Der Pastor – Gelebte Berufung in Selbstverantwortung

Wir brauchen Pastoren

von Friedbert Hartmann

Ohne jeden Zweifel: Wir brauchen unsere Pastoren und Pastorinnen! Und: Wir brauchen auch neue! Ein statistischer Blick in die kommenden Jahre zeigt uns eine beträchtliche Anzahl von Pastoren, die in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Werden wir die „fehlenden Plätze“ mit neuen Pastoren ausfüllen können? Dies ist nicht nur eine nummerische Frage, denn Pastorsein ist eine Berufung.Worin liegen die eigentlichen Aufgaben eines Predigers? Welche Qualifikationen und Kompetenzen werden erwartet? Welche Rolle soll der Prediger in der Gemeinde einnehmen? Welche Erwartungen hat die Freikirche an ihre Pastoren?

Aus meiner Sicht ist die grundlegendste Qualifikation eine persönliche Partnerschaft mit Gott. Das persönliche geistliche Leben ist unser A und O. „Wir leben und arbeiten aus einer befreiten und lebendigen Beziehung zu Jesus Christus heraus.“1 Die Grundlage dafür ist die Bibel. Viele von uns Pastoren haben dort ihre Berufung erlebt.

Damit aus der Berufung auch ein wirkungsvoller Beruf werden kann, erwarten wir von jedem eine hochwertige Ausbildung. In Deutschland haben wir den Standard eines abgeschlossenen Master-Studiums im Fachbereich Theologie gesetzt. So wird eine geistliche Authentizität mit fachlicher Kompetenz ergänzt.

Wer jetzt denkt, der Pastor kommt als theologische, intellektuelle Autorität und „schwebt“ über der Gemeinde, der irrt. Denn „wir wollen Menschen und Gemeinden wie Jesus dienen … Dies geschieht, indem wir in den Gemeinden Dienst- und Führungsaufgaben wahrnehmen.“2  Die Schwerpunkte dieser Dienste sind zweifellos das Predigen im Gottesdienst, das Unterrichten (Bibelstunden, Tauf- oder Religionsunterricht), die Seelsorge, das Begleiten, Beistehen und Segnen. Doch ebenso sind es viele Führungstätigkeiten, die jeden Pastor in der Mission und in der Gemeindearbeit fordern. Im Besonderen sehen wir als Pastoren vier Handlungsfelder:

  1. Die theologische Führungsaufgabe – Lehrer und Prediger
  2. Die missionarische Führungsaufgabe („Seelengewinnung“) – Evangelist, Mis­sionar und Gemeindegründer
  3. Die seelsorgerliche Führungsaufgabe („Seelenerhaltung“) – Hirte und Diakon
  4. Die organisatorische und visionäre Führungsaufgabe – Leiter, Apostel und Prophet

Ich gebe zu, das klingt kompliziert. Aber in der Praxis „buchstabiert“ und entfaltet sich dies alles in der lebendigen Beziehung zu Menschen. So wird der Pastor zum Wegbegleiter, gestaltet und erlebt ein Stück gemeinsames Leben. Und das ist spannend und schön. Keine Situation wird der anderen gleich sein. Unzählige Erfahrungen werden gemacht. Ein Pastor erlebt viel!

Während unseres Dienstes werden wir Pastoren begleitet: von (ehrenamtlichen) Mitarbeitern der Gemeinde, von Kollegen, durch Supervision und nicht zuletzt vom Vereinigungsvorstand. Aus einer Vielzahl von Fortbildungen kann jeder Pastor das wählen, was ihn persönlich und in seinem Dienst weiterbringt.

Pastor, das ist eine gelebte Berufung in Selbstverantwortung, Vielfalt und Krea­tivität, Seite an Seite mit Menschen und mit Gott.

1 „Leitbild für Pastoren“ der Abteilung Predigtamt der STA
2 ebenda

Friedbert Hartmann ist u.a. verantwortlich für die Abteilung Predigtamt im Norddeutschen Verband

 

Erwartung und Wirklichkeit:
Pastor am Berufsbeginn

von Matthias Scheel

Seit ca. 1,5 Jahren bin ich Pastor. Lang genug, um in der Wirklichkeit angekommen zu sein? Oder ist da noch vieles „Wunsch“?

Für mich begann die Wirklichkeit als Pastor mit Tag eins meines Arbeitsverhältnisses, da ich in den Gemeinden gleich mit „Pastor“ oder „Bruder Scheel“ angesprochen wurde. Plötzlich sah ich mich in einer Rolle, die ich so nicht erwartet hatte. Ich wollte doch lieber „Matthias“ genannt werden und den Menschen auf Augenhöhe begegnen.

Zwar hatte ich im Studium die großen Theologen und Pfarrer studiert wie Bonhoeffer, Barth und Niemöller, und hatte mir dadurch ein hohes Idealbild eines Pastors geschaffen. Ich wollte ein Pastor sein, der zu jeder Zeit das richtige Wort parat hat, der trösten, zuhören, ermutigen und ermahnen kann. Der sieht, wo Menschen einen Zuspruch oder Hilfe brauchen. Der mit Kreativität und Enthusiasmus Jung und Alt in den Gemeinden gleichermaßen bewegen kann. Und der nicht zuletzt mit seinen Predigten stets den Nagel auf den Kopf und den Menschen ins Herz trifft.

