Für Sie gelesen
Der AbsturzJohannes Hartlapp:Siebenten-Tags-Adventisten im NationalsozialismusUnter Berücksichtigung der geschichtlichen und theologischen Entwicklung in Deutschland von 1875 bis 1950. V&R unipress, Göttingen 2008, 684 S. ISBN 978-3-89971-504-0. Kaum jemand wird das Buch des Friedensauer Kirchenhistorikers ohne tiefe Erschütterung aus der Hand legen. Seine Darstellung der dunkelsten Epoche der Adventgemeinde ist mehr als Geschichte. Sie berührt unseren Lebensnerv. Hartlapp holt mit Recht weit aus. Er spannt die Tragödie jener Zeit in den Rahmen adventistischer Geschichte praktisch von den Anfängen bis etwa 1950. Ihm geht es darum, die theologischen Grundlagen zu zeigen, auf denen das Verhalten der deutschen Adventisten stand. Die Weichenstellungen wurden, so Hartlapp, schon 1914 vollzogen. Hartlapp gilt als profunder Kenner der adventistischen Geschichte. Für seine Untersuchung hat er Dutzende von Archiven durchgearbeitet und Hunderte von Briefen und Gesprächen ausgewertet. Nichts wird verheimlicht oder beschönigt. Und tatsächlich betreten wir mit diesem monumentalen Buch eine Schreckenskammer. Der Verfasser entgeht aber der Versuchung des Zynismus. Die Grundfrage Hartlapps lautet unausgesprochen: Wie weit darf kluge Anpassung gehen? Von welchem Punkt an ist das Martyrium gefordert? Hat die Sorge um den Erhalt der Organisation oberste Priorität – oder nicht? Die Generalkonferenz (Weltkirchenleitung der Adventisten), die seit dem Wehrpflichtgesetz 1935 wusste, worum es ging, war hilflos. Der Fall des deutschen Adventismus in der Nazizeit war kein spezifisch deutsches Problem. Hartlapp würdigt auch das stille Heldentum vieler Gemeindeglieder, nennt die Märtyrer, lässt ahnen, welch furchtbar schwere Last mancher Vorsteher trug. Und doch brennt sich dem Leser das Entsetzliche ein: Unsere Schwestern und Brüder jüdischer Herkunft wurden des Gottesdienstes verwiesen. An zwei Punkten wäre eine Verdeutlichung zu wünschen: 1. Ellen G. Whites Botschaft hat m.E. zwei Komponenten: eine exklusive (Adventisten aus der Vielzahl der Kirchen heraushebende und von ihnen trennende) und eine inklusive (Adventisten an andere Kirchen wieder heranrückende, z.B. mit Dreieinigkeit und Glaubensgerechtigkeit). Nur wenn wir beide Komponenten zusammen denken, wird ihre und der Gemeinschaft Haltung zu den in Hartlapps Buch erörterten Problemen verständlicher. 2. Das Schreiben des Westsächsischen Vereinigungsvorstehers Friedrich Hambrock an die sowjetische Militärbehörde vom 3. Januar 1946, wonach kein Prediger Mitglied der NSDAP gewesen sei (S. 575 f.), sollte nicht als versäumte Aufarbeitung der Nazizeit interpretiert werden. Er musste schlicht Arbeitsmöglichkeiten und Grundstücksrechte der Gemeinden sichern und bediente sich hierfür des damals üblichen Entnazifizierungsschemas. Aufarbeitung von Geschichte erfolgt nach aller Erfahrung Jahrzehnte später. Alles in allem: Das Buch zeigt, dass die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Stunde der Versuchung nicht besser und nicht schlechter war als andere Kirchen auch. Versagt haben damals alle (ausgenommen die Verbotenen), alle aber hatten auch ihre Märtyrer. Die Lektüre dieses Buches stellt uns erneut die Frage: Wie kann Gemeinde Jesu Christi nach solchen Irrtümern und Irrwegen noch existieren? Wahrscheinlich weil über dem Fragwürdigen und Dunklen die Realität des Evangeliums steht, ja Er selber, der Menschen bis heute in seiner Gemeinde Frieden und Hoffnung schenkt. So ist denn dieses ernüchternde Buch zugleich ein Trost- und Hoffnungsbuch: ein großes Buch. Dieter Leutert
