Was stimmt denn nun?

Von der Schwierigkeit, den „gesunden“ Mittelweg zu finden

von Edgar Voltmer

Kaum hatte die Bundesregierung sich auf einen Aktionsplan zur Bekämpfung des epidemische Ausmaße annehmenden Übergewichts in der Bevölkerung verständigt und unter Federführung von gleich zwei Ministerien entsprechende Programme aufgelegt, formierte sich schon die Gegenbewegung. Der SPIEGEL – immer voran, wenn es gilt, gegen den Strich zu bürsten, ohne dabei einen wirklich eigenen Standpunkt erkennen zu lassen – titelte: „Lieber dick und froh“ (23/08). In diesem und weiteren Artikeln entstand sodann der Eindruck, als wäre es viel wichtiger, sich wohlzufühlen, als ein Normal- oder Idealgewicht zu haben, und als seien ohnehin die Gene für fast alles verantwortlich; mithin könne man kaum etwas machen. Der verunsicherte Bürger war wieder einmal mit der Frage konfrontiert: Was stimmt denn nun, wem kann ich trauen, vor allem aber: Wie soll ich mich denn nun verhalten?

Die Faktenlage ist dabei eigentlich völlig klar und unter den Experten unumstritten. Nach einem steilen Anstieg seit den 80er-Jahren gelten in der US-amerikanischen Bevölkerung mittlerweile 64,5% Personen als übergewichtig oder adipös. Gemessen wird dies am sogenannten Body Mass Index (BMI), in dem das Körpergewicht durch die quadrierte Körpergröße in Metern geteilt wird. Werte zwischen 25 und 30 gelten als übergewichtig, von 30 aufwärts als adipös, was im Deutschen mit einem nicht sehr charmant klingenden „fettleibig“ übersetzt würde. Wie immer mit einer gewissen Verzögerung ist diese Entwicklung mittlerweile auch bei uns angekommen.

Nach einer Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) sind die Deutschen die dicksten Europäer. In der Bundesrepublik sind 75,4 % der Männer und 58,9 % der Frauen zu schwer. Zum Vergleich: In Italien liegen die Zahlen bei 51,4 % (Männer) und 34,5 % (Frauen). Besonders besorgniserregend: Jedes fünfte Schulkind und jeder dritte Jugendliche leidet bereits an Übergewicht. Übergewichtige Kinder und Jugendliche aber tragen ein erhöhtes Risiko, auch im Erwachsenenalter übergewichtig zu sein.

Brisanz erhält diese Entwicklung dadurch, dass es sich hier nicht in erster Linie um ein kosmetisches oder ästhetisches Problem handelt. Übergewicht und Adipositas sind vielmehr gesicherte Risikofaktoren für eine Reihe der wichtigsten zum Tode führenden Erkrankungen der Bevölkerung wie Koronare Herzerkrankung und Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes sowie einige Krebserkrankungen. Schätzungen zufolge belaufen sich direkte und indirekte Krankheitskosten in Deutschland auf 50-80 Milliarden Euro pro Jahr.

Es steht daher außer Frage, dass die Bekämpfung des Übergewichts und Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung zu einem der dringlichsten Ziele der Gesundheitspolitik gehören. Folgerichtig wurden von den Bundesministerien für Gesundheit und Verbraucherschutz unter dem Titel „Nationaler Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit zusammenhängenden Krankheiten“ Programme aufgelegt, mit denen diesem Gesundheitsrisiko der Bevölkerung begegnet werden soll. Zusätzlich stellt das Bundesministerium für Forschung und Technologie acht Millionen Euro für die Anschubphase von Forschungsprojekten zum Thema bereit.

Ist die unzweifelhafte Gesundheitsgefährdung geklärt, können wir einräumen, dass es natürlich in der Umsetzung der Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung mitunter das Problem gibt, dass sich gerade die falschen Personen von Appellen zum Abnehmen angesprochen fühlen und nicht etwa der tatsächlich übergewichtige Mann mittleren Alters zum Nachdenken kommt und versucht abzunehmen, sondern das ohnehin schon schlanke Mädchen, deren primäre Motivation dann auch nicht das Gesundheitsrisiko, sondern ein z.T. selbst gesundheitsriskantes Schönheitsideal ist, das in populären Castingshows unkritisch verbreitet wird. Auf diesen Sachverhalt hat das Robert-Koch-Institut mit einer Studie hingewiesen, die vom SPIEGEL in journalistischer Einseitigkeit ausgeschlachtet wurde. Und tatsächlich gibt es auch einen kleinen Teil Adipöser, deren Übergewicht durch erblich bedingte Erkrankungen (mit-)verursacht wird. Für die große Masse trifft aber zu, dass das Übergewicht durch ein Missverhältnis zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch und damit durch die Ausgestaltung der eigenen Lebensweise bedingt ist. Die gute Nachricht dabei ist aber, dass es durch eine Veränderung der Lebensweise beeinflusst und behoben werden kann. Dass dies selten erfolgreich gelingt und Ernährungsexperten schon fast fatalistisch darauf verweisen, dass epidemiologische Daten einen Langzeiterfolg an der Abnehmfront fast nur bei chirurgischen Eingriffen konstatieren, widerspricht dem nicht, zeigt aber, wie schwer einmal geprägte/angenommene Gewohnheiten und durch sie gebahnte physiologische Prozesse wieder verändert werden können.

