Adventgemeinde und Fundamentalismus – {k}eine problematische Beziehung
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Vor einiger Zeit saß ich mit einem amerikanischen Evangelisten im Bus. Er war ein gern gehörter und gesehener Fernsehprediger in unseren Gemeinden. Und irgendwann im Gespräch über das, was uns über den Atlantik hinweg verbindet, sagte er verbindlich lächelnd: „Ich bin ein Fundamentalist. Das sind wir doch als Adventisten alle.” Diese Aussage kam so selbstverständlich und gewinnend liebevoll, dass es mir schwerfiel zu sagen, dass ich mich nicht als Fundamentalisten betrachte und es nie und nimmer sein will. Da waren wir nun, zwei überzeugte Adventisten, Prediger und Evangelisten – und über diese Frage ganz unterschiedlicher Meinung: er ein liebevoller Fundamentalist (obwohl ich den Verdacht hatte, dass er nicht ganz scharf analysiert hatte, was der Begriff bedeutet) und ich (hoffentlich) ein liebevoller Antifundamentalist (aber vielleicht doch mit dem einen oder anderen fundamentalistischen Zug?). Die Fundamentalismusdebatte ist in vollem Gang. Sie hat durch die Terroranschläge auf Amerika am 11. September 2001 eine politische Dimension erhalten. Der Weg von Fundamentalisten zu Terroristen wird deutlich beschrieben und die Warnung und Wappnung dagegen sind allenthalben sichtbar. Die Diskussion über den religiösen Fundamentalismus innerhalb der christlichen Kirchen allerdings ist älter. Sie geht in der evangelischen Welt auf den Fundamentalismusstreit in den 20er-Jahren in den USA zurück. Damals war die europäische, vor allem deutsche, liberale Theologie (Tübinger Schule) in die Lehrsäle der Universitäten und auf Kanzeln in den Kirchen in den USA vorgedrungen. Dagegen hatte sich eine Bewegung erhoben, die dann als der so genannte protestantische Fundamentalismus bekannt wurde, der sich vor allem in den evangelikalen Kreisen zu einer Protest- und Gegenbewegung mit Konferenzen, Veröffentlichungen und eigenen Bibelseminaren erhoben hatte und der bis heute die religiöse Landschaft weiter Teile Nordamerikas und Europas prägt. Fragt man, was die tragenden Säulen des fundamentalistischen Bekenntnisses sind, steht im Mittelpunkt der Streit um das Verständnis der Bibel als Heilige Schrift und Wort Gottes. Betrachteten die „liberalen Theologen“ im Nachklang der Aufklärung die Bibel als historisches menschliches Zeugnis über Gott und unterwarfen die Interpretation des Textes denselben Kriterien, wie sie für andere Literaturgattungen gelten, hielt ein anderer Teil an der besonderen Bedeutung der Bibel als inspiriertes und irrtumsloses Wort Gottes fest, das über allen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Interpretation steht und wörtlich verstanden und angewendet werden will. In manchen Kreisen gilt bis heute diese Verbalinspiration als verbindlicher Glaubensgrundsatz. Das heißt, dass die Bibel gemäß dieser Sichtweise ganz auf der göttlichen Seite steht und der Mensch lediglich die Feder Gottes war, nie aber ihr Autor. Andere Glaubensaussagen leiten sich aus diesem historischen Bibelverständnis ab: der Glaube an die Jungfrauengeburt (weil in der Bibel so gesagt), der Glaube an den versöhnenden Tod Jesu, der Glaube an die leibliche Auferstehung, der Glaube an die leibliche Wiederkunft Christi, der Glaube an die Sechs-Tage-Schöpfung. Kein Wunder, dass Adventisten und ihre Leiter sich in dem Kreis dieser Gläubigen wohlgefühlt haben, ja sich z.T. als die eigentlich wahren Fundamentalisten bezeichneten, da sie zusätzlich zu den geteilten Überzeugungen noch den wahren biblischen Sabbat hielten (siehe G. Knight, Es war nicht immer so, S. 125). In diesen Zusammenhang gehört auch die Überzeugung von M.C. Wilcox, dem damaligen adventistischen Schriftleiter, der 1911 in der Frage der Inspiration den Standpunkt vertrat, dass der Originaltext inspiriert sei, d.h. die Worte, die der Prophet oder Apostel gebrauchte, aber nicht die Person (Questions and Answers I, 1911). Im Jahr 1928 bekannte sich Wilcox auch zur Verbalinspiration der Schriften von Ellen G. White. Wie stark die Nähe zu fundamentalistischem Verständnis war, zeigt auch ein Artikel im Ministry, der adventistischen Zeitschrift für Prediger, in dem folgende Aussage gemacht wird: „Die Bibel ist ein Buch, das Gottes Erlösungsplan mitteilt; es enthält keine Fehler und Irrtümer, weil es vom Heiligen Geist inspiriert ist. Nicht nur jedes Wort der Lehre ist wahr, sondern auch die historischen und allgemeinen Angaben sind ohne Fehler ... Sogar alle beiläufigen geologischen, kosmologischen, astronomischen