Ehre, Schmach und Schande - christliche, jüdische und moslemische Ehrkonzepte skizziert
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Als Jesus sich in das Haus des Zöllners begab, der als gewissenloser Beamter galt, brachte er Schande über sich. Ebenso, als er sich die Füße von einer stadtbekannten Dirne küssen und salben ließ. Schande brachte er auch über sich, als er sich am Sabbat der Kranken und Gebrechlichen annahm und sich schließlich – der Höhepunkt des schändlichen Tuns Jesu – sogar mit den Toten abgab, sie berührte und wieder zum Leben erweckte. Es gäbe noch mehr aufzuzählen, was eigentlich alles nach Meinung der Zeitgenossen Jesu an seinem Verhalten schändlich war. Am schändlichsten aber war sein Tod am Schandpfahl. In unseren Augen wäre so manches im Verhalten Jesu auch heute anrüchig – oder würden wir akzeptieren, dass Paris Hilton Jesu Füße salben und küssen würde? Auch jene mit einer liberalen Gesinnung wären doch sicherlich etwas irritiert, während konservativere Geister erhebliche Gemütsschwankungen durchleben würden. Und in der Tat: Jesu Verhalten war in vielen Fällen nicht toragemäß und vor allem nicht in Harmonie mit dem strengen Gesetzesempfinden und -denken des Pharisäertums. Die Gesetzesübertretungen der Pharisäer galten auch als Schande, nur verstanden sie es besser, ihre Schandtaten zuzudecken, während Jesus gerade seine und damit auch ihre öffentlich machte. Aber den Pharisäern sah man das nach, weil sie beim Zudecken und Erklären ihres anrüchigen Verhaltens geschickt waren, während durch Jesu Verhalten ihnen und auch dem heuchlerischen Volk die Maske vom Gesicht gerissen wurde. Aber was war nun an Jesu Verhalten schändlich und gar nicht so ehrenvoll? Unser Bild von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, ist doch ein ganz anderes, herrliches, sündloses, ein Bild von Ehre und Wahrhaftigkeit und von Reinheit. Warum verhielt sich Jesus so, wie eben skizziert, und warum hat man sich an ihm geärgert (Mt 11,6; 13,57), obgleich ein guter Ruf doch als Zeichen von Ehrbarkeit galt (Apg 5,34)? Nahöstliche EmpfindsamkeitenDas wichtigste moralische Gut, das ein Mann heute im semitisch-jüdisch-arabischen Kulturkreis hat, ist seine Ehre. Die Ehre des Mannes ist ihm gegeben, weil er „Mann” ist, und die Ehre der Frau, weil sie durch ihr richtiges Verhalten dem Mann und der Familie Ehre einlegt. Verhält sie sich schändlich, so bringt sie Schande über den Mann und die Familie. Verhält sich der Mann unehrenhaft, so muss er sein Verhalten öffentlich korrigieren oder er wird von der Gesellschaft gemieden – er verliert seinen guten Ruf. Jesus scheint aber darauf keinen großen Wert gelegt zu haben, denn er widerspricht nicht dem Satz seiner Zeitgenossen, der lautete: „... was kann aus Nazareth Gutes kommen ...?” (Jo 1,46). Im Gegenteil, wiederholt wird betont, dass Jesus seinen Mitbürgern ein Ärgernis war (Mt 15,12; Jo 6,61 u.a.). Jesus, der doch die Menschen liebte und sie zur Liebe zu Gott führen wollte und will – ein Ärgernis? Auch wenn das Wort „ärgern” inhaltlich mit „Anstoß nehmen” (an seiner Lehre und seinem Verhalten) übersetzt wird, bleibt es dabei: Jesus war ein Stein des Anstoßes in seiner Gesellschaft – und daher auch ein Beispiel für uns? Keineswegs, denn es prallen hier – in aller Deutlichkeit und Schärfe – Jesu Wille und seine Botschaft von der Selbstbestimmung und Selbstverantwortlichkeit des Menschen einerseits auf die patriarchalische und den Willen des Einzelnen unterdrückende kollektive Gesellschaftsordnung seiner Zeit andererseits. Eine Ordnung, die sich bis heute erhalten hat und zwischen Islam und Christentum Befremdungen auslöst, die sich im extremen Islamismus als menschenverachtend nicht nur gegenüber dem Westen, sondern sogar