Die Wirklichkeit sah allerdings etwas anders aus. Nicht, weil die Gemeindewirklichkeit vielleicht eine andere ist, als ich sie mir vorgestellt oder erträumt hätte. Nein, mein Idealbild kollidiert mit mir selbst. Ich merke, dass ich oftmals sprachlos bin, wo ich reden, trösten oder ermahnen sollte. Die erhoffte Kreativität geht viel zu oft in der Fülle der Aufgaben unter. Das Predigen ist und bleibt eine ständige Herausforderung.

Resignation? Nein! Denn ich habe gemerkt, dass die „Wirklichkeit“ viel menschlicher ist als das „Ideal“, wenn man sich auf sie einlässt. Die Wirklichkeit ist echt und veränderbar, das Ideal dagegen künstlich und starr. Darum versuche ich auch, ich selbst zu sein und mich nicht durch überzogene Rollenmuster und Wunschvorstellungen (an mich und durch mich) gefangen nehmen zu lassen. Ich versuche, mich in allem, was ich tue, ganz auf den Segen und den Geist Gottes zu verlassen.

Was ich aus dem Studium mit in meinen Dienst nehme, sind weniger fertige Konzepte und Pläne als vielmehr Grundlagen und Methoden, auf die ich jetzt in der Praxis aufbauen kann.

Vor allem möchte ich da die Exegese biblischer Texte hervorheben, die mir hilft, diese in ihrem geschichtlichen Kontext zu verstehen und sie dann in die Gegenwart hinein auszulegen. Daneben hat mich das Studium die Fähigkeit gelehrt, den eigenen Glauben und eigene Anschauungen zu reflektieren und den anderen in seiner Individualität und Andersartigkeit zu akzeptieren und wertzuschätzen.

Für meine Freikirche wünsche ich mir in Zukunft eine bunte Palette gelebter Spiritualität, die Möglichkeit zu offenem Meinungsaustausch und einen ansteckenden Glauben – ein Evangelium für die Menschen von heute. Dafür trete ich als Pastor ein.

Matthias Scheel studierte Theologie in Leipzig, Berlin und Friedensau und ist seit 2008 Gemeindepastor in Berlin-Marzahn und Neuenhagen

 

Wachsen an Herausforderungen:
Pastor mitten im Leben

von Stefan Gelke

Menschen in einem atheistischen Umfeld zu Christus und in die Gemeinde zu führen, sie seelsorgerlich zu begleiten in den Sorgen, Freuden und Herausforderungen des Alltags und die Gemeinde zu motivieren für den missionarischen Dienst an den Mitmenschen – das war meine Vorstellung vom Dienst eines Pastors in der Adventgemeinde. Als ganze Familie wollten wir diesem Ziel dienen und damals in der DDR-Zeit bekam meine Frau ihren Einsatz in der Gemeinde sogar noch finanziell honoriert.

Aber schon in meinen Anfangsjahren erlebte ich, dass ich auch eine Menge Zeit und Aufmerksamkeit zubringen musste mit persönlichen Konflikten, die Gemeindeglieder miteinander hatten, die manchmal das Gemeindeleben jahrzehntelang belasteten und einen überzeugenden missionarischen Dienst am Mitmenschen blockierten.

Eine Herausforderung waren auch die enormen Veränderungen der „Wendezeit“. Theologische Diskussionen und Auseinandersetzungen nahmen in den Gemeinden zu. Traktate, Zeitschriften und manche selbsternannten Verfechter der Wahrheit sorgten für viel Unruhe, verunsicherten Gemeindeglieder und kosteten viel Zeit. Es hat mich schon überrascht, wie viel freudloser, ausgrenzender und angstbesetzter Glaube in unseren Gemeinden zu finden ist.

Dazu kam, dass sich ständig Gemeindebezirke, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen änderten. Immer mehr Technik hielt Einzug in den Arbeitsalltag. Ich empfand, dass die Anforderungen immer vielfältiger wurden und der Anspruch bestand, dabei immer gut sein zu müssen. Dafür war ich in meinem Studium nicht ausgebildet worden und war manchmal einfach überfordert. Darum nahm ich auch sehr dankbar alle Weiterbildungen wahr, die mit Kommunikation, Konfliktbewältigung und Ehe- und Familienberatung zu tun hatten. Dazu nutze ich auch Möglichkeiten wie Supervision und persönliches Coaching sowie Gemeindecoaching. Dadurch fühle ich mich heute sicherer im Umgang mit Konflikten in der Gemeinde und habe so manches Handwerkszeug bekommen für meinen Dienst als Seelsorger und Leiter in meinen Gemeinden.

