Nahrungsmittelsicherheit in einer globalisierten Welt

Horst Rolly

Im Jahr 2000 wurde von 189 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Millenniumserklärung für das 21. Jahrhundert verabschiedet. Die Beseitigung extremer Armut und des Hungers wurde als Millenniums-Entwicklungsziel Nr. 1 festgelegt. Danach soll bis zum Jahr 2015 der Anteil der Menschen halbiert werden, die Hunger leiden und deren Einkommen weniger als 1 US-Dollar pro Tag beträgt. Weltweit wurden in einer gemeinsamen Anstrengung von multilateralen, nationalen und zivilgesellschaftlichen Trägern in betroffenen Ländern und Regionen der Armut Armutsbekämpfungsstrategien entwickelt und umgesetzt. Eine international tätige Beobachtungs-, Kontroll- und Messbehörde erhebt und dokumentiert Daten über den Erfolg der Umsetzung dieser Strategien. Während bislang in Asien und auch in Lateinamerika Fortschritte zur Erreichung der Millenniumsziele verzeichnet wurden, ließ die Entwicklung in Afrika südlich der Sahara – mit wenigen Ausnahmen – zu wünschen übrig.

Die in bescheidenem Maße regional erreichten Erfolge werden seit Beginn dieses Jahres wieder in Frage gestellt, seit eine weltweite Verteuerung der Lebensmittel die Kaufkraft armer Menschen schmälert. Die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für Treibstofferzeugung, unsichere Ernten aufgrund des Klimawandels, Spekulation an den Getreidebörsen, aber auch steigende Lebensstandards größerer Bevölkerungsanteile in Entwicklungsländern, die mehr Fleisch konsumieren – wofür mehr Getreide aufgewandt werden muss –, haben mit einer größeren Nachfrage auf dem Weltmarkt zur Steigerung der Nahrungsmittelpreise beigetragen.

Bis zu 70% der Menschen in Entwicklungsländern leben von der Landwirtschaft, die mitunter die größte Komponente des Bruttosozialproduktes ausmacht. Landwirtschaftliches Wachstum ist gleichermaßen notwendig für Ernährungssicherheit und wirtschaftliche Entwicklung. Entsprechend wird immer wieder von Entwicklungsländern verlangt, Marktchancen für ihre landwirtschaftlichen Güter auch auf internationalen Märkten einzurichten, was bislang durch die Subventionspolitik der Industrieländer verhindert wurde. Obwohl die Produktionskosten für Nahrungsmittel in Industrieländern sehr viel höher sind als in Entwicklungsländern, werden – er­möglicht durch hohe Subventionen – europäisches und amerikanisches Getreide, Geflügel und Milchprodukte extrem preisgünstig auf dem Weltmarkt angeboten und finden so ihren Markt auch in den ärmsten Regionen der Welt; sehr zum Nachteil der vor Ort produzierenden Bauern, für die es sich zum Teil nicht einmal mehr lohnt, für den lokalen Markt zu produzieren, geschweige denn darüber hinaus für den internationalen Markt. Bedingt durch ungleichen Marktzugang, bleibt die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen hinter ihrem Potenzial zurück. Andererseits besteht auch die Gefahr, dass durch die Liberalisierung des Marktes die höhere Kaufkraft des Nordens Nahrungsmittel aus dem Süden abziehen und damit Nahrungsmittelverknappungen erzeugen könnte.

Für eine wissenschaftlich fundierte Beurteilung der tatsächlichen Lage der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung und zur adäquaten Abwehr von Hungersnöten ist es angebracht, den Stand der gegenwärtigen Forschung abzurufen. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1998, Armatya Sen, hat ausgezeichnete historische Analysen zur Armutsentwicklung und zu Hungersnöten erstellt, die im Folgenden herangezogen werden sollen. Sen hat in seinen internationalen Studien nachgewiesen, dass es weniger die faktische Produktion von Nahrungsmitteln, sondern vielmehr die Verteilung derselben aufgrund ungleicher Kaufkraft ist, die Nahrungsmittelverknappungen und Hungersnöte auslöst. In Ländern mit gesteigerter Nahrungsmittelproduktion und einer geringen wirtschaftlichen Diversifizierung wurde eine Ausbreitung des Hungers verzeichnet, während Länder mit geringer Nahrungsmittelproduktion, aber einer durch wirtschaftliche Entwicklung gesteigerten Kaufkraft ihren Nahrungsmittelbedarf decken konnten. Im Ländervergleich führt Sen an, dass die Nahrungsmittelproduktion von 1993 bis 1995 in Korea um 1,7%, in Japan um 12,4%, in Botswana um 33,5% und in Singapur um 58% ohne eine Nahrungsmittelverknappung zurückging, da das Realeinkommen mit der Diversifizierung der Wirtschaft (Industrie, Bergbau, Handel) gesteigert werden konnte und die benötigten Nahrungsmittel woanders eingekauft bzw. importiert werden konnten; d.h.  trotz sinkender Produktionsmenge konnte Nahrung gesichert werden (Sen 2002: 215). Dagegen wurde im selben Zeitraum in Ländern mit gesteigerter Nahrungsmittelproduktion (Sudan 7,7%, Burkina Faso 29,4%) und einer geringen wirtschaftlichen Diversifizierung eine Ausbreitung des Hungers verzeichnet (ebd.). Es ist danach das wirtschaftliche Gefälle zwischen Ländern und Regionen, das Nahrungsmittelverknappung und Hungersnöte durch den Abzug von Nahrungsmitteln von wirtschaftlich schwächeren Ländern auslöst. Bei der großen Hungerkatastrophe von 1840 in Irland gab es z.B. durch eigenständige Produktion genügend Nahrungsmittel im Land, die aber vom benachbarten reichen England abgezogen wurden und somit der irischen Bevölkerung nicht zur Verfügung standen.

