Der gescholtene Prediger

Studie zu psychosozialen Belastungen und Ressourcen der adventistischen Prediger

Hannah Bendner, Nils Dreiling, Annika Gappa, Jana Kaufmann, Fränze Stellmacher, Edgar Voltmer

Natürlich gibt es ihn, den Prediger, dessen Haupterkennungsmerkmal der Piepton seines Anrufbeantworters ist, auf den man sprechen kann, so viel man will, er ruft selten zurück. Den Prediger, der lustlos und uninspiriert seinen Dienst verrichtet und die Tage bis zur Rente zählt. Den Prediger, dessen Predigten so lausig improvisiert und zusammengestoppelt rüberkommen, dass man weinen möchte über die kostbare Zeit, die damit vergeudet wird. Aber selbst bei diesen Einzelfällen stellt sich die Frage: Wie ist es eigentlich dazu gekommen? Und wenn du mit deinem Prediger z.B. über diese Dinge redest, was ist dein Motiv? Ist es der Ärger, der sich Luft macht, oder ist es ein echtes Interesse, ja echte brüderliche Liebe an und zu deinem Gegenüber? Noch mehr stellt sich diese Frage aber nicht nur bei diesen Einzelfällen, sondern bei der Vielzahl derjenigen, die engagiert versuchen, der Gemeinde zu dienen. Auch bei ihnen mag das Ergebnis verbesserungsfähig sein, subjektiv sowieso – welcher Prediger vermag es schon wirklich allen recht zu machen und wäre das überhaupt ein gutes Zeichen? – aber auch objektiv: Welcher Mensch könnte schon von sich behaupten, alles perfekt zu machen? Aber wie zeigst du diesen Predigern, dass du ihre Arbeit schätzt und sie unverzichtbar ist für dich? Und genauso stellt sich diese Frage bei denen, die zumindest in den Augen Vieler echte „Predigerperlen“ sind. Deren Predigten mitreißen, die Seelen gewinnen, deren Aktionen begeistern und deren Anteil nehmende Seelsorge Menschen Mut macht und sie aufrichtet. Auch wenn bei diesen die Wahrscheinlichkeit für Lob und Anerkennung höher ist, so gibt es doch auch unter ihnen nicht wenige, deren Predigten von relevanten Gemeindegruppen als zu charismatisch/zu konservativ eingeschätzt werden, deren aufopferungsvoller ganzer Einsatz für die Pfadfinder/die Senioren von den Senioren/den Pfadfindern bemängelt wird oder die in den satzungsorientierten Mühlen der Administration kleingemahlen werden.

Im Fachbereich Christliches Sozialwesen der Theologischen Hochschule Friedensau wurde von einer Forschungsgruppe eine Studie zu psychosozialen Belastungen und Ressourcen der adventistischen Prediger in Deutschland durchgeführt. Die Befragung erfolgte 2007 auf Predigertagungen aller Vereinigungen. Von den anwesenden Predigern beteiligten sich 96,8% (n=239) an der Untersuchung. Dies waren 93% der aktiven Prediger in Deutschland, so dass für die Ergebnisse von einer Vollerhebung ausgegangen werden kann. Neben einigen Fragen zur Demografie wurden in dieser Untersuchung drei standardisierte Fragebogen eingesetzt:

1. Eine Kurzform des „Fragebogens zum Allgemeinen Gesundheitszustand (SF-12)“,

2. Der Fragebogen „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM)“ und

3. Drei Skalen der deutschen Version eines Fragebogens zur Messung von Religiosität und Spiritualität („Brief Multidimensional Measurement of Religiosity and Spirituality; BMMRS“).

Zusätzlich zu den Predigern der Adventgemeinde waren 134 (60,9%) Pastoren der Freien Evangelischen Gemeinden (FEG) auf einer Jahrestagung bereit, sich an der Untersuchung zu beteiligen.

Ergebnisse

In den Summenwerten des „Fragebogens zum Allgemeinen Gesundheitszustand (SF-12)“ zeigte sich in beiden Pastorengruppen für die körperliche Gesundheit ein höherer Wert als in Vergleichsgruppen der gesunden Allgemeinbevölkerung, in der psychischen Gesundheit dagegen ein signifikant niedriger Wert (Abbildung 1).

