Fundamentalismus in der Geschichte der Adventgemeinde
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Die Sehnsucht nach Sicherheit auf der einen und Risikobereitschaft auf der anderen Seite bilden zwei wesentliche Motive für unser Handeln. Während bei vielen Menschen in der Jugend das Risiko gern in Kauf genommen wird, weil man etwas erleben und erreichen möchte, nimmt der Hang zur Sicherheit häufig mit voranschreitendem Lebensalter zu. Was bei den Lebensstufen als so selbstverständlich empfunden wird, weil wir den Wechsel von der Risikobereitschaft zur Sicherheit mitunter an uns selbst miterleben können, vollzieht sich in ähnlicher Weise auch bei der Entwicklung von Menschengruppen. Am Anfang der Adventbewegung stand ein hohes Maß an Bereitschaft, Neues aufzunehmen und umzusetzen. Wie anders hätten die Männer und Frauen nach der Enttäuschung 1844 sonst in so kurzer Zeit eine Reihe von fundamentalen Glaubenslehren, wie z.B. den Sabbat, aufnehmen und in ihre Lehrgebäude integrieren können? Und nicht genug damit: Die Geschichte von 1844 bis zur organisatorischen Gründung der Generalkonferenz 1863 ist gekennzeichnet durch eine Menge an Veränderungen. Das lässt sich u.a. auch dadurch erklären, dass die Mehrheit der Verantwortungsträger damals relativ jung war, während die meisten von ihnen 25 Jahre später weniger Interesse an Veränderung an den Tag legten, was nicht zuletzt der unmittelbare Misserfolg der Minneapolis-Konferenz 1888 dokumentiert. Etwa in dieser Zeit, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, kam es in den Vereinigten Staaten vor allem innerhalb des Baptismus und der presbyterianischen Kirchen zu einer apologetischen Bibelbewegung. Hier sammelten sich Anhänger der Erweckungs- und Heiligungsbewegung, auch Vertreter des Dispensationalismus, um die Werte der Bibel gegen den Rationalismus und Liberalismus der Zeit zu verteidigen und bei der Besetzung von kirchlichen Schlüsselpositionen gemeinsam gegen „liberale“ Kandidaten handeln zu können. Zwischen 1910 und 1915 erschienen aus diesen Kreisen zwölf Bände mit Artikeln verschiedener Autoren unter dem bezeichnenden Titel „The Fundamentals – A Testimony to the Truth“, die als literarisches Manifest der neuen Bewegung galten und gleichzeitig der Bewegung zu einem Namen verhalfen: Fundamentalismus. In vier Schwerpunkten dokumentierten die Bände die Grundgedanken der Bewegung:
Dabei standen vor allem zwei Ziele im Zentrum der Überlegungen: einerseits unter Berufung auf die Verbalinspiration die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel, mit der jeglicher Form der Bibelkritik das Fundament entzogen werden sollte. Daraus abgeleitet folgte die massive Kritik an der Darwinschen Evolutionstheorie, die vor allem als Teil des Lehrstoffs im Schulunterricht zum Stein des Anstoßes wurde. Viele Anhänger des Fundamentalismus sahen darin das gesamte Fundament der christlichen Gesellschaft in den USA bedroht. Diese Auseinandersetzung fand ihren Höhepunkt 1925 in einem Prozess (auch Affen-Prozess genannt) gegen den Lehrer John Scopes in Tennessee. Letztendlich sollte dieser Anlass für eine öffentlichkeitswirksame Verteidigung der Bibel gegen die Vorstellungen der modernen Welt herhalten. Nach dem für die Fundamentalisten eher blamablen Auftreten ihrer Vertreter beim Prozess wurde die fundamentalistische Bewegung separatistisch: Ihre Anhänger zogen sich immer mehr aus den Kirchen zurück und gründeten eigene Denominationen und Seminare bzw. organisierten sich in der 1919 gegründeten World’s Christian Fundamentals Association. Es lässt sich aus der Rückschau gut verstehen, dass auf Seiten der Adventgemeinde den Argumenten der Anhänger des Fundamentalismus viel Sympathie entgegengebracht wurde – war doch der Ausgangspunkt William Millers etwa 100 Jahre früher ein ähnlicher gewesen. Auch er begann mit dem intensiven Bibelstudium, um dem Deismus seiner Zeit die Argumente entziehen zu können und stattdessen die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes nachzuweisen. Ebenso sahen Adventisten jetzt den biblischen Schöpfungsglauben durch die Evolutionstheorie bzw. die Glaubwürdigkeit der Bibel durch die Argumente einer rein rationalen Bibelkritik bedroht. All diese Befürchtungen fanden eine wesentliche Unterstützung nach dem Tod von Ellen G. White im Sommer 1915. Sie war es, die in den entscheidenden Situationen zur Klärung und Orientierung beigetragen hatte. Nun fehlte ein wesentliches Korrektiv aus der Frühzeit der Gemeinschaft. Wer wollte sich jetzt anmaßen, in ihre Fußstapfen zu treten? Wer antwortete jetzt auf die Herausforderung der Zeit?Wenn außerdem bedacht wird, dass viele Anhänger der neuen Bewegung des Fundamentalismus