den eigenen Glaubensgenossen gegenüber in grausamster Weise zeigt. Die Briefe der Apostel reflektieren an vielen Stellen diese traditionelle patriarchalisch-dominierende Sichtweise ebenso wie der heutige Verhaltenskodex in moslemischen und orthodoxen jüdischen Gesellschaften: „Ihr Frauen, ordnet euch den eigenen Männern unter, damit sie ... ohne Wort durch den Wandel der Frauen gewonnen werden, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben” (1 Pt 3,1; Kol 4,18). Petrus verweist hier nur auf jenes Verhalten, das ein Mann im Orient damals wie heute ohnehin von seiner Frau, aber auch von den Mädchen seiner Familie erwartet. Im Hadith und im Talmud wird diese Erwartung weiter spezifiziert, indem schon das zufällige Miteinander von jungem Mädchen und jungem Mann an einem Ort als Ehrverletzung der Frau gilt. Weil dies aber vorkommt, sind schon viele sogenannte „Ehrenmorde” an Mädchen und Frauen unter Muslimen geschehen. Völlig unverständlich dagegen ist daher jedem orthodoxen Juden oder Moslem das Verhalten von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit in Europa oder Nordamerika. Denn in Arabien ist es nach orthodoxem Empfinden nicht schicklich, dass sich Mann und Frau in der Öffentlichkeit berühren. Es geziemt sich in der Öffentlichkeit, dass die Frau hinter dem Mann geht. „Gehorcht und fügt euch euren Führern!” (Hbr 13,17). Diese kategorische Forderung des Apostels stieß damals wie heute bei nahöstlichen Clanführern wie Potentaten auf große Zustimmung. Der starke Mann, der kompromisslos seinem Weg und seinen Überzeugungen folgt, galt und gilt etwas. Das war in der frühen Kirche nicht anders als heute in den diktatorischen Regimes des Nahen Ostens. Wenn Petrus mahnt: „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, nicht aus Zwang ... auch nicht aus schändlicher Gewinnsucht ...” (1 Pt 5,2), dann spricht er andererseits sehr deutlichlich jene an, die die Gemeinde diktatorisch geführt und die Herde ihre Macht hatten spüren lassen. Andererseits verlangt er dennoch den Zwang, nämlich, dass sich die Jüngeren den Älteren unterordnen sollen – wahrscheinlich ohne Widerworte (1 Pt 5,6) – und die Frauen sollen keinesfalls in der Gemeinde Reden führen. Dem entspricht noch immer die heutige Familien- und Gesellschaftsstruktur im Nahen Osten bei orthodoxen Juden und Moslems in gleicher Weise. In Europa und Nordamerika hingegen werden unsere Kinder und Jugendlichen zur Selbstständigkeit im Denken, Reden und Handeln herangebildet. Argumentatives Reden der Kinder und der Jugendlichen ist daher zum Leidwesen vieler Eltern oftmals schlichtweg nervig. Aber bringt die Selbstständigkeit der Jugendlichen deshalb Schande über sie oder über die Eltern? Wird dadurch die Ehre der Familie verletzt? Sie wird nicht verletzt – weil es sie nicht gibt. Christus irritiert uns und Paulus fordert die FreiheitDie Frau am Jakobsbrunnen, die viel geliebt hatte, die die Männer mochte und sich ihres Rufes offenbar nicht schämte, sich auch nicht scheute, mit Jesus am Brunnen ein Gespräch zu führen; und Jesus, der das eigentlich gar nicht hätte tun dürfen, wenn er auf die Gesellschaft seiner Zeit Rücksicht genommen hätte; diese Frau war von ihrer Familie verstoßen worden. Sie hatte Glück, dass man sie nicht gesteinigt hatte. Um ihr vom „Wasser des Lebens” zu berichten, überschritt Jesus ein gesellschaftliches Tabu – aber bei dieser Frau war das irrelevant, denn ihr Ruf war ohnehin nicht der beste. Das Gespräch mit ihr am Brunnen in aller Öffentlichkeit schadete daher eher dem Ansehen Jesu. Einer jungen Moslemin oder orthodoxen Jüdin würde dieses Verhalten aber zur Schande gereichen, Zwietracht in die Familie bringen und somit ihre eventuelle Verstoßung nach sich ziehen, wenn nicht gar