Auch Gemeinden waren herausgefordert. Das Pastoren- und Gemeindebild musste sich verändern. Je besser Gemeinden ihre Eigenverantwortung wahrnahmen, je besser Diakonie und Pastoren zusammenarbeiteten und Gemeindeleitung zusammen mit dem Pastor Ziele, Pläne, Verantwortungen und Prioritäten erarbeitete, desto besser gelang es Gemeinden, relevant für ihr Umfeld zu sein.

Das erlebe ich zurzeit in meinen Gemeinden und darum tut mir mein Dienst als Pastor richtig gut. Arbeit gibt es mehr als genug. Doch ich kann Grenzen und Schwächen akzeptieren und kann auch mal Dinge liegenlassen. Ich weiß, dass ich es nicht jedem recht machen kann. Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, wenn man ziemlich harmoniebedürftig ist. Supervision, Ausbildung in Kommunikation und Zeitmanagement und gute Bruderschaft helfen dabei.

Im Übrigen habe ich Sport wieder neu entdeckt als Ausgleich. Gesundheit und Fitness braucht zwar Zeit – aber von ei­nem Burnout-Pastor hat keiner etwas.

Stefan Gelke ist Pastor in Görlitz und zuständig für drei Gemeinden im östlichsten Zipfel Deutschlands

 

Rückblick und Erfahrung:
Pastor im Ruhestand

von Wilfried Ninow

Meine Ausbildung zum Pastor habe ich auf dem Seminar Marienhöhe erhalten. Unsere Vorbilder für die künftige Arbeit waren unsere Lehrer, die uns neben dem fachlichen Rüstzeug auch die Liebe für diesen Dienst und ferner eine gesunde Gemeinde-Identität vermittelten. Ich bin mit gespannten Erwartungen an meinen ersten Arbeitsplatz gegangen. Das war etwas völlig Neues, eigenverantwortlich in einem Bereich als Pastor zu arbeiten. Ein Idealbild hatte ich mir nicht aufgebaut, hatte aber bestimmte Vorstellungen für die Jugendarbeit, die Verkündigung, die Bibelarbeit und die Seelsorge; jedoch war ich offen, mich den Realitäten des Gemeindealltags zu stellen. Mein Wunsch war es, mich inmitten der Gemeinde zu sehen, Kontakt zu den unterschiedlichen Altersgruppen zu haben, besonders zu Kindern und Jugendlichen, und auch Menschen zur Taufe zu führen.

Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten konnte ich viele meiner Ideen umsetzen. Dazu kam, dass ich einen verständnisvollen Bezirksältesten hatte, der mir weitgehenden Freiraum gewährte, mich besonders Anteil nehmen ließ an seiner Seelsorge und seinem Besuchsdienst und mich auch in die Evangelisation einführte. Ich habe das Gemeindeleben aus einer neuen Perspektive kennengelernt, und zwar als junger Pastor mit noch begrenzter Verantwortung. Ich hätte mir mehr Mitarbeit der Gemeindemitglieder gewünscht. Ich hätte mir mehr Offenheit und Experimentierfreude der Pastorenkollegen gewünscht sowie Herausforderungen und konkrete Aufgaben.

Jede Zeit hat ihre Moden. Jede Zeit hat auch ihre besonderen Schwerpunkte in der Ausbildung zum Pastor. Es gibt Dinge, die neben dem akademischen Unterricht ihren Platz haben müssen. Dazu zähle ich die Liebe zur Schrift, geistliche Disziplin, ein authentisches Leben als Kind Gottes sowie Gemeindepräsenz. Neben der theologischen Ausbildung, die ich keinesfalls bestreiten will und kann, die ich auch in heutiger Zeit für wichtig halte, sollten u. a. folgende Punkte verstärkt im Unterricht behandelt werden:

(1.) Die „aufsuchende Seelsorge“ in der Pastorenarbeit. Ein Mitarbeiter sagte einmal: „Der Schlüssel zu den Herzen der Menschen hängt an der Haustür.“

(2.) Die Ausbildung in der Arbeit mit Kindern, Pfadfindern und Jugendlichen (einschließlich des sensiblen Einsatzes der Musik, „Musikerziehung“!).

(3.) Verstärkte Ausbildung in der Anleitung, wie Gemeindeglieder zu Mitarbeitern im Gemeindedienst und für die Missionsarbeit gewonnen werden können.

(4.) Zeitmanagement – die Kunst zu lernen, zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen eine richtige Balance zu finden.

Die Entscheidung für ein Theologiestudium ist eine gute Entscheidung. Es ist ein Weg, der ein engagiertes Lernen erforderlich macht. Vergleichbar ist es mit einem Eintauchen in eine teilweise unbekannte Welt. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und gleichzeitig eine erforderliche Vertiefung. Den Theologiestudenten mache ich Mut, ihr Studium zügig durchzuziehen. Und wer die Frage in seinem Herzen bewegt, ob er vielleicht nicht doch Theologie studieren sollte, der mag dahinter einen Ruf Gottes hören und nach Friedensau kommen. 

Wilfried Ninow war zletzt Gemeindepastor in Nürnberg und ist seit 1997 pensioniert. Seinen Ruhestand verbringt er in Friedensau

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