in besonderer Weise mit der baldigen Wiederkunft Jesu rechneten, wird deren Attraktivität für Adventisten umso deutlicher. Zwar waren viele Fundamentalisten Anhänger des Prämillenarismus, rechneten also mit der Erwartung der Wiederkunft und des Weltendes vor dem Beginn des Tausendjährigen Reiches. Doch sie gingen von der Vorstellung aus, dass vor der Wiederkunft eine siebenjährige Trübsalszeit die Welt in ein Chaos stürzen werde, während unter den Gläubigen eine Entrückung stattfinde (Vortrübsalsentrückung). Erst die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit beende die Schreckensherrschaft Satans, der gegen das wiedererweckte Israel kämpfen werde. Damit war eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungstheorien vorprogrammiert. Es scheint so, als habe die Attraktivität der neuen fundamentalistischen Bewegung auf manchen Adventisten einen großen Einfluss ausgeübt, ohne dass die Gefahren und die deutlichen theologischen Unterschiede immer erkannt worden wären. Das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens zur Bibel, das die Vertreter der neuen Bewegung den rationalistischen und atheistischen Zeitströmungen entgegensetzten, schien so groß zu sein, dass in einigen Fällen die gute adventistische Tradition einer sorgfältigen Prüfung der Aussagen am Wort Gottes scheinbar übersehen wurde. So übernahmen schon vor der Jahrhundertwende adventistische Autoren den aus dem Dispensationalismus stammenden Gedanken, dass das Ende der Welt in direkter Verbindung mit dem Untergang des osmanischen Reiches stehe. Die sogenannte „Osmanische Frage“ beschäftigte vor dem Ersten Weltkrieg auch deutsche Adventisten sehr (man lese nur die dazu erschienen Traktate!) und hatte einen wesentlichen Anteil an der Entstehung der Reformationsbewegung. Wahrscheinlich viel zu spät wurde erkannt, dass die Sicherheit, die die fundamentalistische Bewegung ausstrahlte, damit erkauft worden war, dass ein Teil der Wirklichkeit einfach ausgeblendet wurde und auf diese Weise keine echte Auseinandersetzung mit den Argumenten der Gegner stattfand. Schmerzhaft deutlich wird das bei der Bibelkonferenz von 1919, bei der es vier Jahre nach dem Tod von Ellen G. White vorrangig darum ging, welche Bedeutung ihrer Person und ihren Schriften innerhalb der Gemeinschaft zukommen sollten. Gegen den ausgewogenen Rat des Generalkonferenz-Präsidenten Arthur G. Daniells setzten sich die Kräfte durch, die eine deutliche Polarisation bei den Themen Verbalinspiration, Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit vorantrieben. Nicht von ungefähr verlor Daniells wenig später seine Stellung als Präsident der Generalkonferenz und nicht von ungefähr wurden die Protokolle der Bibelkonferenz 1919 sechzig Jahre lang unter Verschluss gehalten. Sicher meinten die dafür Verantwortlichen – ähnlich den Vertretern des protestantischen Fundamentalismus – mit ihrem Handeln, die Gemeinschaft vor größerem Schaden zu bewahren, doch sie erreichten nur das Gegenteil. Die maßvollen Stimmen mit ausgewogener Haltung, wie Daniells, Prescott und W.C. White, wurden an die Seite gedrängt. „Aus Angst und reaktionärer Stimmung heraus kam es soweit, dass die Generalkonferenz ein Lehrbuch für adventistische Colleges herausbrachte, in dem Ellen Whites maßvolle Position hinsichtlich Inspiration ausdrücklich abgelehnt und Unfehlbarkeit und Verbalinspiration für jedes einzelne Wort behauptet wurde. Der Verlust jener maßvollen Haltung … versetzte die Gemeinschaft für Jahrzehnte in Schwierigkeiten, was die Interpretation der Heiligen Schrift und Schriften von Ellen White betraf. Die sich daraus ergebenden Probleme haben zu Extremismus, Missverständnissen und Streit unter Adventisten geführt, die unglücklicherweise bis heute fortbestehen.“ (George Knight, In Erwartung seines Kommens, 122f.) Fundamentalistische Tendenzen vermitteln auf den ersten Blick das Gefühl der Sicherheit. Aber der dafür zu zahlende Preis ist sehr hoch. Unter dem Schlagwort des Bewahrens guter alter Werte müssen Teile der Wirklichkeit ausgeblendet und Argumente Andersdenkender einfach ignoriert werden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dabei leidet die Wahrheit Schaden. Vor allem aber widerspricht das der biblischen Erfahrung, wonach der Glaube sich nur in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart als lebendig erweisen kann. Glauben heißt, im Vertrauen auf Gott ein Risiko einzugehen und selbst in Babylon „der Stadt Bestes zu suchen“. Wer das wagt, weiß, dass allein der Schöpfer den Ausgang kennt Wir wissen „nur“, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Dafür hat er uns sein Wort gegeben. |
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