Schlimmeres. Wenn aber in moslemischen Kreisen die Ehre eines Menschen nur dann gerettet oder wiederhergestellt werden kann, indem man die entstandene „Schande” mit Lügen, Entstellungen der Sachverhalte, mit Verstoßung oder gar Tötung „korrigiert”, dann ist in der Tat zu fragen, wer die Ehre der Familie wirklich verletzt. Wer ist ehrenvoller: der- oder diejenige, die die Ehre verletzt hat, oder der, der verstößt, die Freiheit und Individualität des Einzelnen missachtet und um der Ehre willen tötet? An diesem Punkt scheiden sich die Geister von Fundamentalismus und Aufklärung – von Islam und Christentum. Der nichtswürdige „verlorene” Sohn, der seinem Vater und seiner Familie wegen seines Lebenswandels Schande bereitet hat, wird wieder in seine Familie aufgenommen, sehr zum Neid und Leid des „braven” Daheimgebliebenen, der das Handeln des Vaters nicht mehr versteht, denn dieser stellte die jüdische Gesellschaftsordnung auf den Kopf. Aber gerade das ist es, was Jesus bezweckt: Die Würde und Ehre eines Menschen gilt absolut vor Gott, der jedem den Weg zu ihm offenhält, egal wie unehrenhaft er sich verhalten haben mag. Damit verknüpft ist schließlich die Frage nach dem Schuldigwerden und der daraus resultierenden Schande und Ehrverletzung. Der römische Staatslenker und Philosoph Seneca betonte „... wir lieben das, was ehrenvoll ist, deswegen, weil es ehrenvoll ist”. Paulus sprengt diesen Zirkel, indem er aufzeigt, dass der Mensch in seiner Schuldverstrickung und der daraus folgenden Ehrverletzung dennoch von Gott geliebt wird: „... alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit/Ehre von Gott, und werden umsonst gerechtfertigt durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist” (Rö 3,23.24). Jeder menschliche Schein-Unterschied zwischen dem Ehrenvollen und dem Ehrlosen, zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen Muslimen, Christen und Juden ist aufgehoben. Die Gleichheit des Menschseins in der Schuld, Sünde und Ehrlosigkeit entspricht der Gleichheit des Heilsweges für alle. Die Qual, ehrenvoll zu lebenDie Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum, aber auch die Kontroverse zwischen orthodox und liberal geht ausschließlich mit Ehrverletzungen und dem Aufzeigen von religiöser Schande wegen des „falschen” Glaubens und Tuns einher. So besteht z.B. das Dilemma eines Moslems in unserer Gesellschaft darin, dass er am Arbeitsplatz einige seiner fünf Gebete nicht verrichten kann. Die Arbeitsordnung sieht das nicht vor und der Produktionsablauf auch nicht. Die Mitarbeiter zeigen kein Verständnis für seine mindestens zwei oder drei „Arbeitspausen”. Für sie selbst reicht es, christlich getauft, kirchlich verheiratet und christlich begraben zu werden – wenn überhaupt „christlich”. Für den Moslem ist diese „christliche” Gesellschaft daher völlig unverständlich, weil im Christentum Religion und Glaubenspraxis, wenn überhaupt, sich nur im ganz Privaten äußern – deshalb leben Mosleme in unserer Gesellschaft in Konfliktnöten. Denn der Moslem hat keinen Seelsorger an seiner Seite, der ihm über seine inneren Nöte hinweghilft. Es gibt keine pastoral- bzw. imamisch-koranisch- psychologische Begleitung für den Moslem und seine Familie. Er stellt sich unter das Diktat des Imam und des Koran und der argwöhnischen Glaubensbrüder, die sich auch gegenseitig belauern, um die Unbotmäßigkeit des moslemischen Nachbarn zu verurteilen, seine Schande zu entdecken und aufzudecken. Es bleibt dem Moslem, mehr noch der Moslemin, nichts anderes übrig, als sich zu fügen und im inneren Zwiespalt ohne seelsorgerliche Hilfe den Tag zu bewältigen. Sucht er dennoch Hilfe bei dem Imam oder im Koran oder im Hadith, so wird er aufgefordert, sich unterzuordnen und Allah als barmherzig und