Armut in Deutschland
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Immer häufiger sprechen Politiker, Gewerkschaftler oder die Medien von der Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland. Stimmt das, oder müssen wir diese Schere genauer betrachten? Die Schere zwischen großen und kleinen EinkommenSie wird beschrieben durch den Unterschied zwischen den Einkommen der Großunternehmer und der armen Bevölkerung. So verdient Ackermann von der Deutschen Bank im Jahr 13,9 Millionen Euro, das sind im Monat fast 1,4 Millionen. Zetschke von Daimler verdient jährlich 10 Millionen Euro, Reitzle von Linde 8 Millionen. Es gibt in Deutschland etwa 90 Milliardäre und ungefähr 360.000 Millionäre. Wenn sie von ihren Börsengewinnen Steuern zahlen müssten, würde der Staat 700 Milliarden Euro einnehmen. Aber die Reichen zahlen nur wenig Steuern oder umgehen sie. Diese werden vom Mittelstand aufgebracht. Dem steht die verarmte Bevölkerung gegenüber; das sind Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die von Hartz IV leben (etwa 5 Millionen Menschen). Sie erhalten monatlich 345 Euro im Westen und 331 Euro im Osten (für Alleinstehende). Hinzu kommen der Mietzuschuss und die Krankenkasse. Noch ärmer sind oftmals die allein erziehenden Mütter, kinderreiche oder junge Familien, arme Senioren, Arbeiter mit Niedrigstlohn (working poor), Kleinrentner, Behinderte und chronisch Kranke, durch Ehescheidung oder niederstufige Arbeit mit sehr geringem Lohn verarmte Frauen, Selbständige mit kleinen Betrieben, Wohnungslose u. a., also ein großes Heer von Armen. So überzeugend die Realität dieser Schere zunächst aussieht, sie ist dennoch keine wichtige Ursache für die Armut in Deutschland. Denn die wenigen sehr hohen Einkommen berühren die Einkommensverhältnisse der Bevölkerung nur gering. Diese Schere ist kein volkswirtschaftliches, sondern ein psychologisches Problem. Die armen Leute können es nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die so viel Geld von den Arbeitern abschöpfen – obwohl sie doch von deren Produktivkraft abhängen –, aber dies in keiner Weise belohnen. Und viele, die unter Hartz IV fallen – nämlich die, die Arbeitslosengeld II empfangen –, unterliegen einer weiteren Entehrung. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und in die Versicherung einbezahlt, und statt die Frucht ihrer Mühen und Arbeit zu ernten, werden sie der Fürsorge gleichgestellt. Die Schere zwischen dem Großkapital und der verarmenden BevölkerungDie eigentliche Ursache für die Armutstendenz in der Bevölkerung ist das globale Großkapital. So machte die Telecom im letzten Jahr Milliardengewinne, streicht aber jährlich Tausende Arbeitsstellen. Die Deutsche Bahn fuhr 2007 ebenfalls Milliardengewinne ein, aber statt die Fahrpreise zu senken, werden sie erhöht. Diese Beispiele zeigen, wie die Armutsschere vom Großkapital erzeugt wird. Durch Verlängerung der Arbeitszeit, Niedriglöhne, ständig erhöhte Arbeitsgeschwindigkeit und Preiserhöhungen werden die Profite in die Höhe getrieben, die Kaufkraft der Bevölkerung dagegen verringert. So haben die Großunternehmen ihre Gewinne um 30% gesteigert, die Bevölkerung hingegen musste 10% Kaufkraftverlust hinnehmen. Das Geld wandert also von der Bevölkerung ab zum Großkapital. Die Folge ist, dass die Nachfrage sinkt, woraufhin die Großunternehmen nicht die Löhne erhöhen, sondern Märkte im Ausland suchen. So entstehen eine verarmende Gesellschaft und eine immer reicher werdende Oberschicht. Zwischen ihnen wird der Mittelstand, der die meisten Arbeitsstellen schafft und der den Staat und das Sozialsystem mit seinen Steuern finanziert, zerrieben. GenerationenDer