Eine ganz ähnliche Thematik stellt sich im Falle des Rauchens. Dank einer extrem einflussreichen und effektiven Lobby gehörte Deutschland zu den letzten europäischen Ländern, in denen Gesetze zum Nichtraucherschutz erlassen wurden. Kaum waren diese nach mühevollem Ringen dann doch in Kraft, formierte sich der Widerstand auf unterschiedlichsten Ebenen. Von einem Verlust der individuellen Freiheit (zur Selbst- und Fremdschädigung!) bis hin zur Existenzgefährdung betroffener Lokalitäten reichte das Lamento und wie immer wurden und werden die Gerichte reichlich bemüht. In großen Prozessen, die US-Behörden in den 90er-Jahren gegen die Tabakkonzerne führten, wurde deutlich, wie perfide die Industrie durch gezielte Strategien der selektiven Fehl- oder Desinformation und durch massiven Lobbyismus die öffentliche Meinung zu beeinflussen suchte. Teil dieser Strategie war es sogar, Forschungsprojekte von Gesundheitswissenschaftlern mit Mitteln der Tabakindustrie zu finanzieren. Diese werden zwar nicht müde zu behaupten, dass keinerlei Einflussnahme auf die Ergebnisse erfolgte, aber: „Wes Brot ich ess …“ Insgesamt wurde damit das Ziel verfolgt, über die Gefahren des Rauchens hinwegzutäuschen, auf Nebenschauplätze abzulenken und eine trügerische Sicherheit zu verbreiten.

Besonders zynisch erscheint dabei, dass den Verantwortlichen der Tabakindustrie diese Gefahren bekannt waren, innerhalb der Industrie nicht wirklich bezweifelt wurden und trotzdem systematisch daran gearbeitet wurde, besonders im Jugendalter für das Rauchen zu werben und Jugendliche an die Zigarette zu bringen. Gezielt wurden dabei dem Tabak Substanzen zugesetzt, die zu einer Verstärkung der Wirkung und damit einer Erhöhung des Suchtpotentials führten (die mehrere tausend Seiten umfassende Dokumentation der Prozessunterlagen kann im Internet u.a. unter http://www. library.ucsf.edu/tobacco/litigation/ eingesehen werden). Man darf getrost annehmen, dass Produzenten und Lobbyisten unverändert alles daran setzen werden, um die Auswirkungen der Nichtraucherschutzgesetze für die Industrie nicht zu bedrohlich werden zu lassen.

Die Faktenlage ist auch hier mehr als eindeutig. Das Rauchen gilt unter Experten unumstritten als der Risikofaktor für den Lungenkrebs und Erkrankungen wie die chronische Bronchitis. Es hat Einfluss u.a. auf die Entstehung von Koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt und einiger anderer Krebsarten. Bis zu 140.000 Menschen in Deutschland und fünf Millionen Menschen weltweit sterben jährlich an den direkten oder indirekten Folgen dieses Suchtmittels. Dieses Risiko betrifft nicht nur den Raucher selbst, sondern auch den vom Nebenstrom betroffenen Passivraucher. Nach Einführung der Nichtraucherschutzgesetze in anderen europäischen Ländern konnte ein z.T. drastischer Rückgang dieser Erkrankungen gemessen werden. Zwei unabhängige Studien aus Frankreich und Italien belegen einen Rückgang der Herzinfarkte um 15 und 11 Prozent, nachdem Rauchen an öffentlichen Orten und in Gaststätten verboten worden war. Trotz der relativ kurzen Beobachtungszeit können entsprechende Gesundheitseffekte auch in Deutschland bereits nachvollzogen werden. Entgegen den Be­fürchtungen gingen übrigens auch die Be­wirtungszahlen und Verzehrmengen in Ländern mit Nichtraucherschutz nicht zurück, sondern wurden eher befördert durch eine Klientel, die es nun angenehmer fand, rauchfrei in Gesellschaft zu essen und zu trinken. In gleicher Weise wie für die Adipositas gilt, dass die Bekämpfung dieses Risikofaktors zu einem der dringlichsten Gesundheitsziele gehört. Es soll dabei verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen beginnen, und Erwachsene ermutigen, von dieser schädlichen Gewohnheit zu lassen. In diesem Fall wird der Erfolg von präventiven Maßnahmen erschwert durch die Tatsache, dass es sich bei dem Nikotin um eine Sucht auslösende Substanz handelt und damit eine echte Entgiftung und Entwöhnung stattfinden muss.

