Glaube und Marktwirtschaft

Stichwort: Krise des Finanzsystems

Roland Nickel

Es ist der 21. September 2008, ich sitze auf meinem Sofa, schreibe diesen Artikel und der Ärger kommt in mir hoch. In den Nachrichten wird davon berichtet, dass der Kongress der USA 700 Mrd. US-Dollar (700.000.000.000) zur Übernahme von „faulen“ Krediten und zur Abwendung der Finanzkrise zur Verfügung stellen will1. Ob es gelingt? Vielleicht weiß es der Leser schon, wenn er diese Zeilen liest. Mein Unmut ist deshalb so groß, weil die Steuerzahler „bluten“ müssen. Und das nicht nur in den USA, auch in Deutschland wurden z.B. im Falle der IKB-Bank (Industrie-Kredit-Bank) oder der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) Milliardensummen an Steuermitteln aufgebracht, um „größeren Schaden abzuwenden.“ Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Der Staat unterstützt damit eine Branche, die sich immer gegen staatliche Eingriffe gewehrt hat, die von Regulierung nicht viel hält und der Steuern zu zahlen ein Gräuel ist.

Eine elitäre Gruppe von Investmentbankern, Finanzmaklern und Brokern hat in ihrem Egoismus und ihrem Streben nach maximalen Renditen das Geld von Anlegern verzockt und in die eigene Tasche gewirtschaftet. Ex-Kanzler Helmut Schmidt spricht von einem „Verlust von Anstand und Moral“ und von „Raubtierkapitalismus“2. Die Zeche zahlen Kleinanleger, mittelständische Unternehmen, die Steuerzahler und natürlich die Länder der Dritten Welt. Es geht in den Kapitalmärkten schon lange nicht mehr darum, „Geld zu verdienen, indem man anderen Leuten einen Nutzen bietet“, sondern nur noch um das unersättliche Verlangen nach Gewinn. So wird gewettet und gespielt, werden Rendite in die Höhe und die, die sowieso nicht viel haben, in den Ruin getrieben.  Es ist den Kapitalmärkten gelungen, sich „eine ganz eigene Realität zu bauen, die kaum mehr mit der realen Wirtschaft gekoppelt ist.“3 Das ist verantwortungslos und teilweise kriminell. „Die Gier war größer als die Vernunft“4, bemerkt DIE ZEIT lapidar. Und das bestätigt genau die Vermutung, die schon viele Globalisierungsgegner gehegt haben: Gewinne werden privatisiert und Verluste werden sozialisiert5. „Wenn Banken Profite machen, dürfen sie sie einstreichen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, zahlen wir die Kosten.“6 Das ist ungerecht und zutiefst unmoralisch.

„Der angelsächsische Finanzkapitalismus in seiner bisherigen Form ist am Ende“7, mutmaßt DIE ZEIT. So recht glauben mag ich das nicht. Die Kreativität von Menschen, sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen, ist groß. Die Finanzwelt wird diese Krise wohl überstehen, wenn auch wahrscheinlich mit erheblichen Blessuren und einigen Systemänderungen.

Der Mensch ändert sich nicht. Bereits im Alten Testament halten die Propheten mit ihrer Sozialkritik gegen Ausbeutung und Unterdrückung der Armen nicht hinter dem Berg. Sie wenden sich gegen die Habsucht und den Betrug der Wohlhabenden mit dem Ziel, immer reicher zu werden. Der Prophet Amos ist in seiner Kritik klar und überraschend aktuell. Er wendet sich gehen die, „die ihr die Not Leidenden tretet und die Bedürftigen in diesem Land vernichtet ... Dann versklavt ihr die Armen wegen der Schuld eines Silberstückes oder eines Paar Sandalen.“ (Am 8,4.6) Der Prophet Hesekiel spricht sogar vom Gericht über die, die ausbeuten: „Ja, die Zeit ist gekommen, der Tag ist da! ... All ihr Reichtum wird von meinem glühenden Zorn getroffen ...  Denn an dem Tag, wenn der Zorn des Herrn losbricht, wird Geld und Gold ihnen nichts nützen. Ihre Gier werden sie nicht damit stillen und ihren Bauch nicht damit füllen können, denn es hat sie zur Sünde verführt.“ (Hes 7,12.19) Gott stellt sich auf die Seite derer, die ohnmächtig den Machenschaften der Finanzindustrie ausgeliefert sind. Er gibt ihnen Hoffnung und die Gewissheit, dass es einmal Gerechtigkeit geben wird. Das ist keine billige Jenseitsvertröstung, sondern ein fester Glaube, der es leichter macht, die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu ertragen.                  

1 http://www.tagesschau.de/wirtschaft/usfinanzkrise 114.html, 21.09.2008
2 Zitiert in: DIE ZEIT, W ider die große Gier, Ausgabe Nr. 39 vom 18. September 2008, Seite 25
3 Werner Vontobel, Die heimlichen Spielregeln der Finanzmärkte, Frankfurt/Wien 2002, Seiten 166, 62
4 DIE ZEIT aaO.: Hurrikan Lehman, Seite 23
5 Vergleiche: Noam Chomsky, Profit over People, Hamburg/Wien 2000, Seite 49
6 Gefährliche Banker, in: W irtschaftswoche, Ausgabe Nr. 39, 22.09.2008, Seite 133
7 DIE ZEIT aaO.: Hurrikan Lehman, Seite 24 

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