Wandel in unserem Gesundheitssystem – Gesundheitsförderung und Prävention im Fokus
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Unser Gesundheitssystem ist ungeachtet der Vielfalt und Komplexität der gegenwärtigen soziodemographischen Herausforderungen insbesondere durch den Versorgungsbedarf der zunehmend älter werdenden Bevölkerung sowie die Notwendigkeit umfassender Gesundheitsförderung und Prävention gefordert. So wird nach Angaben der Bundesregierung in Deutschland nach aktuellen Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung „der Anteil der 65-Jährigen und Älteren von heute 19,8 % auf 31,8 % bis 33,2% im Jahre 2050 (…) steigen; zugleich wird sich der Anteil der Hochbetagten (80 Jahre und älter) auf etwa 14 bis 15 % erhöhen und damit fast verdreifachen.“1 Hinter diesen Zahlen verbergen sich zwei Phänomene, die sowohl aus individueller Betroffenensicht als auch hinsichtlich gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten und adäquater Versorgungsangebote von großer Relevanz sind: Zum einen ist von einer Verlängerung der beschwerdefreien Lebensjahre auszugehen. Damit wird der ältere Mensch in seiner Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in sozialer, aber auch ökonomischer Sicht als Ressource wahrgenommen. Zum anderen verschiebt sich das Auftreten medizinisch-pflegerischer und sozialer Bedürftigkeit des alten Menschen ans Ende des Lebens: Für den geriatrischen Patienten bedeutet dies das Leiden an unterschiedlichen Krankheitsbildern, der Multimorbidität. Auch demenzielle Erkrankungen sowie zum Teil damit einhergehende psychosoziale Belastungen wie depressive Syndrome, soziale Isolierung und Vereinsamung sind häufig zu diagnostizieren.2 – Für die Bereitstellung angemessener Versorgungsstrukturen resultiert daraus die Notwendigkeit patientenorientierter und differenzierter Angebote. Diese müssen entsprechend dem Diagnosespektrum sektorenübergreifend und integriert angelegt sein und in Verbindung mit einem effizienten Case- und Schnittstellenmanagement stehen. Bereits erkennbare Phänomene der veränderten Rollen- und Familienstrukturen, einer zunehmend geforderten Mobilität der Berufstätigen oder auch Herausforderungen durch das Altern von Migranten verdeutlichen, dass es neuer Modelle der Unterstützung, Pflege und Begleitung bedarf. Ungeachtet der teilweise bestehenden Missstände von Unter-, Über- oder Fehlversorgung in Medizin und Pflege – die jedoch vorrangig als gesundheits- und sozialpolitische Aufgaben zu verstehen sind – zeichnet sich auch eine Reihe zukunftsträchtiger Innovationen ab. Zu nennen sind insbesondere medizinische Versorgung, Pflege und Unterstützungsmaßnahmen, die dem Grundsatz der Selbstermächtigung, dem „empowerment“, verpflichtet sind. In tagesklinischen, ambulanten gerontopsychiatrischen Zentren, ambulanten Pflege- und auch Hospizdiensten kommen diese z.T. bereits erfolgreich zum Einsatz. Um auch strukturschwache Regionen versorgen zu können, die durch akuten Ärztemangel bedroht sind, werden bisherige Berufsbilder, -kompetenzen und -zuständigkeiten insbesondere zwischen Ärzteschaft und Pflege neu überdacht. So wird die Frage der Aufgaben und Kompetenzen in der Versorgungslandschaft einerseits vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen empfohlen3 und der Pflege gefordert, von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung jedoch vehement in Frage gestellt. Es ist absehbar, dass dies eines der Themen bleiben wird, die gesundheits- und berufspolitisch auch in den kommenden Jahren diskutiert werden. Ein erfolgreich umgesetztes Modell hinsichtlich der Pflege in ländlichen Gebieten besteht in einer Anlehnung an die Gemeindeschwester, „Schwester AGnES“ (Arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte systemische Intervention)4, oder auch die kürzlich eingeführten Pflegestützpunkt-Modelle5. Ein weiteres, sicherlich mittelfristiges Unterstützungsangebot wird seitens medizintechnischer Entwicklungen zu erwarten sein, die „Assistierenden Technologien“. Diese werden erneut z.T. unbekannte Anforderungen an Betroffene, Angehörige und medizinisch-pflegerische bzw. soziale Unterstützer mit sich bringen. Denn eine der damit verbundenen Aufgaben wird nicht nur im kompetenten Einsatz der technischen Hilfsmittel bestehen; ihr Erfolg wird auch von den edukativen Fähigkeiten bei der Beratung und Anleitung von Nutzern und Angehörigen abhängen6. Trotz der Herausforderungen der demographischen Entwicklungen und der skizzierten Antworten der systembezogenen Versorgungsangebote zeichnet