DGP_Abb1

Abbildung 1: Körperliche und Psychische Summenwerte von Pastoren der Siebenten-Tags-Adventisten und der Freien Evangelischen Gemeinden. (Die horizontalen Linien kennzeichnen Normwerte eines Referenzkollektivs gesunder Männer.)

In den Ergebnissen des Fragebogens „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM)“ wird dies weiter differenziert. Untersucht wurden hier elf Dimensionen aus den Bereichen berufliches Engagement, Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und allgemeines Lebensgefühl (Tabelle 1).

AVEM Dimensionen (Beispielitem)

  1. Subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit (Die Arbeit ist für mich der wichtigste Lebensinhalt)
  2. Beruflicher Ehrgeiz (Ich möchte beruflich weiter kommen, als es die meisten meiner Bekannten geschafft haben)
  3. Verausgabungsbereitschaft (Wenn es sein muss, arbeite ich bis zur Erschöpfung)
  4. Perfektionsstreben (Was immer ich tue, es muss perfekt sein)
  5. Distanzierungsfähigkeit (Nach der Arbeit habe ich keine Probleme abzuschalten)
  6. Resignationstendenz bei Misserfolg (Wenn ich keinen Erfolg habe, resigniere ich schnell)
  7. Offensive Problembewältigung (Für mich sind Schwierigkeiten dazu da, dass ich sie überwinde)
  8. Innere Ruhe/Ausgeglichenheit (Mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe)
  9. Erfolgserleben im Beruf (Mein bisheriges Berufsleben war recht erfolgreich)
  10. Lebenszufriedenheit (Im Großen und Ganzen bin ich glücklich und zufrieden)
  11. Erleben sozialer Unterstützung (Mein Partner/meine Partnerin zeigt Verständnis für meine Arbeit)

Tabelle 1: AVEM Dimensionen mit Beispielitems. Die Dimensionen können den Bereichen Arbeitsengagement (1-5), Widerstandsfähigkeit (6-8) und Lebensgefühl (9-11) zugeordnet werden.

Diese können je nach Intensität der Ausprägung als gesundheitliche Ressourcen oder als Risiken für die Gesundheit aufgefasst werden. In Clusteranalysen die­ser Dimensionen ergeben sich vier verschiedene Verhaltens- und Erlebensmuster (Textkasten 1), von denen insbesondere das selbstüberfordernde und das resignative Muster mit dem Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung einhergehen.

Muster G (Gesundheit):

hohes, aber nicht exzessives Arbeitsengagement, hohe Widerstandsfähigkeit und ausgeprägt positives Lebensgefühl

Muster S (Schutz/Schonung):

verringertes berufliches Engagement, entweder aufgrund von niedrigem berufsbezogenem Ehrgeiz und Engagement und Bestätigung in anderen Lebensbereichen (Schonung) oder beginnender Überlastung und Resignation (Schutz). Belastbarkeit und Zufriedenheitswerte in Abhängigkeit davon im mittleren bis hohen Bereich

Risikomuster A (Selbstüberforderung):

überhohes Arbeitsengagement, niedrige Widerstandsfähigkeit und eingeschränkte Zufriedenheit

Risikomuster B (Erschöpfung):

geringes Arbeitsengagement, hoch resignativ bei geringer Widerstandsfähigkeit und sehr geringer Zufriedenheit

Textkasten 1: Vier Muster des arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens (Schaarschmidt & Fischer 2003)

Nur 13,9% der adventistischen Prediger zeigten ein gesundes Verhaltens- und Erlebensmuster; fast 30% dagegen ein burnoutgefährdetes Muster und über 40% ein Muster mit reduzierter beruflicher Motivation im Sinne einer Schutz- oder Schonhaltung gegenüber beruflichen Belastungen. Bei den Pastoren der Freien Evangelischen Gemeinden war diese Verteilung noch etwas akzentuierter. Nur 10,1% der Pastoren zeigten ein gesundes Verhaltens- und Erlebensmuster, 37,2% das burnoutgefährdete Muster und 41,9% ein Schutz-/Schonungsmuster (Abbildung 1a). Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass dieser Unterschied durch zwei Effekte beeinflusst wurde: 1. Die Tatsache, dass der Rücklauf bei den Pastoren der FEG geringer war und damit Selbstselektionseffekte eine Rolle spielen könnten. 2. Da eine Burnoutgefährdung stärker für jüngere Lebens- und Berufsjahre beschrieben wurde, ist von Bedeutung, dass der Altersdurchschnitt der FEG niedriger war als der der STA.

