teil von Dibon und errichtete dort ein Heiligtum für den moabitischen Nationalgott Kemosch. Während der zweiten Bauphase (spätes 8. Jh. v. Chr.) sind die Befestigungsanlagen verstärkt und ausgebaut worden. Moab war zu dieser Zeit ein Vasall Assyriens und erlebte eine Zeit der Prosperität. Zeugnisse der dritten Bauphase (7. Jh. v. Chr.) sind vor allem im nordöstlichen und südlichen Bereich erhalten geblieben. Hier wurden ebenfalls die Stadtmauern durch massive Stützmauern weiter ausgebaut (bis zu 10 m dick). Diese Bauphase wird im Zusammenhang des Kampfes Moabs gegen arabische Wüstenstämme gedeutet. Sie dauerte bis zur Zerstörung Dibons durch Nebukadnezar (582 v. Chr.) an. Während der Eisenzeit wurde eine extensive Nekropolis in den nordöstlichen Abhängen zum Wadi unterhalten. Eine Reihe von Kammergräbern sind hier über Generationen hinweg genutzt worden. Ein Grab enthielt einen Tonsarkophag mit einem anthropomorph gestalteten Deckel. Mit der Ausdehnung des nabatäischen Königreiches erlebte Dibon eine neue Phase der Besiedlung. Die Ausgräber fanden Reste eines Stadttores und eines Tempels im südöstlichen Bereich des Grabungshügels. Die Größe und Ausdehnung der Fundamentmauern sowie Fragmente von Säulen, Sockeln und Gesimsen lassen Ähnlichkeiten mit Tempeln in Petra erkennen. Erbaut wurde das Heiligtum zu Beginn des 1. Jh. n. Chr. unter König Aretas IV. Vermutlich wurde der Tempel im Zuge der römischen Eroberung des Ostjordanlandes (106 n. Chr.) aufgegeben. Weitere Funde aus dieser Epoche bestehen u.a. aus einer Münze Aretas’ IV. und Reste eines Aquädukts. Die Nabatäer nutzten ihre Fähigkeiten im Wassermanagement, um das kostbare Nass zu sammeln und in die Stadt zu bringen. Zu den wichtigen Funden der römischen Epoche gehören zwei Inschriften; die eine wird in das Jahr 201 n. Chr. datiert und bezieht sich auf die Etablierung eines römischen Militärpostens, der die Hauptverbindung des Ostjordanlandes in nord-südlicher Richtung, die Via Nova Traiana, bewachen sollte. Eine weitere Inschrift, die in das Jahr 245/46 n. Chr. datiert wird, erwähnt einen römischen Gouverneur, Claudius Capitolinus. Ein Bad-Komplex und Umfassungsmauern werden in diese Zeit datiert. Dibon scheint an der generellen Prosperität des Ostjordanlandes partizipiert zu haben (6./7. Jh.). Großzügige öffentliche Anlagen und Bäder sowie zwei Kirchengebäude werden in die byzantinische Epoche datiert. Verschiedene Grabfunde geben einen Einblick in das Privatleben von Christen aus dieser Zeit. Mit der islamischen Eroberung tauchen neue Mauerstrukturen auf. Ein Gebäudekomplex mit Räumen aus Gewölben wird als Sitz eines lokalen Oberhauptes interpretiert. Zu dieser Zeit hatte die Stadt auch wieder eine Umfassungsmauer. Numismatische Hinweise deuten auf eine abbasidische Besiedlung im 8. und 9. Jh. hin. Eine Blüte erlebte die Stadt während der ayyubidischen und frühen mamlukischen Epoche (12./13. Jh.). Während dieser Zeit bedeckte eine große agrarische Ansiedlung den Siedlungshügel. Nomadische Familien siedelten sich in den 1950er-Jahren auf einem Nachbarhügel an und gründeten die arabische Dhiban. Dabei nutzten sie die alten Ruinen als Steinbruch. Die heutige Bevölkerung zählt ca. 17.000 Einwohner. |
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