Gedanken zur Musik im Gottesdienst
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Oft werde ich gefragt, welche Musik für den Gottesdienst denn nun geeignet sei. Viele Frager sind anschließend enttäuscht, wenn sie meine Antwort hören, weil sie gehofft hatten, ihre eigene Ansicht bestätigt zu bekommen. Es ist eine traurige Tatsache, dass Musik einer der verletzlichsten Bestandteile des Gottesdienstes ist. Viel zu leicht schleichen sich gerade hier Stolz, Neid und schlechter Geschmack ein. Zudem ist es schwierig, Antworten zu geben, die für alle Glieder in einer weltweiten Kirche mit höchst unterschiedlichem ethnischen Hintergrund umsetzbar sind. Und doch gibt es einige grundlegende Kriterien, die für alle Kirchengemeinden unterschiedlicher Größe und Kultur gelten sollten. Ich würde drei benennen: 1. Die Musik sollte helfen, Gedanken und Gefühle auf das Göttliche zu richten. 2. Die Musik muss sowohl Gefühl als auch Intellekt ansprechen, um die Seele berühren zu können. 3. Die Musik sollte uns auf die Begegnung mit Gott vorbereiten und empfänglich machen. Wie diese drei Kriterien angewendet werden können, hängt vom kulturellen Hintergrund ab und von der Größe der jeweiligen Kirchengemeinde. Da die siebenten-tags-adventistische Kirche eine von den Ursprüngen her evangelisch-protestantische Kirche ist, kann sie auf fünf Jahrhunderte inspirierter Kirchenmusik von höchster Qualität zurückgreifen. Protestantische Gemeinden sind singende Gemeinden; der Reformator Martin Luther und seine Nachfolger gewannen mehr Seelen mit ihren Chorälen als mit ihren Predigten. Ganz offensichtlich stammen die besten Choräle aus der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Richtig gesungen – schwungvoll oder besinnlich, je nach Inhalt – sind sie heute noch so kraftvoll wie eh und je. Nach der Französischen Revolution erlebte die säkulare Musik eine gewaltige Entwicklung, während die Kirchenmusik entweder stagnierte oder von profanen, kurzlebigen Modeerscheinungen beherrscht wurde: von sentimentalen Liedern, populären Märschen oder bravourösen Opernmelodien. Dies sind die vorherrschenden Einflüsse auf die sogenannten Erweckungslieder, die die ersten adventistischen Liederbücher dominierten. Immerhin versuchten unsere Pioniere, einschließlich E.G. White, die offensichtlichsten profanen Elemente zu eliminieren. Aus musikalischer Sicht war es ungünstig, dass unsere Kirche zu einer Zeit entstand, als religiöse Musik an einem absoluten Tiefpunkt angekommen war und die wunderbaren Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte (Schütz, Bach, Händel und andere) ganz bewusst oder auch unbewusst in Vergessenheit gerieten. Allerdings gibt es auch einige Erweckungslieder von hoher Qualität und berührender Einfachheit – etwa „Näher, mein Gott zu dir“ oder „Auf, denn die Nacht wird kommen“ – , die überlebt haben und zusammen mit den Spirituals der Schwarzen einen bleibenden Beitrag zum Schatz religiöser Musik bilden. Seit dem unglaublich schnellen Wachstum unserer Kirche im vergangenen Jahrhundert hat es zwei kontrastierende Trends in der musikalischen Entwicklung gegeben: Der eine zielt auf Ausbildung von Sängern und Organisten für die klassische Kirchenmusik, während der andere die jeweils gerade populäre Musik – Rock und Pop – mehr oder weniger die ganze traditionelle Kirchenmusik aushebeln lässt. Bei diesen Liedern mag der Text von Jesus handeln, aber die Musik spricht eine völlig säkulare Sprache. Nichtsdestoweniger wird sie als „zeitgenössische christliche Musik“ bezeichnet, was an Schummelei grenzt, weil die Musik überhaupt nicht christlich ist. Dass viele Menschen sie mögen, ist ein trauriges Beispiel vom weit verbreiteten schlechten Geschmack. Aber wirtschaftlich gesehen ist sie gut – weil sie sich gut verkauft. Ein Freund von mir in Süd-Kalifornien erfuhr einen Schock, als er in ein CD-Geschäft ging, um eine Aufnahme von Händels Messias zu erwerben, und man ihm sagte: „Tut uns Leid, aber wir verkaufen hier nur christliche Musik.