Ein deutlicher Unterschied ergibt sich im Vergleich mit der Verteilung der Muster von Theologiestudenten in Friedens­au. Der Anteil der Studenten mit einem gesunden Muster ist hier deutlich höher (31,7%), der burnoutgefährdete Teil deutlich geringer. Auch wenn die Ergebnisse von Querschnittuntersuchungen keine echte Verlaufsbeurteilung erlauben, liegt der Verdacht doch nahe, dass die berufsbedingten Belastungen zu einer Abnahme der gesunden und zu einem Ansteigen der Schutz-/Schonungs- und der Risikomuster führen. Eine ähnliche Entwicklung konnten wir in einer vorangegangenen Studie an Medizinstudenten und Ärzten feststellen (Abbildung 1b). Die Ergebnisse dieser Querschnittstudien bestätigen sich derzeit in einer längsschnittlichen Untersuchung. Zu­sam­mengenommen zeigen sie ein Risiko helfender Berufe, das sich von dem an-derer Berufsgruppen deutlich unterscheidet.

DGP_Abb1aAbbildung 1a: Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster von Theologiestudenten in Friedensau und Pastoren der Siebenten-Tags-Adventisten und der Freien Evangelischen Gemeinden

DGP_Abb1b

Abbildung 1b: Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster von Medizinstudenten und Ärzten

Auf der Ebene der Dimensionen zeigten sich bei beiden Pastorengruppen niedrigere Werte besonders in den Dimensionen des beruflichen Engagements und der Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress (Abbildung 2).

DGP_Abb2

Abbildung 2: Gesundheitsrelevante Dimensionen des berufsbedingten Verhaltens und Erlebens bei Pastoren der Siebenten-Tags-Adventisten und der Freien Evangelischen Gemeinden (Maximale Punktzahl je Dimension 30. Mit Sternchen sind signifikante Unterschiede zwischen beiden Pastorengruppen gekennzeichnet *p<.05, **p<0.01)

Für die drei Skalen der Religiosität und Spiritualität zeigte sich erwartungsgemäß gegenüber der Allgemeinbevölkerung eine höhere Ausprägung. Interessant war, dass sich eine deutliche Korrelation zwischen den Werten für die tägliche spirituelle Erfahrung und den vorbeschriebenen Mustern zeigte. Pastoren mit dem gesunden Muster hatten auch günstigere Werte in dem täglichen spirituellen Erleben als Pastoren mit dem burnoutgefährdeten Muster. Der Glaube kann damit einerseits als eine Ressource zur Bewältigung von Alltagsbelastungen angesehen werden. Auf der anderen Seite können aber auch Alltagsbelastungen dazu führen, dass das geistliche Leben beeinträchtigt wird.

Ein erfreuliches Ergebnis der Studie war zunächst, dass etwa die Hälfte der adventistischen Prediger angaben, viel, weitere fast 40% mindestens etwas Trost bei Problemen oder Hilfe bei Krankheit durch die Gemeinde zu bekommen. Auch der Anteil derjenigen, die angaben, sehr häufig oder ziemlich häufig kritisiert zu werden, war mit 12,6% erfreulich niedrig. Bei der Ergebnispräsentation wurde aber deutlich, dass es jeweils einzelne und voneinander unterschiedene Gruppen sind, bei denen Unterstützung erfahren wird oder die durchaus mit starker Kritik in Erscheinung treten. Obwohl es häufig nur wenige Kritiker sind, spielen sie doch oft eine wesentliche Rolle für das berufliche Belastungsempfinden der Prediger.

Insgesamt zeigt sich damit für beide Pastorengruppen ein deutliches psychosoziales Risikoprofil, das mit den unterdurchschnittlichen Werten für die psychi-sche Gesundheit, den Risikomustern für Selbstüberforderung (A) und Burnout (B), aber auch dem ambivalenten Schutz-/ Schonungsmuster S mit Gesundheitsgefährdungen einhergehen oder zu Erkrankungen führen kann.