Angesichts der dargestellten, oft widersprüchlichen und häufig interessengeleiteten Informationen und Diskussionslagen in der Öffentlichkeit stellt sich die Frage nach einer verlässlichen Orientierung. Gerade in den angesprochenen Themen lohnt hierzu auch ein Blick in die Geschichte der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Einer ihrer Pioniere, der zu seiner Zeit international renommierte Arzt John H. Kellogg, verriet einem Kollegen das Geheimnis, weswegen das von ihm geleitete Sanatorium Battle Creek in der Lage war, dem medizinischen Fortschritt immer fünf Jahre voraus zu sein. Immer wenn eine Neuerung auf den Markt gekommen sei, habe er sie sofort angenommen, wenn sie nach seinem Verständnis – gemessen an den Gesundheitsgrundsätzen von E.G White – vernünftig erschien. Wenn die Kollegen nach längerem Zögern, Studieren etc. dies dann auch als sinnvoll erkannt hätten, wären sie immer erstaunt, dass er dies schon so lange praktiziere. Umgekehrt habe er manches auf derselben Grundlage verworfen.

Tatsächlich stammen bereits aus der Gründerzeit der Freikirche Empfehlungen, den Tabak als schädliches Gift zu meiden (dies übrigens zu einer Zeit, in der von einigen Experten das Rauchen als konservierend für die Lungen angesehen und als Heilmittel für Erkrankungen empfohlen wurde). Außerdem wurde Wert darauf gelegt, durch eine ausgewogene, vollwertige und nicht zu reichliche Ernährung die Gesundheit zu fördern (und damit auch dem Übergewicht vorzubeugen, das in dieser Zeit noch kein prioritäres Gesundheitsproblem darstellte).

Anders als bei Alkohol oder Tee und Kaffee – deren Verzehr ebenfalls nicht empfohlen wurde, deren Gebrauch sich aber bei nicht wenigen Mitgliedern der Freikirche schleichend eingebürgert hat – steht die überwältigende Mehrheit der Adventisten nach wie vor zu einer strikten Enthaltsamkeit in Fragen des Nikotins. Epidemiologische Studien an nordamerikanischen Siebenten-Tags-Adventisten weisen einen Nichtraucheranteil von 99 % aus. Dementsprechend ist die Sterblichkeit rauchassoziierter Erkrankungen in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich reduziert. Anders verhält es sich dagegen mit dem Übergewicht. Einer Auswertung der zweiten adventistischen Gesundheitsstudie von Montgomery et al. (2007) zufolge waren 57 % der weißen und sogar 71 % der afroamerikanischen Adventisten übergewichtig oder adipös.

Innerkirchlich ist also seit langem bekannt, was zu einer gesundheitsgerechten Lebensweise zählt. Es ist dabei immer wieder faszinierend zu sehen, wie diese Ende des 19. Jahrhunderts formulierten Grundsätze bis heute Bestand haben und von der gesundheitswissenschaftlichen Forschung voll bestätigt werden. Neben dem bereits Genannten gehört zu dieser Lebensweise auch ein Speiseplan, der reichlich Früchte, Vollkorn, Gemüse und Nüsse und idealerweise wenig bis kein Fleisch enthält sowie frei von Reizstoffen oder Genussgiften ist. Ein vertrauensvoller Glaube, funktionierende soziale Beziehungen, Stressvermeidung und Stressbewältigung, regelmäßige Bewegung, Ruhepausen und damit insgesamt ein verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Körper, aber auch mit der uns anvertrauten Umgebung und Umwelt gehören ebenfalls dazu. Eine Lebensweise im Übrigen, die heute viele Menschen ohne religiösen Hintergrund ihrer Gesundheit zuliebe konsequent pflegen.Die Herausforderung stellt sich jedoch in der Frage, wie die Motivation zur Umsetzung der Empfehlungen aufrechterhalten und gefördert werden kann. Die Einschätzung von Willett (2003) wonach bei einer vollen Ausschöpfung aller die gesunde Lebensweise betreffenden Empfehlungen mehr als zehn Jahre Lebenserwartung gewonnen werden könnten und davon bisher erst sechs bis sieben ausgeschöpft würden, könnte hierfür ein Anreiz sein. Viel wichtiger erscheint aber die Tatsache, dass die Lebensqualität eines abhängigen Rauchers oder eines schwer übergewichtigen Menschen stark eingeschränkt wird und daher – getreu dem alten Motto der Gesundheitsförderung – die Motivation für ein gesundheitsbewusstes Leben viel stärker davon bestimmt sein sollte, den Jahren Leben zu geben, das heißt Wohlbefinden und Freude am Leben zu fördern, als dem Leben im Sinne der Lebensverlängerung Jahre hinzuzufügen. Angesichts der beschriebenen dringlichen Problemlage in unserer Gesellschaft besteht hier unverändert eine große Aufgabe und Herausforderung für die Freikirche, nicht nur für ihre Mitglieder, sondern auch und gerade zum Wohle ihrer Umwelt.

>>zurück   
 
titel