Für Sie gelesen

von Prof. Dr. Horst Seibert

Winfried Noack:

Anthropologie der Lebensphasen

Grundlagen für Erziehung, soziales Handeln und Lebenspraxis.

Frank & Timme Verlag, Berlin 2007, 258 S.

Ein Mensch mit einer Uhr weiß, wie spät es ist. Ein Mensch mit zwei Uhren ist sich nicht sicher. Ganz zu schweigen von einem Uhrensammler; selbiger wird einen mittleren Abstraktionsgrad suchen, um sich zu orientieren.

Die Literatur, mit deren Hilfe man gemeinhin lehrt und lernt, wie Beratung „funktioniert“, unterliegt einem gewissen Konformitätsdruck, was Grundsätze und Methodik angeht, macht aber vergleichsweise sichere Gefühle. Leonhard, Textor u.a. warfen in den 90er-Jahren der Beratung und der sozialen Arbeit überhaupt ein Anthropologie-Defizit vor. Konnte die Lösung sein, die soziale Arbeit nach der Choreographie der Moderne tanzen zu lassen? In fröhlicher oder griesgrämiger Nichtfestlegung, Pluralität, und damit einhergehend: ohne die Gewissheit sicherer Schrittfolgen, dafür halt heftig um sich kreisend, selbstreflexive Figuren drehend?

Textor beschrieb das neue Dilemma, den größeren Menschenbildfundus sortieren zu müssen nach jeweiligen Passformen – oder die Nötigung, das meiste andere Anthropologische in der konkreten Situation „vergessen“ zu sollen.

Das Dilemma steckt freilich auch in einigen neueren Gesetzen, in denen und mit denen soziale Arbeit zu handeln hat. Im Menschenbild etwa des Strafvollzugsgesetzes bleibt offen, ob der Mensch an sich gut oder böse oder beides ist.

Kann man als Beraterin/als Berater persönlich sicher stehen und sich in kommunikativen Prozessen sicher bewegen, wenn man eine wirklich professionelle Menschenkunde mit ihren zahllosen Facetten aufgenommen hat? Winfried Noack, ein Gründervater des sozialwissenschaftlichen Fachbereichs an der kleinen Theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg, legt Grundlagen für dieses Kunststück. Aus schier unglaublich vielen älteren, neueren und neuesten Bausteinen fertigt er ein m.E. belastbares und dabei ansehnliches Mosaik; es könnte ein anspruchsvolles, wissenschaftstheoretisch fundiertes und praktisches Plateau sozialer Arbeit bilden. Das kann W. Noack, indem er es mit der Geschichte aufnimmt – er ist Historiker. Er kann es, indem er es mit zentnerschweren philosophischen Menschenbildern und den entsprechenden Begriffen aufnimmt – er ist Philosoph. Er kann es, indem er hinter dem Allgemeinen und Abstrakten der Entwürfe das Gesicht des konkreten Menschen erscheinen lässt – er ist Pädagoge. Er ist ein gebildeter Mensch (und Christ, was er nicht verhehlt).

Die oben genannten „unglaublich vielen“ Bausteine: Das sind nahezu alle, die sich auf hohem Niveau seit der Aufklärung dem ewigen Versuch des Menschen, sich selbst zu verstehen, denkerisch, beobachtend und messend hingegeben hatten. Descartes, Kant, Fichte, Hobbes, Leibniz, Rousseau, Locke, Bourdieu, Scheler, Plessner, Merleau-Ponty, Husserl, Jaspers, Heidegger, Sartre, Gehlen, Portmann, Pannenberg, Huizinga, Cassirer u.a. – viele von ihnen in der sozialarbeiterischen und -pädagogischen Reflexion noch nicht „angekommen“. Winfried Noack benennt sie nicht einfach legitimatorisch knapp, sondern stellt sie ausführlich dar, auf besagtem mittlerem Abstraktionsgrad, wie er sein Vorgehen charakterisiert; das macht sein Buch nebenbei zum philosophisch-anthropologischen Kompendium, zu einer Fundgrube für Menschen, die etwas von der Geschichte des Denkens wissen wollen.

Zunächst trägt W. Noack zusammen, was verschiedene philosophische Anthropologien für Erziehung, soziales Handeln und Lebenspraxis (s. Untertitel) „bedeuten“ könnten: ein eher herkömmlich-selektives Verfahren; doch schon hier können beim Lesen Wert-Umschichtungen geschehen. Wenn er z.B. darlegt, was Für-Sorge im Heideggerschen Sinne bedeutet, greift dies tief ein in sozialarbeiterisch-diskreditierende Denkgewohnheiten.

Husserl liefert fortan die Blaupause des Noackschen Buches: Es nimmt seinen Ausgang beim Menschen als transzendentalem Subjekt; das moderne Konzept der Autopoiese zeichnet den Menschen als sich selbst gestaltendes und erkennendes Subjekt; die Bedingungen der Intersubjektivität durch die unterschiedlichen Zeitstrukturen der menschlichen Lebensphasen hindurch, seine Körperlichkeit und Leiblichkeit, seine Offenheit zur Weltfülle, zur Zeit und zur Mit-Menschlichkeit, seine Handlungs- und Lernfähigkeit, das Eingebettetsein in die Gesellschaft und das Sein in der ihn umgebenden Natur – all dies macht den umfassend biografischen Aufriss des Buches aus, das eigentlich Neue und Praktische. In jeder der vier Lebensphasen – Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Alter – ist mein Gegenüber derselbe, aber auch ein anderer. Und darauf kann ich mich als Beraterin/als Berater professionell-menschenkundlich einstellen, kann mich anthropologisch sozusagen justieren. Große und wichtige Theoreme werden dabei begrifflich geschärft und zugleich in den Alltag der Menschen zurückgeholt, geerdet.

Ein anspruchsvolles, nicht immer leicht zu lesendes, aber ungemein gewinnbringendes Buch! Originell, diskursiv und weiterführend! Die Lektüre bringt etwas von jener erlebnispädagogischen Weite, von der das Buch nebenbei auch träumen lässt.  

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