Während ein zur Selbstüberforderung neigendes Engagement häufig mit einer eher positiven Bewertung von Seiten der Umwelt einhergeht, werden Schonung/Schutz oder Burnout häufig kritischer bewertet. Dies geschieht aber vorschnell. Zum einen stellt auch die Selbstüberforderung eine gesundheitliche Risikokonstellation dar. Zum anderen sind Schonung/Schutz oder Burnout häufig bei Menschen anzutreffen, die ebenfalls mit starkem Engagement gestartet sind, deren besondere Empathie und Sensibilität aber auch mit einer höheren Verletzlichkeit durch Überforderung oder Kritik einhergeht und deren Kräfte irgendwann den (selbst-)auferlegten Ansprüchen und Anforderungen und der vernachlässigten Zeit zur Regeneration nicht mehr standhalten.

Ursachen

Bereits aus der vorliegenden Untersuchung, aber auch aus anderen Studien bei Pastoren und Vertretern helfender Berufe zeigt sich, dass nicht ein, sondern ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu den aufgezeigten Belastungserscheinungen führen kann. Neben Fragen der Arbeitsorganisation und Arbeitsbelastung gehören hierzu auch Persönlichkeitseigenschaften, die individuelle Wahrnehmung und der Umgang mit berufsbedingten Belastungen.

Der Beruf des Pastors ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Anforderungen und Erwartungen durch Gemeinde, Vorgesetzte, Umfeld und Familie. Die Arbeitszeit ist häufig antizyklisch und unregelmäßig. Erfolge der Arbeit lassen sich schwer messen und werden subjektiv selten erlebt. Überalterung der Gemeinden und ein säkulares Umfeld tragen das Ihre dazu bei.

Für Angehörige helfender Berufe wurde beschrieben, dass auf dem Hintergrund persönlicher biografischer oder entwicklungspsychologischer Faktoren ein großes Bedürfnis entstehen kann, anderen Menschen zu helfen und damit persönliche Bestätigung zu finden. Bleibt diese Bestätigung aus, führt dies häufig zu noch größerer Anstrengung und schließlich aber zu überlastungsbedingter Erschöpfung.

Der Umgang mit den alltäglichen Belastungen ist dabei von Person zu Person sehr unterschiedlich. Was der eine als Stress empfindet, ist für den anderen eine willkommene Herausforderung. Der eine ist mit einem hundertfünfzigprozentigen Arbeitsergebnis immer noch nicht zufrieden, ein anderer genießt schon den Erfolg von erfolgreich gemeisterten Teilzielen. Kritik sieht der eine als Chance zur Verbesserung, für einen anderen stellt sie die eigene Person und die eigenen Fähigkeiten grundsätzlich in Frage. Der empfundene Stress ist nicht allein abhängig von dem tatsächlichen Auslöser, sondern auch von der Einschätzung der eigenen Ressourcen oder Kompetenzen, um mit den Belastungen umzugehen. Hier ergeben sich Möglichkeiten für Strategien und Maßnahmen zur Verbesserung.

Prävention und Gesundheitsförderung

Körperlichen und seelischen Erkrankungen vorzubeugen (Prävention) und aktive Gesundheitsförderung für Prediger und Pastoren muss im Sinne der vorgenannten Ursachen Maßnahmen auf den unterschiedlichen Ebenen der Verhaltens- und Verhältnisprävention umfassen. Neben dem persönlichen Gesundheitsverhalten sind dabei die Themen Führung und Leitung sowie Struktur und Arbeitsorganisation zu beachten. Auch das Wechselspiel zwischen Gemeinde und Prediger spielt eine wesentliche Rolle. Alle Bereiche sind zudem vor dem Hintergrund der individuellen und kollektiv-freikirchlichen Spiritualität und Religiosität zu betrachten. Eine ausführliche Betrachtung aller genannten Punkte würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, daher können im Folgenden punktuell und exemplarisch einzelne Bereiche nur kurz skizziert werden.