Soziologe Alfred Schütz hat darauf hingewiesen, dass ein wichtiges Element der Lebenswelt die Generationen sind. Welche Folgen hat die Reichtum-Armut-Schere für die jeweiligen Generationen? Die Kinder der Reichen besuchen nicht die normalen Schulen, sondern private Eliteschulen und private Eliteuniversitäten. Hier werden sie auf ihre Rolle in der Oberschicht hin sozialisiert. Sie leben in einer Welt, die abgespalten ist von der Gesellschaft. Ihre Lebenswelt besteht im Reichtum, in einem Hang zu Überheblichkeit, Dünkel und Verachtung der Nicht-Reichen. Auf der anderen Seite entsteht eine neue Lebenswelt von Heranwachsenden, die ihre Eltern, die verarmten, zum Vorbild nehmen. Schon die Hochbegabtenforschung zeigt, dass Hochbegabung sich nur verwirklicht, wenn die Eltern selber gebildet sind und die Kinder fördern können. Dasselbe gilt ebenfalls für die Frühförderung von Kindern. Auch sie ist abhängig vom Elternvorbild und von der Beeinflussung durch Geschwister, Verwandte und Peergroup. Umso entscheidender ist, dass die Kinder des Prekariats genauso ihre Eltern, Geschwister, das Milieu des Stadtviertels und die Peergroup imitieren und sich mit ihnen identifizieren. Sie entwickeln eine eigene Kultur, eine spezifische Lebenswelt, die einerseits gekennzeichnet ist durch Unterlegenheits- und Vergeblichkeitsgefühle und andererseits durch eine Notwendigkeitskultur. Einer kleinen Gruppe von reichen Kindern und Jugendlichen steht eine sehr große Welt von verarmten gegenüber, wie der Armutsbericht des Deutschen Kinderhilfswerkes ausweist. 2007 galten 14% der Kinder als arm. Jedes sechste Kind unter 7 Jahren ist auf Sozialhilfe angewiesen. 5,9 Millionen Kinder leben in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von 15.300 Euro. Das sind etwa ein Drittel aller kindergeldberechtigten Kinder. Etwa alle 10 Jahre verdoppelt sich die Kinderarmut. Die Folgen sind ungesunde Ernährung, wenig körperliche Bewegung, Leben in isolierten Wohnvierteln, wenig soziale Kontakte, vor allem eine niederstufige Schulausbildung, weswegen es auch für sie schwierig ist, später eine Ausbildung zu erhalten, und vor allem oft keine Förderung durch die Eltern und Geschwister. Mangelnde Schulbildung indes bedeutet mangelnde Zukunftssicherung. Von 100 Kindern, die schon im Kindergarten als arm galten, schafften nach der Grundschule nur vier den Eintritt ins Gymnasium. Dabei spielt die Armutsdauer eine entscheidende Rolle: Je länger die Eltern arm sind, desto geringer sind die Lebenschancen der Kinder. Etwa ein Drittel der Kinder lebt in einem relativ gesicherten Wohlstand, ein Drittel ist armutsgefährdet und ein Drittel ist arm. Hier wächst ein großer verzweifelter und zugleich passiver Bevölkerungsteil heran, dessen Stimmung aber auch in Aggressivität und Kriminalisierung umschlagen kann. Die Polarisierung der Lebensstile und LebensweltenWir beobachten, wie sich allmählich in der Gesellschaft drei Klassen herausbilden: die Oberschicht, die sich zusammensetzt aus dem Reichtum, dem Genuss der Hochkultur, einem Leben in Reichtumsbeziehungen und großem Ansehen, aus dem absterbenden Mittelstand, der zunehmend verzweifelt, und aus der verarmten Schicht. So können wir drei Klassen beschreiben. (1) Die herrschende Oberklasse setzt sich zusammen aus den Reichen, die sich als Norm setzen und vom Rest der Gesellschaft abgrenzen sowie Ansehen genießen (Unternehmer und andere Besitzende). (2) Die Mittelklasse besteht aus dem traditionsgebundenen, sozial absteigenden (Kleinhändler, Handwerker), dem neuen, genussorientierten (neu entstandene Berufe) und dem exekutiven (Angestellte mit ausführenden Tätigkeiten) Bürgertum. (3) Die