und biologischen Hinweise entsprechen der Wahrheit [eigene Hervorhebung]“ (Ministry, Juni 1931, 20f.) Es ist dem Einfluss von Ellen White zu verdanken, dass das offene Eintreten der neuen Generation von Leitern in den 20er- und 30er-Jahren für die Verbalinspiration sowohl der Bibel als auch ihrer Schriften korrigiert werden konnte und die Adventgemeinde heute die Position der Personalinspiration vertritt und sich von dem Bibelverständnis fundamentalistischer Kreise unterscheidet. Ellen White hatte bereits 1886 folgenden Standpunkt vertreten: „Die Bibel wurde von inspirierten Menschen geschrieben, aber es ist nicht die Art, wie Gott seine Gedanken ausdrückt, sondern wie Menschen es tun. Nicht Gott als Autor wird dargestellt. Menschen werden oft sagen, ein solcher Ausdruck sei nicht göttlich. Aber Gott hat sich in der Bibel nicht in Worten, Logik und Rhetorik [eigene Hervorhebung] einem Test unterziehen wollen. Die Autoren der Bibel waren Gottes Schreiber, nicht seine Feder ... Nicht die Worte der Bibel sind inspiriert, sondern die Menschen” (1FG 20,21). Trotz der eindeutigen Aussagen von Ellen White hielt sich ein Nebeneinander von gemäßigter Sicht und fundamentalistischer Sicht mit einem, so George Knight, Übergewicht des Festhaltens an der Verbalinspiration in der allgemeinen Gemeindefrömmigkeit und -theologie bis in die 60er- und 70er-Jahre (Es war nicht immer so, S.129f.). Diese Tatsache zeigt, dass das Verständnis der Bibel auch in inneradventistischen Kreisen durch die Fundamentalismusdebatte gezeichnet war und zum Teil noch ist. Untersucht man die offiziellen Stellungnahmen der Generalkonferenz als Kirchenleitung, stellt man fest, dass die heutige Adventgemeinde den Kriterien des modernen evangelikalen Fundamentalismus nicht entspricht. Dieser vertritt über die von Adventisten geteilten theologischen Aussagen hinaus gesellschaftliche und politische Überzeugungen, die z.T. militant verfochten werden: Ablehnung der Demokratie (unbiblisch), Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau (unbiblisch), Bejahung der Todesstrafe (biblisch), Bejahung der Prügelstrafe (biblisch), Bejahung eines dualistischen Weltbildes und scharfe Trennung zwischen Gut und Böse (biblisch), apokalyptische Endzeitszenarien (biblisch), militanter Kampf gegen Homosexuelle und gegen Abtreibung (unbiblisch). Drei herausragende und für sich sprechende Stellungnahmen der Generalkonferenz sollen die Distanz zum Fundamentalismus gerade im Verhältnis zur Gesellschaft verdeutlichen. Als erstes die Stellungnahme zu Religionsfreiheit, verabschiedet auf der Vollversammlung der Generalkonferenz in Utrecht, Niederlande, im Jahr 1995: „Seit mehr als einem Jahrhundert sind Siebenten-Tags-Adventisten Förderer der religiösen Freiheit. Wir erkennen die Notwendigkeit an, uns intensiv für die Freiheit des Gewissens und der Religion als fundamentalem Menschenrecht einzusetzen, in Übereinstimmung mit den Möglichkeiten der Vereinten Nationen ... Als loyale Staatsbürger glauben Adventisten, dass sie ein Recht auf Religionsfreiheit haben, abhängig von den gleichen Rechten anderer ... Wir werden weiterhin mit anderen zusammenarbeiten und Netzwerke bilden, um die religiöse Freiheit aller Menschen zu verteidigen, auch die Freiheit derer, mit denen wir nicht übereinstimmen [eigene Hervorhebung]” (Erklärungen, Richtlinien und andere Dokumente, S. 76). Ebenso überzeugend antifundamentalistisch lautet die Erklärung zum Grundsatz der Toleranz, die ebenfalls in Utrecht verabschiedet wurde: „Siebenten-Tags-Adventisten unterstützen die Proklamation der Vereinten Nationen, die das Jahr 1995 zum Jahr der Toleranz erklärt haben. Diese Proklamation kommt zur rechten Zeit, denn die Intoleranz breitet sich auf allen Kontinenten aus – religiöser Extremismus, Rassismus, Stammesdenken, ethnische Säuberungen, verbale Attacken und andere Formen des Terrorismus und der Gewalt. Auch Christen sind nicht schuldlos an den Vorurteilen und der Härte der Menschen. Toleranz als die Fähigkeit, ungünstige Umstände zu ertragen, ist nur ein Anfang. Christen und alle Menschen guten Willens müssen noch weit über dieses negative Denkmodell hinausgehen und Verständnis für Glaubensrichtungen und Praktiken gewinnen, die sich nicht nur von ihren unterscheiden, sondern sogar mit ihnen in Konflikt geraten [eigene Hervorhebung] ... Das bedeutet nicht Nachgiebigkeit oder tiefste Unterwerfung, sondern Partnerschaft und Respekt vor den gleichen Rechten aller ... Schließlich bedeutet Toleranz im besten Sinne des Wortes nicht nur die