Individuelles Verhalten/Lebensweise

Die Erfahrung zeigt, dass es heute selten am fehlenden Wissen liegt, wenn gesundheitsfördernde Verhaltensweisen im Alltag unterbleiben. Gerade die adventistischen Gesundheitsgrundsätze sind hier ein seit langem bekannter Schatz für die persönliche Gesundheitsförderung. Die Schwierigkeit besteht oft vielmehr in der Frage: Wie setze ich es im Alltag um bzw. konkret: Wie überwinde ich den inneren Schweinehund? Bestes Beispiel hierfür ist das Thema regelmäßige Bewegung. Fragt man Personen, ob sie sich regelmäßig bewegen, erhält man z.T. überraschend positive Rückmeldungen. Fragt man jedoch nach, wer denn tatsächlich dreimal pro Woche mindestens eine halbe Stunde intensiv Sport treibt, sinken die Werte derer, die dies wirklich umsetzen, rasch unter 20%. Dies ist umso bedauerlicher, als es kaum ein Organsystem im Körper gibt, das nicht von regelmäßiger Bewegung profitiert. Ganz im Sinne des in den Ergebnissen deutlich gewordenen Risikoprofils mehren sich zudem die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Bewegung nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die seelische Gesundheit einen sehr positiven Einfluss hat. Hier wäre also ein erster Ansatzpunkt greifbar. Dies gilt in gleicher Weise für regelmäßige Entspannung, Meditation oder stille (Andachts-)Zeit. Interessanterweise belegen neueste hirnphysiologische Untersuchungen, dass gerade Bewegung und Meditation stressbedingte Wachstumsblockaden aufheben und das Aussprossen neuer Nervenverbindungen fördern können.

Struktur und Organisation, Führung und Leitung

Pastoren empfinden sich häufig als Einzelkämpfer vor Ort. Sie wünschen sich eigentlich eine partnerschaftliche Teamarbeit, sehen sich aber häufig mit der Erwartung einer umfassenden Leitungsrolle konfrontiert. Der Raum für einen regelmäßigen Austausch mit Kollegen oder echte freundschaftliche Beziehungen innerhalb der Ortsgemeinde wird oft durch Entfernungen oder regelmäßige Versetzungen erschwert. Soziale Unterstützung ist aber einer der wichtigsten Faktoren zur Vermeidung von beruflicher Überlastung und Burnout. Hier kommt einer Anerkennungskultur von Seiten der Leitung (und der Gemeinde) eine wichtige Bedeutung zu. Gerade weil die Ergebnisse seelsorgerlichen und pastoralen Handelns schwer messbar und in einer säkularen Gesellschaft wenig sichtbar sind, ist das regelmäßige Gespräch zwischen Vereinigung und Mitarbeitern vor Ort, das gemeinsame Vereinbaren und Tragen von Zielen und die regelmäßige Unterstützung und anerkennende Rückmeldung von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Arbeit, aber auch die persönliche Gesundheit. Dass sich der Bedarf des einzelnen Predigers hier – durchaus in Abhängigkeit von der Ausgangslage des persönlichen Musters des beruflichen Erlebens und Verhaltens – z.T. sehr unterschiedlich darstellt und daher eine individuell angepasste Vorgehensweise erfordert, macht die Herausforderung für die Leitung nur umso größer.

Gemeinde

Neben der Vielzahl von Rollen und Anforderungen waren Konflikte in der Gemeinde die Hauptursache für beruflichen Stress bei adventistischen Predigern. Starke Polarisierungen in Fragen der Lehre und emotionale bzw. persönliche Auseinandersetzungen unter den Gemeindemitgliedern stellen hohe Anforderungen an den Pastor, auf die er in der Ausbildung selten vorbereitet wurde. Die Mitglieder der Ortsgemeinde haben damit einen hohen Einfluss auf Gesundheit, Wohlbefinden und damit auch die Wirksamkeit ihres Predigers. Dies kann auch an einem anderen Detail verdeutlicht werden. Es dürfte wohl kein Gemeindemitglied geben, das nicht mindestens phasenweise die absolut segensreiche Wirkung des wöchentlichen Ruhetags im eigenen Leben erfahren hätte. Für Prediger ist der Sabbat jedoch häufig der Hauptarbeitstag. Es sollte daher einleuchten, dass für den Prediger die notwendige Erholung und Regeneration an einem anderen Tag nachgeholt werden muss.