sich das Gesundheitssystem dadurch aus, dass es seine Verpflichtung nicht mehr ausschließlich traditionell in der Behandlung und Pflege von Krankheiten sieht, sondern die Bedeutung von Gesundheitsförderung und Prävention in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Sollten die medizinökonomischen Berechnungen von Einsparungen durch gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen in Höhe von 25-30 % der Kosten für Kuration (Heilung) und Rehabilitation7 auch nur in etwa den Tatsachen entsprechen, erklärt sich auch das gesundheits- und finanzpolitische Interesse an diesem Paradigmenwechsel von der „Pathogenese“ (Entstehung von Krankheiten) zur „Salutogenese“ (Entstehung von Gesundheit).8 Potenzial dafür wird vor allem in Bevölkerungsgruppen sozial schwacher Lebenslagen gesehen. Denn die Zahlen zur Gesundheitsförderung und Prävention belegen ein ausgeprägtes sozioökonomisches Gefälle: So geht soziale Benachteiligung einher mit einem hohen Risiko zu erkranken.9 Krankheit, insbesondere bei Kindern, führt mit hoher Wahrscheinlichkeit in Armut und eine Festigung in der Armutsspirale: Eine Studie der Universität Marburg zu Armutslebensläufen in Deutschland ergab, „dass bei Erwachsenen vorwiegend eine soziale Selektion vorliegt (Selektionseffekt), das heißt chronisch schlechte Gesundheit erhöht das Risiko von Armut. Dagegen gibt es bei Kindern Hinweise auf einen Kausationseffekt, d.h. wer in Armut aufwächst, hat als Erwachsener eine schlechtere Gesundheit.“10 Auch eine kürzlich vorgestellte Studie zum beruflichen Wiedereinstieg chronisch Kranker zeigt, „dass chronisch kranke Menschen nach der Überwindung einer akuten Krankheitsphase oft wieder ins Berufsleben einsteigen wollen, ihnen das aber nur schwer gelingt (…).“11 Erschwerend kommt hinzu, dass Gesundheitsförderung, Prävention und Vorsorge die eigentlichen Zielgruppen kaum erreichen. Sie bleiben mittelschichts- und marktorientiert.12 Obwohl hier nur blitzlichtartig zwei der dringlichsten Phänomene beleuchtet wurden, verdeutlichen sie die Komplexität und impliziten Kraftanstrengungen, die zu einer auch nur annähernden Beherrschung dieser Probleme notwendig sind. Singuläre Modellprojekte und monokausale Lösungsansätze können zu deren Bewältigung nicht herangezogen werden. Nur die verantwortungsvolle Analyse ihrer strukturellen Vernetzung und deren konsequente integrative und multidisziplinäre Bearbeitung können eine Chance für eine menschenwürdige Unterstützung, Selbstermächtigung und Versorgung dieser schwächsten und gefährdeten Bevölkerungsgruppen ermöglichen.13 Neue Studiengänge in FriedensauAls Einrichtung im tertiären Bildungssegment werden im Fachbereich Christliches Sozialwesen – z.T. in Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus Waldfriede und der Krankenpflegeschule – Aus- und Weiterbildungsangebote entwickelt, die in einer langfristigen Perspektive angelegt sind und entsprechend den entstehenden Bedarfen ausgebaut werden können. In einem ersten Schritt hat sich der Fachbereich Christliches Sozialwesen bewusst dem Gesundheitsbereich zugewandt: zum einen, weil in adventistischer Tradition vielfältige Ressourcen gesundheitsbewusster Lebensführung angelegt sind. Zum anderen, weil sich – wie oben skizziert – Fragen der Gesundheit sowohl in der aktiven Gesundheitsförderung als auch in der Versorgung zutiefst in den dringendsten Problemen unserer Gesellschaft widerspiegeln und auch im Aufgabenspektrum sozialer Arbeit als gesundheitsbezogene Dienstleistung oder in Form fachspezifisch klinischer Sozialarbeit von großer Relevanz sind. Die genannten aktuellen Prozesse mit gestalten zu können, dem Angebotssektor kreative, fachlich exzellent ausgebildete und gleichzeitig ethisch reflektierte Experten in dieser Zeit vielfältiger Entwicklung zur Verfügung zu stellen, war eine der Motivationen, einen managementorientierten Masterstudiengang zu entwerfen. Mit einem für Leitungs- und Führungsaufgaben im Sozial- und Gesundheitssektor ausgerichteten berufsbegleitenden Weiterbildungsangebot richtet sich der Masterstudiengang somit insbesondere an facheinschlägige Berufsgruppen. Die Ausbildungsziele und Berufsfeldorientierungen für Studierende bzw. Absolventen des Masterstudiengangs „Sozial- und Gesundheitsmanagement“ (SGM) liegen einerseits in der aktiven Erforschung bestehender Problemfelder im Bereich der Sozialen Arbeit bzw. des Gesundheitswesens. Andererseits sind sie in der konkreten ziel- und lösungsorientierten Mit- und Neugestaltung von Angebots- und Netzwerkstrukturen sowie in der