allwissend anzunehmen. Aus eigener Anschauung konnte ich oft erleben, wie in moslemischen Gesellschaften tiefe Verletzungen – das sind oftmals Verletzungen der Ehre, die bezeichnenderweise aus der Unterwerfung unter die Willkür der Familie oder der Gesellschaft oder das diffuse Gesetz der Wüste entstehen – die Menschen verzweifeln lassen, ohne dass die seelische Not angenommen und besprochen wird und ihnen daraus Hilfe erwächst. Bei Gesprächen über Ehrenmorde an jungen Mädchen wird z.B. schlicht darauf hingewiesen, dass sie ja wussten, was ihnen geschehen würde, wenn sie sich unschicklich verhalten. Die Gesellschaft unter dem Druck, die Ehre der Familie zu erhalten, nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle, Wünsche und Neigungen junger Menschen und akzeptiert nicht die Freiheit des Einzelnen, sein Leben in Eigenverantwortung zu führen. Da ist selbst der Autokauf eine Angelegenheit der Familie und nicht die Entscheidung desjenigen, der eigene Vorstellungen und Wünsche für sein Auto hat. Selbst in den Großstädten Arabiens ist die Brautschau immer noch Angelegenheit der Familie, des Vaters oder der ältesten Brüder. Brüder oder andere Verwandte erkundigen sich in der Nachbarschaft des Bräutigams über dessen Ehre und Ehrenhaftigkeit. Dieses für unsere Vorstellungen äußerst abstoßende Ausspionieren und unehrenhafte Verhalten wird jedoch von ihnen und von der Gesellschaft als ehrenhaft, akzeptabel und notwendig empfunden. Christi Scham und Schuld für den MenschenDie Problematik im Ringen um ein gegenseitiges Verstehen der westlichen und islamischen Kulturen besteht in den unterschiedlichen Konzepten von Scham/Ehre und Schuld. Im alten Rom wie auch in der westlichen Welt haben wir es mit einer Schuldkultur zu tun, in der der Mensch vor dem Gesetz schuldig wird; dass er sich schämt, ist seine eigene Sache, und dass seine Ehre verletzt wird, fällt heute kaum noch ins Gewicht, denn die Ehre wie die Scham sind bei uns kein Besitz. Im alten wie im heutigen Orient ist Scham und Ehre aber Sozialkapital, das den Wert einer Person und damit ihren sozialen Status bestimmt, der Familien- oder Stammesbesitz ist. Nach dem Gesetz der Blutrache zu handeln oder die Familienehre bis hin zum Mord zu verteidigen, ist somit eine Frage der Ehre, und das Gefühl oder gar die Überzeugung, eine Untat begangen zu haben, schuldig am Nächsten geworden zu sein, tritt nicht nur in den Hintergrund, sondern ist nicht existent. In unserer Gesellschaft ist dieses „orientalisch-mediterrane” Konzept auch vorhanden. Auch bei uns sind Ehrenhaftigkeit und Integrität einer Person nicht ganz unwichtig. Allerdings ist das Konzept von Ehre/Scham und Schande in der westlichen Zivilisation von Regeln überformt, die nicht die soziale Stellung zum Kriterium des Wertes einer Person machen, sondern stattdessen Gleichheit vor dem Gesetz und individuelle Verantwortung als Werte setzen. Für Judentum und Islam war und ist es daher unerträglich, dass Christus zum Skandalon seiner Zeit wurde, weil er zum Ärgernis aller seine „soziale Stellung” als Gott aufgegeben hatte, um in „Sklavengestalt” den Menschen zu dienen (Phil 2,7). Er übernahm individuelle Verantwortung und wurde seinen Brüdern (und Schwestern) vor dem Gesetz gleich (Hbr 2,17); er nahm „Schuld“ auf sich und verzichtete auf sein ehrenvolles An- und Aussehen, als er gemartert und geschunden zwischen den Verbrechern am Schandpfahl hingerichtet wurde – als Sohn Gottes. Der Tod Gottes am Kreuz ist somit nicht nur Erlösung im soteriologischen Sinne allein, sondern auch zeichenhaft für die Gleichheit aller Menschen als Schuldige und Ehrlose vor Gott, die Christus aber unter Aufgabe seiner Ehre für Gott gewonnen hat. |
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