Wenn aber die Gemeinde mit Unverständnis auf die Notwendigkeit eines freien Tages reagiert, ist ein Ungleichgewicht zwischen Beruf und Freizeit, eine fehlende Distanz zu beruflichen Anforderungen und damit langfristig eine Überforderung des Pastors vorprogrammiert. Natürlich ist dabei vorausgesetzt, dass nicht der Eindruck besteht, die übrigen Tage außerhalb des Sabbats liefen eher im „Schongang“, sondern sind auch von freudigem Engagement und Einsatz bestimmt. Sollte dieser Eindruck bestehen, ist aber immer noch die Frage: Weiß man wirklich genug darüber, in welchen Bereichen der Prediger sich engagiert? Oder ist möglicherweise die fehlende Unterstützung ein Grund dafür, dass auch der Prediger nicht mehr bereit ist, alles zu geben? In jedem Fall ergeben sich hier wichtige Anhaltspunkte zu einer gegenseitigen Klärung von Erwartungen und Vorstellungen zur Zusammenarbeit zwischen Prediger und Gemeinde. Wer sich mehr Engagement oder eine andere Vorgehensweise seines Pastors vor Ort wünscht, muss sich dabei auch und vor allem die Frage stellen, was er selbst dazu beitragen kann. Oft genug werden z.B. sehr kritische Einzelstimmen und -meinungen in einer Gemeinde von der Mehrheit zwar nicht geteilt, aber es wird auch nicht entschieden dagegen angegangen und der Prediger in der Situation alleingelassen.

Eine der wichtigsten und zugleich größten Herausforderungen der letzten beiden Abschnitte scheint mir dabei zu sein, wieder eine positive Vision von Gemeinde zu entwickeln, deren Priorität eine engagierte Verkündigung der frohen Botschaft nach außen und nicht nur die Verwaltung des Bestehenden beinhaltet und die gleichzeitig den Spagat zwischen dem Bewahren der Tradition und der notwendigen Innovation und Anpassung an die Bedürfnisse der Gesellschaft meistert.

Religiosität und Spiritualität

In der Praxis wird häufig ein Gegensatz zwischen den der Wirtschaft entlehnten Managementtechniken und Strategien und der Leitung durch den Heiligen Geist und dem Vertrauen auf Gottes Handeln konstruiert. In der Bibel finden sich aber viele Hinweise darauf, wie menschliche Planung oder Delegation von Gott befürwortet und gesegnet wird. Hier erscheint eine konstruktive Versöhnung im Sinne des paulinischen „das Gute bewahren, das Unbrauchbare verwerfen“ wünschenswert. In gleicher Weise muss auch die Erwartung, dass Spiritualität und Religiosität immer einen sicheren Anker gegen berufliche Überlastung darstellen, relativiert werden. Wie in den Ergebnissen bereits angedeutet, ist vielmehr zu beachten, dass Stress und berufsbedingte Überforderung zu einer spürbaren Beeinträchtigung des persönlichen Glaubenslebens führen und damit eine sonst zur Verfügung stehende wichtige Ressource zur Bewältigung von Belastungen schwächen können. Dies kann zu einer massiven Beeinträchtigung der Vollmächtigkeit des Dienstes führen, auf die in der Beratung und Begleitung von gefährdeten Predigern durch Leitung und Gemeinde geachtet werden muss.

Es ist den Verbänden, den Vereinigungen und den beteiligten Predigern hoch anzurechnen, dass sie sich einer solchen Untersuchung gestellt haben. Die Auswertung und die Präsentation der Ergebnisse auf den Predigertagungen der Vereinigungen und der Pastorentagung der FEG boten die Möglichkeit, den Ist-Zustand zu diskutieren und erste Ansätze für eine Weiterentwicklung zu erörtern. Für die Ausbildung der Studenten in Friedensau und die Angebote der Fort- und Weiterbildung für Prediger konnten wichtige Impulse gesammelt werden. Es wäre wünschenswert, dies als den Beginn eines längerfristigen Prozesses anzusehen, in dem kontinuierlich z.B. in vereinigungs- oder verbandsweiten Gesundheits- und Qualitätszirkeln an einer Verbesserung der individuellen Verhaltensmuster, der Arbeitsbedingungen und der Zusammenarbeit in und mit den Gemeinden gearbeitet wird. Dies ist unverzichtbar, damit die Prediger vor Ort und ihre Gemeinden wieder mit Leidenschaft und Vollmacht das Evangelium verkünden können, ohne sich dabei zu überfordern und gesundheitlich Schaden zu nehmen.

 

>>zurück