“ Das beste Instrument für die Leitung eines Gottesdienstes ist die Pfeifenorgel – wegen ihrer Vielzahl an Klangfarben und ihres noblen, strömenden Klangs. Wird sie gut gespielt, dann ist es, als würde der Heilige Geist direkt zu uns sprechen. Nicht ohne Grund ist die Orgel für nahezu tausend Jahre die treue Dienerin der Musik in den Kirchen vieler unterschiedlicher Konfessionen gewesen. Ist keine Orgel vorhanden, so kann ein Klavier ein annehmbarer Ersatz sein, sollte dann allerdings auf andere Weise gespielt werden, mehr oder weniger wie eine Orgel und nicht wie ein Flügel im Konzertsaal oder wie ein Klavier im Club, Restaurant oder Café. Wo weder Orgel noch Klavier zur Verfügung stehen, taugt praktisch jedes andere Instrument als Ersatz, solange die drei oben genannten Kriterien erfüllt werden. Auch das Schlagzeug verfügt über wunderbare Instrumente, die aber im Gottesdienst nicht zu ihrem Recht kommen können. Sie gehören in Sinfonieorchester, Militär- und Tanzkapellen sowie in Rockbands und sollten dort auch bleiben. Wenn sie sich im Gottesdienst voll entfalten, wirken sie wie störende Fremdkörper und verraten nur zu deutlich ihre Herkunft aus der heidnischen Magie (Voodoo-Kult), die Geister beschwören will oder Euphorie, Ekstase und Trance herbeizuführen trachtet. Gewiss: Auch im Alten Testament werden Schlaginstrumente wie Pauken und Zimbeln – eine Art handtellergroße Becken – erwähnt, aber ganz sicherlich hatten sie nicht diese Auswirkungen! Es kommt auf die Verwendungsart an, ob Instrumente im Gottesdienst zum Segen oder Fluch werden. Einige Beispiele aus der Bibel: 1. Instrumente aller Art – Saiteninstrumente, Blasinstrumente, Schlagzeug – wurden für festliche Gottesdienste eingesetzt, und zwar in großer Besetzung. Es konnte gar nicht prunkhaft genug sein (Psalm 150), und nur Profis vom Fach wurden eingesetzt. Das entspricht in unserer Zeit etwa einer Festmesse der katholischen Kirche oder einer Oratorienaufführung der Protestanten. David beschäftigte insgesamt 288 Sänger und Musiker. (288 = 2 x 144 oder 2 x 12 x 12!). Sie wurden wie „Propheten“ eingestuft (2 Chr 25,1-7). Johann Sebastian Bach schrieb in seine Bibel bei dieser Stelle mit eigener Hand: „NB: Dieses Capitel ist das wahre Fundament aller gottgefälligen Kirchen Music.“ 2. Als Ausdruck der Freude über Sieg oder Rettung konnte auch getanzt werden zur Begleitung von allerlei Instrumenten, auch Schlaginstrumenten, und zwar im Freien. Beispiel: Der Tanzgesang von Mirjam „und allen Frauen“ nach der Durchquerung des Roten Meeres (2 Mo 15,20-21). 3. Wie schnell etwas Richtiges zu etwas Falschem führen kann, zeigt die Geschichte von Davids Tanz vor der Bundeslade in 2. Samuel 6. Auch hier wurden Instrumente eingesetzt, darunter auch Schlagzeug. Usa wollte die Bundeslade festhalten, weil sie vom Wagen zu rutschen drohte, „und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, so dass er dort starb bei der Lade Gottes“. – Begeistert von der Musik und dem Tanz ging auch David über die Grenze des Anstands, wenigstens in den Augen seiner Frau. Er „entblößte sich wie die losen Leute“, und sie „verachtete ihn in ihrem Herzen“. Davids Freude war durchaus berechtigt; sein Tanz und die Instrumente gehörten dazu. Und doch – wie leicht geht man einen Schritt zu weit! Ekstase ist leichter zu erreichen als zu stoppen. 