Danach ist die Nahrungsmittelsicherheit an der Verteilungsfrage der produzierten Agrargüter festzumachen, die von der Kaufkraft der Konsumenten entschieden wird. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität ist zur Deckung der höheren Nachfrage auf lokalen und globalen Märkten unumgänglich, aber die Abhängigkeit von der Landwirtschaft als einziger Einkommensquelle bleibt mit dem Ausbau einer durch Handwerk, Technologie und Industrie diversifizierten Wirtschaft zu verhindern. Daneben könnten Nationalstaaten, unterstützt durch die internationale Staatengemeinschaft, die Kaufkraft der Armen durch eine Ressourcen umverteilende Interventionslogik erhöhen, z.B. durch Preiskontrolle und die Subvention lebenswichtiger Güter.

Welche Empfehlungen können zur Überwindung der Armut und zur Herstellung der Nahrungsmittelsicherheit für betroffene Menschen ausgesprochen werden?

Armut wird einerseits systembedingt verstanden, wonach Menschen nicht einfach arm sind, sondern durch strukturelle Gewalt gegebener sozialer, politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse arm gemacht werden. Andererseits wird das Individuum auch selbst in die Verantwortung genommen, einen eigenen Beitrag zur Problemlösung zu leisten. Sen geht in seinen Empfehlungen der Armutsbewältigung sowohl auf das politische System als auch auf das Individuum ein. Er definiert Armut als Mangel an Verwirklichungschancen. Arme Menschen leiden unter Unfreiheit, da erstens ihre Selbstverwirklichung durch systemische Verwehrung des Marktzugangs verhindert wird und da sie zweitens ihre Fähigkeiten nicht weit genug entwickelt haben, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihre Lebensqualität zu verbessern und sich marktgerecht aufstellen zu können. Entsprechend ist für Sen soziale und wirtschaftliche Entwicklung ein Prozess der Freiheit, der es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Mit gesteigerter Handlungskompetenz wachsen die sozialen Optionen der beruflichen Selbstverwirklichung und der Marktzugangschancen (Sen 2003: 24f.). Die Verbreitung und Stärkung wirtschaftlich relevanter formaler und non-formaler Bildung und die Aufbereitung eines chancengleichen Marktzugangs wären danach die Lösung für eine nachhaltige Armutsbekämpfung und für soziale und wirtschaftliche Aufwärtsmobilität.

Abschließend soll eine bislang unterbelichtete Grundwahrheit thematisiert werden: Ernährungssicherheit geht auch verloren, da vorhandene Nahrungsmittel aufgrund mangelnder Konservierung und Verarbeitung verderben. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse und mehrerer Ernten im Jahr haben Menschen in Entwicklungsländern zu großen Teilen noch nicht die Notwendigkeit gesehen und die Fähigkeiten entwickelt, durch traditionelle Methoden des Trocknens, Pasteurisierens, Sterilisierens, Milchsäuregärens, Einsalzens, Zuckerns etc. Nahrungsmittel haltbar zu machen. Daher geht besonders zu Erntezeiten, in denen landwirtschaftliche Erzeugnisse im Überfluss vorhanden und am preisgünstigsten sind, viel Nahrung an unverarbeitetem und schließlich ungenießbarem Material verloren. Der Arbeitskreis für Entwicklungszusammenarbeit an der ThHF hat mit dem vor Ort wohnenden Nahrungsmittelexperten Karl Müller bereits mehrere Workshops für die Konservierung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln durchgeführt. Auch für das von Supermärkten übersättigte Europa könnten in der Zukunft die für unsere Mütter und Großmütter noch selbstverständlichen Fähigkeiten des Haltbarmachens von Nahrungsmitteln durch Einmachen und Trocknen wieder an Bedeutung gewinnen. Dabei geht es bekanntlich nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität der konservierten Güter. Im Übrigen hat in diesem Studienjahr ein Student aus Kirgisien seine Master-These im Studiengang Internationale Sozialwissenschaften zum Thema „Nahrungsmittelsicherung in Entwicklungsländern durch traditionelle Methoden der Nahrungsmittelverarbeitung“ geschrieben.

Literatur: Sen, Armatya: Ökonomie für den Menschen. Wege zur Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München 2002

>>zurück