Glaube und Marktwirtschaft – Stichwort: Vertrauen
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Die Finanzkrise sei im Wesentlichen eine Vertrauenskrise, sagt man. Die Banken würden sich gegenseitig nicht mehr vertrauen, sich keine Kredite mehr geben. Die Folge ist, dass der Wirtschaft dringend benötigtes Kapital nicht mehr zur Verfügung steht. Der Staat versucht durch seine Bürgschaften, Vertrauen wieder herzustellen, um damit die drohende Rezession abzumildern. Es ist erstaunlich: In der Wirtschaft zählen nicht nur die Zahlen und Fakten über Gewinne und Umsätze, über die Qualität der Produkte, über den Export, über Aktienkurse und den Wert eines Unternehmens. Der weiche Faktor „Vertrauen“ scheint das Lebenselixier in der Marktgesellschaft zu sein: „Wer sein Vertrauen verspielt, kann sich auf dem Markt nicht dauerhaft halten“, sagt die Historikerin Ute Frevert.1 Dabei geht es nicht nur um das Vertrauen in die Systeme, in Regelungen und Gesetze oder das Einhalten von Qualitätsstandards. Es geht immer um Menschen, mit denen man im Geschäftsleben zu tun hat. Ihnen kann man vertrauen oder auch nicht. Ein Erlebnis, das ich vor Jahren hatte, hat mich tief geprägt. Als ich Ärger mit meinem drei Jahre alten Auto hatte, entschied ich mich schließlich, ein neues zu kaufen. Ich ging zu meinem Autohändler und fragte ihn, wie viel er für das alte Auto geben würde. Vielleicht 9.000 DM (das war zu DM-Zeiten), aber er müsse es erst gründlich untersuchen, möglicherweise wäre es auch weniger. Es ist wohl normal, etwas Gebrauchtes genau zu prüfen, bevor man sich auf einen Preis festlegen kann. Allerdings spürte ich Unbehagen, vielleicht sogar Misstrauen, bei meinem Gegenüber, nach dem Motto: „Was für eine Kiste will der mir andrehen?“. Es könnte ja ein Unfallfahrzeug sein. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass dieser Händler nicht sehr darauf aus war, mir ein neues Auto zu verkaufen und mir für mein altes einen guten Preis zu machen. Ich habe einem Bekannten davon erzählt, der mich zu seinem Autohaus brachte, 120 km von uns entfernt. Ich schilderte dort mein Problem. Der Verkäufer sagte, er könne mir für mein Auto 11.000 DM geben, ohne Prüfung, ohne Ansicht, ohne Fragen, ohne einen Blick in die Schwacke-Liste2. Das wunderte mich. Innerhalb von drei Tagen hatte ich ein neues Auto und war mein altes los. Seitdem bin ich bei diesem Autohändler, seit 17 Jahren. Sieben Autos habe ich gekauft. Was ich dort bis heute erlebe, ist phänomenal. Dieser Händler hat mir vertraut, als ich ihm mein Auto „angedreht“ habe. Er behandelt mich fair, macht keine krummen Geschäfte, trickst mich nicht aus. Sein Laden ist transparent, besonders in der Werkstatt. Der Kfz-Meister erklärt mir verständlich und mit viel Geduld, was am Auto gemacht werden müsse, wenn es mal Probleme gibt. Alle seine Mitarbeiter sind freundlich und zuvorkommend. Ich fühle mich wohl, wenn ich in dieses Autohaus komme. Er macht mir immer wieder gute Preise. Ich bezweifle zwar, dass er viel Gewinn mit mir macht, aber ich habe den Eindruck, dass ich ihm als Kunde wichtig bin. So hat sich in den Jahren eine sehr vertrauensvolle Beziehung aufgebaut, die mich immer wieder staunen lässt. Abhöraffären bei der Telekom, Korruption bei Siemens, Untreue bei der Post? Man muss im Alltag aufpassen wie ein Luchs, dass man nicht über den Tisch gezogen wird. Nicht so bei meinem Autohändler. Ich weiß nicht, ob er Christ ist, aber in dem, wie er sich verhält, zeigen sich biblische Werte und das Vertrauen, das bekanntlich ein Attribut der Liebe ist, die Gott uns schenkt (1 Ko 13, 7). Er kann sich anscheinend Ehrlichkeit, Fairness und echte Kundenorientierung leisten in einer Welt der nackten Zahlen und des harten Verdrängungswettbewerbs. Mit Vertrauen und Menschlichkeit kann man im Markt erfolgreich sein – das ist eine ermutigende Botschaft. Vertrauen tut gut. Ich glaube, dass es viele Unternehmer und Geschäftsleute gibt, die ehrlich, seriös und auf Grundlage christlicher Werte ihr Geld verdienen. Und darunter sind bestimmt viele Autohändler. Ich persönlich habe das mit einem von ihnen erlebt: „Ich dankeIhnen, Herr Müller“. 1 Es fehlt die Tranparenz, Interview mit Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, zitiert in der Wirtschaftswoche, Ausgabe 46/2008, Seite 52 |
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