beherrschte Klasse, die Volksklasse, hat keinen Besitz, wenig soziale Beziehungen, kein Ansehen und keinen Anteil an der Hochkultur. Dementsprechend können wir, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu meint, drei Lebensstile unterscheiden: den „legitimen Geschmack“ der oberen Klasse, den „prätentiösen Geschmack“ der Mittelschicht und den „populären Geschmack“ der Unterklasse. Allerdings gibt es für Bourdieu eigentlich nur zwei Formen des Geschmacks – den Luxusgeschmack der Oberklasse und den Notwendigkeitsgeschmack, wie er ihn nennt, der Unterklasse. Denn der Geschmack der Mittelklasse besteht in dem Bestreben, den Geschmack der Oberklasse nachzuahmen. Bourdieu beschreibt die beiden entgegengesetzten Geschmacksrichtungen folgendermaßen: (1) Die Oberschicht sieht ihren Kunstgeschmack als natürlich und als den einzig richtigen an und lebt ihn selbstsicher. Diese Kunstausrichtung benutzt sie als eine Stilisierung des Lebens und schafft hierdurch eine Distanz zur übrigen sozialen Welt. (2) Im Gegensatz dazu ist der Geschmack der Unterschicht (Volksschicht) geprägt durch ihre Entscheidung für das Notwendige („das ist nichts für uns“), für das, was praktisch und funktional ist („was halt sein muss“), was die „einfachen und bescheidenen“ Leute zu einem „einfachen und bescheidenen“ Geschmack verurteilt. So erschöpft sich die Ästhetik in der Anpassung an das Notwendige und im Verzicht auf gesellschaftliches Ansehen. Dies äußert sich beispielsweise in einem „sauberen“ Haarschnitt oder durch eine „nette, einfache Kleidung“, die besonders bei den jungen Mädchen und Frauen gepflegt sein kann. Der Geschmack dieser Schicht richtet sich auf das Praktische und verzichtet auf den Anschein von Luxus. Aus der Betrachtung der Lebensstile ergibt sich der Begriff der „Distinktion“. Sie bedeutet, dass es Unterschiede zwischen den Klassen gibt, die als Merkmal der Unterscheidung zwischen ihnen dient. Dabei entwickelt nur die obere Klasse Formen der Unterscheidung. Aber ihr Lebensstil ermöglicht geradezu natürlich einen Distinktionsgewinn, wodurch auch ihr gesellschaftliches Ansehen zunimmt. Dies stellt vermutlich die stärkste Klassenschranke dar. Die Lebensstile nämlich erscheinen als natürlich, notwendig und unstreitig und werden darum auch nicht hinterfragt. Die Polarisierung der Gesellschaft und ihre FolgenWenn sich die Gesellschaft in Reich und Arm polarisiert, entstehen zwei Gesellschaftsklassen mit entgegengesetzten Kulturen, die parallel existieren. Wenn zwischen ihnen aber noch eine dritte, eine Mittelklasse, bestehen bleibt, kann sich folgendes Szenario entwickeln: Die Mittelklasse ist gekennzeichnet durch Bildung, mittleres Einkommen, gutes soziales Ansehen und das Bestreben, der Oberklasse zu gleichen. Dies gelingt jedoch immer weniger. So entsteht eine gebildete, dynamische Klasse, die sich nicht damit abfindet, dass die Oberschicht immer weniger zum Wohl der Gesellschaft beiträgt, aber reich ist und sich mit Politik, Medien und globaler Wirtschaft verbindet und, gelöst von der Ethik, nur noch auf Profitmaximierung drängt. Darum verbündet sie sich mit der Unterschicht und organisiert mit ihr die Revolution, wie uns die Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 lehren. Diese können gewalttätig oder friedlich verlaufen. Die gesellschaftliche Aufgabe wäre es also, das Kapital wieder an die Ethik zu binden, die Mittelschicht zu stärken und ihr Anteil an den Pflichten und Rechten der Gesellschaft zu geben sowie gleichzeitig die Kaufkraft der verarmten Bevölkerungsschichten zu stärken und ihr Ansehen zu erhöhen. |
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