Glaube und Marktwirtschaft

Srtichwort: Marktfundamentalismus

„Es herrscht nicht genug Wettbewerb,“ hörte ich neulich einen Politiker angesichts der steigenden Strompreise sagen. Wenn es mehr Wettbewerb gäbe, würden die Preise sinken. Das war die Idee, als man vor Jahren die Energieversorgung privatisierte.

Hinter solchen Worten stecken die Glaubenssätze unseres neoliberalen Wirtschaftssystems. Einer davon lautet: „Der Markt ist gut, staatliche Eingriffe sind schlecht.“  Nur wenn der Markt sich frei entfalten könnte, würde die Wirtschaft wachsen und die Ressourcen effizient genutzt werden. Natürlich wissen auch die Verfechter des Neoliberalismus, dass es Marktversagen gibt, z.B. wenn sich Monopole bilden. Deshalb soll der Staat den Ordnungsrahmen schaffen, damit Wettbewerb stattfinden kann und die Marktmechanismen greifen.1 Ein weiterer Lehrsatz, der sich schon auf den Wirtschaftsphilosophen Adam Smith zurückführen lässt, heißt: Wenn jeder Marktteilnehmer nur sein Eigeninteresse verfolgt, dann fördert das den Wohlstand der Allgemeinheit, auch wenn das so nicht beabsichtigt wurde. Smith hat das, „die unsichtbare Hand des Marktes“ ge-nannt.2 In Deutschland wurde diese neoliberale  Theorie durch das Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ wesentlich verändert, in der der Staat auch für einen sozialen Ausgleich sorgen sollte. Der „reinen Lehre“ entspricht das allerdings nicht. Spätestens seit der Wende 1989/1990 und der Beschleunigung der Globalisierung wird diese soziale Komponente immer mehr zurückgedrängt, den Marktkräften wieder mehr freier Lauf gelassen. Der freie Markt soll die (Er-) Lösung bringen, alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme sollen durch das freie Spiel der Marktkräfte gelöst werden.

Die Verfechter des freien Marktes verfolgen dabei ihren Anspruch mit religiösem Eifer: „Die Globalisierung wurde vorbereitet und begleitet vom Aufstieg einer wirtschaftspolitischen Heilslehre [Neoliberalismus], die in ihrer Dogmatik, Unbelehrbarkeit und Indolenz (Gleichgültigkeit) durchaus mit dem Fundamentalismus religiöser Sekten und Glaubenslehren vergleichbar ist“3. Die Autoren des Buches „Die Globalisierungsfalle“ be­zeich­nen die „Liberalisierung der Märkte“ als „eine Ideologie“4. Die Vorherrschaft dieser Ideologie durchzieht die gesamte Gesellschaft und die Politik sowieso. Wir können von einer Art Wirtschaftstotalitarismus sprechen, der in eine Gesellschaft führt, „in der nur noch gemacht wird, was sich rechnet. Und was sich nicht rechnet unterbleibt.“5

Es gibt natürlich Kritiker gegen diese Dominanz der Marktwirtschaft. Einer der größten und glaubwürdigsten ist der Ungar George Soros, der als der erfolgreichste Börsenspekulant nach dem Kriege gilt. Er hat den Begriff „Marktfundamentalismus“ geprägt: „Der heutige Marktfundamentalismus ist eine wesentlich größere Bedrohung für die offene Gesellschaft als jede totalitäre Ideologie“, und „Der Standpunkt der Marktfundamentalisten ist haltlos“, nämlich dass das „Verfolgen des Eigeninteresses dem Gemeinwohl diene.“6 Der Marktmechanismus würde nicht funktionieren. Er beklagte besonders die Instabilität der Finanzmärkte. Was wir heute im Umfeld der amerikanischen Immobilienkrise erleben, bestätigt ihn eindrucksvoll.

Dieser Marktfundamentalismus ist inzwischen so mächtig, dass alle politischen Kräfte, die sich ihm zu widersetzen wagen, kurzerhand als sentimental, unlogisch oder naiv gebrandmarkt werden. Der Glaube an die Überlegenheit marktwirtschaftlicher Prinzipien beruhe auf einer „quasi-religiösen“ Gewissheit, so die Sozialwissenschaftler Somers und Block.7 Das neoliberale Verständnis von Ökonomie und Gesellschaft erhebt einen Totalanspruch auf das gesamte Leben. Jeder soll sich den universal gültigen Gesetzen des freien Marktes unterwerfen. Als Christen sind wir aufgefordert, diesen Anspruch der Marktfundamentalisten vehement abzuwehren: Nicht dem Marktgott soll gehuldigt werden, sondern Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist; nicht die Marktsteuerung soll unser Leben bestimmen, sondern die Gebote Gottes; nicht  Gewinnmaximierung steht im Vordergrund menschlichen Lebens, sondern Geben und Teilen, um dem Schwachen und Armen zu helfen; nicht die eigene Bedürfnisbefriedigung und das immer mehr haben wollen soll Sinnerfüllung für unser Leben sein, sondern die Liebe zum Mitmenschen, die den „anderen höher achtet als sich selbst“ (Philipper 2,3).

1 Brockhaus Wirtschaft, Stichwort „Neoliberalismus“, Mannheim² 2008
2 Samuelson/Nordhaus, Volkswirtschaftslehre, Wien15 1998, Seite 55
3 Schneider, aaO.
4 Martin/Schumann, Die Globalisierungsfalle – Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Hamburg 1998, Seite 261
5 Christian Nürnberger, Die Machtwirtschaft – Ist die Demokratie noch zu retten? München 1999, Seite 210
6 George Soros, Die Krise des globalen Kapitalismus, Frankfurt (Fischer) 2000, Seite 21, 79
7 Vergleiche: www.wikipedia.org, Stichwort: „Marktfundamentalismus“ (13.06.2008)

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