Übernahme verantwortungs- und entscheidungstragender Positionen im Leitungsbereich bestehender Einrichtungen zu sehen. Darüber hinaus qualifiziert der Masterstudiengang – insbesondere Studierende mit bereits vorhandener Berufserfahrung – für die Erarbeitung und Gestaltung innovativer Konzepte zur Erweiterung etablierter Angebotsspektren durch eigenständige Projekte, Initiativen der Existenzgründung und Selbstständigkeit im Berufsfeld der Sozialen Arbeit bzw. des Gesundheitswesens.Aufgrund der skizzierten Einschätzung erwartbarer sozioökonomischer Entwicklungen und Herausforderungen, die Fach-, Methoden-, Sozial- und Transferkompetenzen voraussetzen, liegen die Schwerpunkte des Studiengangs in der Ausbildung von „Managementkompetenzen“; also u.a. in „Führung, Leitung und Innovation“, jedoch unter speziell betriebswirtschaftlichen Komponenten der (Non-) Profit-Bereiche „Gesundheit“ und „Soziales“. Diese sind einerseits zielgruppenspezifisch (etwa Zielgruppen, die der gesellschaftlichen Exklusion anheimfallen könnten), andererseits handlungs- und methodenorientiert konzipiert. Dabei charakterisieren insbesondere Betriebswirtschaftslehre, Organisationsentwicklung, Personalmanagement, Führung und Existenzgründung neben den entsprechenden Vertiefungen in Recht den Studiengang „Sozial- und Gesundheitsmanagement“. Konkret stellen sich die Berufsbilder beispielsweise folgendermaßen dar: • Management, Bereichs-, Projekt-, Teamleitung in lebensweltersetzenden, -unterstützenden oder -ergänzenden Angebots- und Versorgungsstrukturen der Sozialen Arbeit bzw. gesundheitsbezogener Dienstleistungen; insbesondere hinsichtlich der Organisations- und Personalentwicklung, fachlich-methodischer Profilbildung etc. (Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Sozialen Hilfe, von Sozial- und Gesundheitsdienstleistungen; z.B. in der Gesundheitsförderung und Prävention, der Suchtberatung, in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen; Senioreneinrichtungen, Hospizdiensten etc.) • Entwicklung, Implementierung und Leitung innovativer Konzepte im mobilen, ambulanten oder teilstationären Bereich (z.B. Mehrgenerationenprojekte, Bildungsprojekte; Projekte im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention, Hospizprojekte etc.) • Öffentlichkeitsarbeit, Beratungstätigkeit/Coaching von Einrichtungen, politischen Entscheidungsträgern etc. Ziele und Curriculum des StudiengangsDie curriculare Konzeption des Masterstudiengangs weist eine Schwerpunktsetzung auf Managementkomponenten einerseits sowie eine ausgewogene Bezugnahme auf die beiden Anwendungsbereiche im Sozial- und Gesundheitswesen andererseits auf. Konkret erfolgte diese anhand der Teilbereiche Management, Führung, personale und soziale Kompetenz, Recht, Wissenschaft und Forschung, Zielgruppen und Handlungsfelder im Sozial- bzw. Gesundheitsbereich, Geistes- und humanwissenschaftliche Reflexionskompetenz und Praktika. Nachfolgende Module bzw. Lehrveranstaltungen vermitteln einen Einblick in die Vielfalt und Inter- bzw. Transdisziplinarität des Studienangebots: • Sozial- und betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen Das derzeit berufsbegleitend angebotene Studium umfasst eine Regelstudienzeit von 3 Jahren (6 Semester), ein Vollzeitstudiengang beträgt 2 Jahre (4 Semester). Es wird im Rahmen von Blockwochen in Modulform angeboten (120 Credits) und schließt ein Praktikum von 4 Wochen Dauer sowie eine Masterarbeit mit ein. Der Master-Hochschulabschluss berechtigt zur Promotion. Bachelorstudiengang „Gesundheits- und Pflegewissenschaften“Neben dem Masterstudiengang SGM wird – vorbehaltlich der Akkreditierung – in Kooperation mit dem Krankenhaus Waldfriede ein weiterer Studiengang „Gesundheits- und Pflegewissenschaften“ entstehen, der ab dem Wintersemester 2010 angeboten wird. Bereits in den Vorbereitungen zeichnen sich vielfältige Synergien im Lehrangebot der beiden Einrichtungen ab, die längerfristig weitere Masterstudiengangs- bzw. Weiterbildungsangebote in Kooperationsprojekten nahelegen. Zusammenfassend entsteht an unserer Hochschule mit dem erweiterten Themenschwerpunkt „Gesundheit“ ein spannendes und auch in adventistischer Tradition stehendes Forschungs- und Lehrangebot. Damit hoffen wir, zur Lösung der vielfältigen Herausforderungen und Aufgaben unserer Zeit einen Beitrag leisten zu können. 1 http://www.bmi.bund.de/cln_028/nn_121560/ Internet/Navigation/DE/Themen/Bevoelkerungsentwicklung/bevoelkerungsentwicklung__node.html__nnn=true |
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