Glaube und Marktwirtschaft
Stichwort: Teure Zeit1Vor Kurzem hat der Benzinpreis die Marke von € 1,50/l überschritten, der Dieselpreis stand das erste Mal über dem von Normalbenzin. Der Aufschrei war groß. Mittlerweile haben wir uns wohl an die Situation gewöhnt. Wir fahren trotzdem weiter Auto, die Straßen sind voll, Staus nach wie vor an der Tagesordnung. Eine neue Dimension kam in die Diskussion, als im April die Nachricht von steigenden Lebensmittelpreisen die Runde machte. Grundnahrungsmittel wie Weizen und Reis, Milchprodukte und Fleisch sind teurer geworden. Die Angst ging um, ob wir uns in Zukunft unsere Ernährung noch leisten können. Und in der Tat: In den vergangenen drei Jahren sind die Nahrungsmittelpreise weltweit um 83 Prozent gestiegen und in Deutschland haben sich die Preise in einem Jahr so stark verteuert wie in den zehn Jahren davor2. Ist die Angst berechtigt? Natürlich nicht, wir jammern auf hohem Niveau. Es trifft in erster Linie nicht uns, nicht die, die in den reichen Ländern dieser Welt einige Cent mehr für ihre Speise ausgeben. Es trifft, wie immer in solchen Fällen, die Armen. Bei ihnen geht es um Leben und Tod, nicht bei uns. „Der Hunger ist auf die politische Agenda zurückgekehrt“, so zitiert die „Wirtschaftswoche“ den Leiter des International Food Policy Research Insititute, Joachim von Braun. Wir hören von Unruhen in Ägypten und Haiti, die Weltbank schätzt, dass in 33 Ländern Hungersnöte drohen und das Potenzial für Aufstände dort sehr groß sei. Wir leben seit Jahren damit, dass etwa 850 Millionen Menschen auf dieser Welt permanent in Hunger leben und nicht wissen, wie sie über den Tag kommen sollen. Wie kommt das? Hunger ist in erster Linie kein Mengenproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Das hat vielfach zu tun mit einer verfehlten Agrarpolitik in den Entwicklungsländern und mit dem Protektionismus beispielsweise in der EU oder den USA. Neu hinzu kommt, so sagt man, die erhöhte Nachfrage der Schwellenländer wie Indien und China, z.B. beim Verzehr von Fleisch. Wenn die ganze Welt auf unserem Wohlstandsniveau leben würde, hätten wir ein echtes Problem. Dazu kommt die Sorge, dass durch den Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe Flächen für die Nahrungsmittelproduktion verloren gehen würden. Und schließlich „haben Spekulanten die Agrarmärkte als neues Tummelfeld entdeckt.“ Sie haben kein Interesse an gerechter Nahrungsverteilung, sondern an Profit. Nimmt man noch die aktuellen und drohenden Veränderungen durch den selbst verursachten Klimawandel dazu, können wir festhalten, dass ein großer Teil der Hungermisere menschengemacht ist. – Soweit die Situationsbeschreibung. Was bedeutet das nun aus christlicher Sicht? Erstens: Für Jesus Christus gehören Hungersnöte2 wie auch Erdbeben oder Kriege zu Zeichen der Endzeit (Mt 24,7). Sie sind ein untrügliches Merkmal dafür, dass die Ankündigung seiner Wiederkunft vertrauenswürdig ist. Und er sagt damit auch, dass es mit unserer Welt im Argen liegt und nicht besser wird. Ungerechtigkeit, Macht- und Profitgier verhindern eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel, Hungersnöte sind vorprogrammiert. „Die Gesetzlosigkeit wird immer mehr überhand nehmen und die Liebe wird bei vielen erkalten.“ (Vers 12). Und weil das alles erst „der Anfang“ ist (Vers 8), müssen wir wohl noch eine Weile damit leben, spätestens bis zum zweiten Kommen Christi. Zweitens: Als Christen sind wir aufgefordert, verantwortlich zu handeln an Mensch und Natur und die Schwachen, Kranken und Armen dieser Welt zu unterstützen (vergleiche Mt 25,31 ff.). Machen wir uns bewusst, wie unser Lebensstil das Schicksal anderer Menschen in anderen Teilen der Welt beeinflussen kann, und versuchen wir unser Leben darauf einzustellen und ggf. zu ändern. Wir können die Welt nicht retten, aber unseren Teil tun. Vielleicht kann uns das Handlungsprinzip sein, was der Apostel Paulus anlässlich der Sammlung für die Gemeinde Jerusalem den Spendern gesagt hat: „Im Augenblick habt ihr viel und könnt ihnen helfen. Ein andermal können sie dann mit euch teilen, wenn ihr es nötig habt. Auf diese Weise hat jeder, was er braucht. Erinnert ihr euch, was die Schrift darüber sagt? ,Diejenigen, die viel sammelten, behielten nichts übrig, und diejenigen, die nur wenig sammelten, hatten genug3.’“ (2 Ko 8,14.15) 1 In älteren Lutherübersetzungen (z.B. von 1912) wurde das griechische Wort (limos) für „Hungersnot“ mit „teure Zeit“ übersetzt. |
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