Thomas Spiegler:Home Education in DeutschlandHintergründe – Praxis – EntwicklungVon Thomas Spiegler; Wiesbaden, Für seine brandneue soziologische Studie über die deutschen Freilerner und Hausschüler wählt der Autor Thomas Spiegler die gebräuchliche englische Bezeichnung Home Education. Schon damit wird klar, dass hier eine Idee und eine Bewegung beschrieben wird, die internationalen Ursprungs ist und eigentlich gar nichts so Besonderes wäre, wenn der deutsche Staat Bildungspflicht nicht als Schulpflicht mit Schulanwesenheitszwang in seinem Schulsystem monopolisiert hätte. Das Lernen ohne Schule und das schulähnliche Lernen zuhause, welches hier gleichermaßen betrachtet wird, findet im Rahmen der Familie und ihres Alltags und Lebensumfeldes statt. Anhand von vier praktischen Fallbeispielen und einem geschichtlichen Abriss geht der Autor zunächst auf das Thema der Studie ein und schreibt ausführlich über die erstaunlich disparaten Gründe von Kindern und Eltern, die sich für Home Education entscheiden. Er erfasst dabei verschiedene typische Lebenswelten dieser Familien ebenso, wie er – zum Beispiel – auch beschreiben kann, welche Rolle das Weltbild dabei spielt, die nicht unerheblichen „Kosten“ von Home Education zu beurteilen, die insbesondere der schwierigen rechtlichen Situation in Deutschland geschuldet sind. Hier zeigt sich dann auch erstmals, wie rückständig und fortschrittsfeindlich das von Schulbürokratie getragene deutsche System leider immer noch ist. Es folgt eine Darstellung von Theorie und Praxis der Bildung zu Hause, bei der Spiegler auf die angewandten Lernmethoden eingeht, die so unterschiedlich sind wie die Motive, bis hin zu einer Beschreibung der Ergebnisse dieser Art des Lernens einschließlich des Bereichs der Entwicklung sozialer Kompetenz. Interessant ist seine Beobachtung der sich stark verändernden Mutterrolle, die, als neue Mutter-Lehrerin-Rolle aufgewertet, gar den Anklang eines neuen, alternativen, aber ebenso emanzipatorischen Feminismus erfährt – gleichsam als Karriere zuhause, die gesellschaftlich wahrnehmbar ist. Auch im Kapitel „Home Education als Rechtsbruch“, Rechtsbruch hier legalistisch verstanden, geht der Autor ausführlich auf die Situation behördlicher Zwangsmaßnahmen und zugehöriger Rechtsprechung ein und so findet sich das juristische Argumentationsspektrum beider Seiten wieder. Darüber hinaus leistet Spiegler eine ebenso höchst interessante Typologie der Proteststrategien nach „Kriegern, Bettlern, Diplomaten“, die wiederum für Betroffene ebenso interessant sein wird wie für allgemein Interessierte. Es ist eine dieser vielen Stellen, die das Buch – obschon Studie – geradezu spannend macht und den Wert soziologischer Studien direkt vermitteln kann. Thomas Spiegler hat mit dieser Studie ein kenntnisreiches, scharf umrissenes und ausgesprochen ausführliches Werk geschaffen, welches Interessierten am Thema sowohl grundlegende Informationen bietet wie auch zahlreiche und wertvolle Auswertungen. Es ist das Thema selbst, welches dieses Buch spannend macht, obschon es tatsächlich eine nüchterne und sachliche Studie ist, die eine umfangreiche Befassung mit Home Education in Deutschland leistet. Ob Skeptiker, Befürworter und Gegner von Homeschooling: Die Lektüre dieser Studie verspricht allen Gewinn und ganz sicher weitere Erkenntnisse. Sie ergänzt den wissenschaftlichen Kanon im Bereich Bildung um ein – zumindest für Deutschland – neues Thema. Stefan Sedlaczek |
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