4. Auch die beste Musik kann dem Herrn ein Gräuel sein, wenn sie mit Stolz statt Ehrfurcht und Demut vorgeführt wird. Es kommt, wenn es darum geht, nicht darauf an, auf welchen Instrumenten wir spielen – auch wenn wir immer die feinsten aussuchen sollten. Es geht um das Wie – wie wir singen und spielen. Gott sieht ins Herz und hat Geduld mit unseren Unzulänglichkeiten. Aber laut Am 5,23 ist er sehr empfindlich, wenn unsere Beweggründe nicht in Ordnung sind. Musik hat eine stark sinnliche Komponente, die auch ein Geschenk ist, die uns aber auch leicht verzaubern kann. Wenn die Musik nicht auch vom Intellekt gesteuert wird, werden wir leicht ein Opfer unserer Sinnlichkeit, ohne dass wir es vielleicht merken. Dann sagt Gott: „Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.“ 5. Die schrecklichste Musikkatastrophe in der Bibel passierte, als Moses in den Augen des Volkes zu lange abwesend war und im Zwiegespräch mit Gott auf dem Berg Sinai verharrte. Man berauschte sich mit Musik und Tanz und schaffte sich dabei einen Ersatzgott: einen goldenen Jungstier, „ein in vielen Kulturen verehrtes Sinnbild von Aggressivitär, Sexualität, Vitalität und Stärke“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Kalb). In der Ekstase vergaß man den wahren Gott und Erretter und überließ sich ganz seiner Sinnlichkeit. Man war im guten Glauben, dass man einen Gottesdienst feierte, mit Opfer und allem Drumherum. Dann standen alle auf um „zu spielen“ (2 Mo 32,6; Lutherbibel von 1912) und „ihre Lust zu treiben“ (Luther 1984). Dieselben Instrumente, die Mirjam zum Lob des Herrn gebraucht hatte, wurden jetzt für den sexuellen Rausch eingesetzt. Das Ergebnis war verheerend. Als Mose das „Geschrei eines Singetanzes“ hörte, zerbrach er im Zorn die Gesetzestafeln. Auf Gottes Befehl schlugen die Leviten „des Tages vom Volk dreitausend Mann“ (2 Mo 32,28). Was nun den Stil der Musik betrifft, so kann es keine Begrenzungen geben – der kulturelle Hintergrund unserer Kirchengemeinden ist einfach zu unterschiedlich. Aber auch hier sollte man die drei Kriterien im Auge behalten. Musik, die unsere Gedanken zerstreut, anstatt sie zu sammeln – zum Beispiel jede Art von leichter „Unterhaltungsmusik“ – hat einen negativen Einfluss auf die meisten Gottesdienstbesucher. Musik, die wir mit Discos, Rock-Bands, Pop-Sendern, Opern-Galas oder Pop-Festivals in Verbindung bringen, sollten wir dort lassen, wo sie hingehört. Das Alltägliche in den Anbetungs-Gottesdienst zu bringen, ist ein schlimmer Fehler. Empfindsame Menschen gehen dann ins innere Exil. Und alle, die das Alltägliche lieben, sind in Wirklichkeit bald mit Herz und Sinn woanders. So ist niemand ganz bei der Sache im Gottesdienst, und nicht einmal eine gut gemeinte Botschaft hat eine wirkliche Chance, die Auswirkung zu haben, die sie verdient. Die wichtigste Funktion von Musik in der Kirche besteht darin, Geist und Seele für eine Begegnung mit Gott vorzubereiten. Unsere Empfänglichkeit für das Erhabene und das Verfeinerte muss mit Fleiß, Konsequenz und Opferbereitschaft kultiviert werden, damit wir in der Lage sind, innerlich zu wachsen. Um wirklich zeitgemäß sein zu können, werden Musik und Text der heutigen Kirchenmusik zwar stilistisch anders sein als früher, aber in der Qualität müssen sie sich mit Luther und Bach messen können. Die heutige Tendenz, die Sinne mit immer lauteren Attacken zu bombardieren oder mit süßen Harmonien und sinnlichen Rhythmen einzulullen, stellt in Wirklichkeit Betäubungsmittel bereit, die unsere spirituellen Muskeln lähmen und uns zudem süchtig machen. Nur eine Begegnung mit Gott kann uns wieder zu lebendigen Menschen machen. Gute Musik ist bei diesem Prozess ein mächtiger Helfer. |
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