Forschungsgruppe untersucht Einstellung von Schülern zu Rechtsradikalismus
|
Es gibt in weiten Teilen der Bevölkerung die Annahme, dass in strukturschwachen Regionen (insbesondere wenn diese in Ostdeutschland liegen) der Rechtsextremismus und die Ausländerfeindlichkeit besonders stark verbreitet sind. Eine Forschungsgruppe am Fachbereich Christliches Sozialwesen der Theologischen Hochschule Friedensau hat diese These einer lokalen Überprüfung unterzogen. Ausgangspunkt war das Programm „Vielfalt tut gut“, das 2007 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestartet wurde. Ziel dieses dreijährigen Programmes ist es, den Problemen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. In der Stadt Burg, die in unmittelbarer Nähe zu Friedensau liegt, werden gegenwärtig mehrere Projekte im Rahmen dieses Bundesprogrammes realisiert. Ergänzend dazu stand das Forschungsprojekt der Hochschule, das konkret darüber Auskunft geben sollte, ob und wie fremdenfeindlich oder rechtsradikal die Einstellung der Burger Schüler ist und ob es in dieser Frage nennenswerte Unterschiede zu der Situation in Gesamtdeutschland oder anderen Regionen gibt. Die Leitung des vom Bundesministerium finanzierten Projektes übernahm Dr. Thomas Spiegler, der bei der Durchführung von den studentischen Projektmitarbeiterinnen Sarah Herter und Esther Canedo unterstützt wurde. Die MethodeZur Erhebung der Daten wurde ein Fragebogen entwickelt, der zur besseren Vergleichbarkeit viele Fragen aus anderen sozialwissenschaftlichen Studien enthielt. Im Frühjahr 2008 wurden damit die Schüler der 8. und 9. Klassen an den Burger Sekundarschulen und dem Gymnasium befragt, vorwiegend zu den Themen Fremdenfeindlichkeit, Gewaltakzeptanz und nationalsozialistische Einstellungen. Von den insgesamt ca. 330 Schülerinnen und Schülern nahmen 251 an der Befragung teil, d.h. der Rücklauf lag bei 76 %. Die ErgebnisseAusländer werden als Problemgruppe wahrgenommenDie Stadt Burg hat knapp 24.000 Einwohner, 385 davon sind Ausländer. Trotz des vergleichsweise geringen Anteils (1,6%) gaben 42 % der Jugendlichen an, dass das Merkmal „hoher Anteil von Ausländern“ auf Burg zutreffe. Im Landkreis Jerichower Land liegt der Anteil an Ausländern bei 1,2 %, Gut 60 % sind der Meinung, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben, in der Gesamtbevölkerung Deutschlands vertreten 55 % diese Ansicht. Die Zahlen verdeutlichen, dass Ausländer als Problemgruppe wahrgenommen werden und der Anteil nicht nur zu hoch geschätzt, sondern von vielen auch als zu hoch beurteilt wird. Knapp 30 % der Jugendlichen lehnen Ausländer abKnapp 30 % der befragten Schülerinnen und Schüler zeigen eine mehr oder weniger intensiv ausgeprägte Ablehnung von Ausländern. Diese erscheinen als unerwünschte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, als kulturell zu wenig angepasst und ihre Kultur wird nicht als bereichernd empfunden. In der Gesamtbevölkerung ist der Anteil an ablehnend Eingestellten ebenso groß, in Ostdeutschland und besonders unter ostdeutschen Senioren (45 %) noch höher als bei den befragten Jugendlichen. 5-10 % akzeptieren GewaltDie Akzeptanz von Gewalt ist deutlich geringer als die Ablehnung von Ausländern. Je nach Grenzziehung sind es 5-10% der Befragten, die Gewalt akzeptieren. Für sie gehört Gewalt manchmal dazu, um Spaß zu haben, sie beurteilen Personen, die Gewalt ablehnen, als feige und bewundern diejenigen, die sich mit Schlägen durchsetzen. Unter Jungen ist die Akzeptanz von Gewalt ca. doppelt so hoch wie unter Mädchen. Studien mit Gleichaltrigen in anderen Städten ergaben nahezu identische Zahlenwerte, d.h. die Burger Jugendlichen spiegeln hier die bundesdeutsche Situation wider. Ca. 5 % der Schüler zeigen eine nationalsozialistisch orientierte SichtweiseVon den befragten Jugendlichen vertreten 5 % eine nationalsozialistisch orientierte Weltsicht. Sie sehen den Menschen als ein Herdentier, das einen Führer benötigt, sie betrachten den Nationalsozialismus als eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde, und stimmen der Aussage zu, dass Adolf Hitler ein großer Staatsmann gewesen sei. In der Einstellung zu diesen Punkten gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Vergleichswerte aus einer Studie mit Schülern in vier anderen Städten Deutschlands ergaben dort einen leicht höheren Anteil NS-orientierter Jugendlicher. 4 % der Schüler sind rechtsextremDie drei Faktoren Ablehnung von Ausländern, Gewaltakzeptanz und nationalsozialistisch orientierte Weltsicht stehen in deutlichem Zusammenhang. Auf 4 % der Befragten treffen alle drei Attribute gleichzeitig zu. Hier kann man von einer rechtsextremen Orientierung sprechen. Dieser Wert liegt am unteren Rand des Bereiches, den andere Studien als Anteil rechtsextrem Orientierter ermittelten. Grob betrachtet liegen die Werte der befragten Schülerinnen und Schüler in nahezu allen Bereichen auf dem gleichen Niveau wie die Resultate in bundesweiten Studien. Das mag vielleicht den einen oder anderen positiv überraschen, beruhigend ist es keineswegs. Besonders die starke Stigmatisierung von Ausländern und die verzerrte Wahrnehmung ihres Anteils an der Bevölkerung sind problematisch. Es bleibt zu hoffen, dass die noch laufenden Projekte im Rahmen des Bundesprogrammes hier langfristig eine Wirkung erzielen können. Die Feststellung, dass Fremdenfeindlichkeit unter Senioren verbreiteter ist als unter Jugendlichen, markiert ein weiteres Problemfeld, das bisher durch die einschlägigen Programme kaum erfasst wird. Für die studentischen Mitarbeiterinnen war die Möglichkeit, unter fachlicher Anleitung an der Planung, Durchführung und Auswertung dieser Studie mitzuarbeiten, eine herausfordernde, aber gelungene und bereichernde Möglichkeit, Erlerntes praktisch umzusetzen. |
|
|