Akzeptanz anderer Ansichten und anderer Menschen, sondern auch, mit gutem Willen, Dialogbereitschaft und Verständnis aufeinander – auf jeden Menschen – zuzugehen” (Erklärungen, Richtlinien und andere Dokumente, S. 81). Ein letztes Beispiel macht die oben genannte Distanz zum Fundamentalismus noch einmal deutlich. Es handelt sich um die Stellungnahme zu dem moralisch heiklen und für Fundamentalisten eindeutigen Fall des Schwangerschaftsabbruchs. Folgende Stellungnahme wurde vom Exekutivgremium der Generalkonferenz im Jahr 1992 in Washington verabschiedet: „Die Gemeinde kann für den einzelnen nicht als Gewissen fungieren, dennoch sollte sie moralische Orientierung vermitteln. Ein Schwangerschaftsabbruch zur Geburtenkontrolle, um eine Auswahl des Geschlechts vorzunehmen oder aus Bequemlichkeit, kann von der Gemeinde nicht akzeptiert werden. Dennoch kann es sein, dass außergewöhnliche Bedingungen für die betroffenen Frauen zwingende moralische oder medizinische Probleme aufwerfen, etwa eine offensichtliche Gefahr für das Leben der Schwangeren, eine ernste Bedrohung ihrer Gesundheit, schwere angeborene Behinderungen des Fötus, die bei einer sorgfältigen Diagnose festgestellt wurden, oder eine Schwangerschaft als Folge von Vergewaltigung oder Inzest. Die endgültige Entscheidung über die Fortführung oder Beendigung einer Schwangerschaft sollte aber letztlich nach gründlicher Beratung von der Frau getroffen werden ... jeder Versuch, Frauen entweder zur Schwangerschaft oder zum Abbruch zu zwingen, [muss] als Eingriff in ihre persönliche Freiheit zurückgewiesen werden” (Erklärungen, Richtlinien und andere Dokumente, S. 118ff.). Hier zeigt sich, dass die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten Menschen nicht einer Ideologie unterwirft, sondern menschliche Würde und Freiheit im Sinne des Evangeliums als höchstes Gut schützt. Die zu allen Zeiten und in besonderem Maße in einer offenen Gesellschaft notwendige Vergewisserung des Glaubens geschieht demnach innerhalb der Adventgemeinde nicht durch eine ideologische Engführung und eine pseudo-biblische Argumentation, die zwar den Buchstaben der Bibel im Munde führte, aber den Geist und das Anliegen des jeweiligen Textes in seinem Sinn- und Kulturzusammenhang übersähe, sondern durch eine durch Bibelstudium und Beziehung zu Christus gewonnene innere Gewissheit. Innerhalb dieser inneren Gewissheit haben rationale Argumente ihren Platz, und die rationalen Zweifel werden ausgehalten, weil der Glaube über sie hinausgeht und sich in der Existenz verankert. So wird der rein rationalistische Ansatz der liberalen Theologie wie des Fundamentalismus überwunden, der kennzeichnend war für das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und in weiten Teilen weiterhin kennzeichnend ist für den christlichen Fundamentalismus heute. Wenn es in der Adventgemeinde heute fundamentalistisch orientierte Personen und Gruppen gibt, liegen sie, so könnten wir zeigen, nicht im „main stream“ – in der Mitte – des Adventismus, sondern an seinem Rand. Ihre fundamentale Orientierung wird mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine persönliche Disposition begründet, also eher durch Psychologie als durch Theologie. Im Allgemeinen kann man vermuten, dass diese Personen ein überwertiges Maß an Gewissheit und Sicherheit suchen. Diese finden sie am besten in einem von außen verordneten Lebensentwurf, der die Autorität von der Bibel ableitet und so eine irrtumslose Orientierung anzubieten scheint. Man glaubt in jeder Lebenslage zu wissen, was gut und böse sei, und kann sich so auf dem Weg der Heiligung relativ gut vor der Sünde schützen. Je mehr die äußeren Gewissheiten in einer offenen Gesellschaft wegzubrechen drohen, desto stärker kann der Rückgriff auf die vermeintlichen Sicherheiten in einem geschlossenen Denksystem sein. Letztlich aber ist ein fundamentalistisches Weltbild ein Konstrukt eines verunsicherten Geistes. Es ist die Aufgabe der Gemeinde, Vergewisserung anzubieten, auch gerade in einer offenen und oft genug orientierungslosen Gesellschaft wie der unsrigen. Dies geschieht jedoch am besten durch Verinnerlichung des Evangeliums, durch Beziehung zu der Person Jesus Christus und durch den offenen Dialog mit Gemeinde und Umfeld. So kann sich Freiheit mit Verantwortung paaren als beste Voraussetzung für ein überzeugtes und zugleich tolerantes Leben als Adventist. Wichtige Quellen: Generalkonferenz der STA: Erklärungen, Richtlinien und andere Dokumente. Lüneburg 1998. |
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