Studieren – wozu?
Ein erdichtetes Gespräch mit einem, der drin steckt
Wer zur Schule geht, dem stellt sich zwangsläufig irgendwann die brennende Frage, wie es nach dem letzten Zeugnis weitergehen soll. Vielleicht eine Berufsausbildung zum Kfz-Mechatroniker, Krankenpfleger oder Bankkaufmann? Das bringt die Chance, bereits nach zweieinhalb oder drei Jahren eigenes Geld zu verdienen. Oder erst in einem Freiwilligen Sozialen Jahr persönliche Erfahrungen sammeln? Dann müsste man die Entscheidung über die nächsten Schritte nicht sofort treffen. Oder führt der Weg an die Uni? Aber wozu lohnt es sich, mehrere Jahre zu studieren? Was bringt es einem denn, soviel Lebenszeit mit Studieren zu verbringen? Muss ich befürchten, dass die Institution mein Denken manipuliert? Lässt sich darauf eine Antwort finden? Das Beste wäre, man würde jemanden fragen, der das Studentendasein kennt. Denn wer studiert, muss Antworten bieten können. Lassen wir also einen Studenten sprechen. Nennen wir ihn einfach Ernesto. Ernesto ist das Spiegelbild einer Erfahrung, die viele Studierende machen. Ernesto berichtet über seine Erfahrungen im Studium:1. Studieren heißt: den Aufbruch wagenFür einen Studienanfänger ist unglaublich vieles neu. Meistens führt das Studium in eine andere Stadt, ein neues Zimmer. Wohnen, Essen, Wäsche waschen – all das musste ich erstmal organisieren. Plötzlich war die vertraute Geborgenheit aus der Schulzeit vorbei. Doch ich merkte, wie meine Eigenständigkeit wuchs und meine Selbstsicherheit zunahm. Ich lernte, mit neuen Situationen umzugehen. Mein Lebensbereich erweiterte sich. Das war der erste Schritt im Studium: Ich lernte Fremdes kennen, von dem ich nie geahnt hatte, dass es so was gibt. Und indem ich mich damit beschäftigte, blieb es mir ja nicht fremd, sondern wurde mir vertraut. Das traf auf die neue Stadt, in der ich wohnte, genauso zu wie auf die neuen Wissensgebiete, in die ich mich vorwagte, und fremde Menschen, die meine Freunde wurden. Und auf einmal merkte ich: Meine Welt ist größer geworden – die Welt, in der ich ganz real lebte, und die Welt, in der meine Gedanken kreisten. Nein, nicht die Welt an sich war gewachsen, sondern meine Vorstellung von ihr. Eigentlich war ich gewachsen. Ich habe Erfahrungen erlangt, von denen ich nichts wusste, aber auf die ich nun nicht verzichten will. Deshalb ist es mir im Studium wichtig geworden, mich auf Neues einzulassen. Neues, außerhalb meiner alten Vorstellungen, außerhalb meiner bisherigen Gewohnheiten, ja, auch außerhalb meiner eigenen Interessen, meines eigenen Geschmacks und dessen, was mir Spaß macht. Ich darf meinen Geschmack nicht zum Maßstab machen. Denn nur wer den Aufbruch wagt, kann einen Gewinn für sein Leben erzielen. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich meine Bequemlichkeit besiegt und den Aufbruch gewagt habe! 2. Studieren heißt: eine Haltung entwickelnDas Studium konfrontierte mich mit dem geballten Wissen und vielen neuen Eindrücken. Ich musste lernen, damit umzugehen. Ich musste lernen, zu manchem Ja und zu manchem Nein zu sagen. Und immer wieder merkte ich, dass ich eigentlich Jein sagen müsste. Denn kaum etwas ist nur Schwarz oder Weiß. Vieles hat gleichzeitig Gutes und Schlechtes in sich. So wie auch ich und die Welt, in der ich lebe. Ich musste lernen, das zu durchschauen, genau hinzusehen und nicht an der Oberfläche hängen zu bleiben. Ich musste lernen, mir eine eigene fundierte Meinung zu bilden und nicht nur nachzuplappern, was mir andere Leute, auch wenn ich ihnen vertraue, gesagt haben. Ich musste lernen, fair zu beurteilen, weil mir die Wahrheit wichtiger ist als mein Vorurteil. Ich musste lernen, meine Meinung zu begründen und nicht nur aus dem Bauch heraus zu behaupten. Dabei musste ich mich auch kritisieren lassen und mir klarmachen, dass Kritik mir weiterhelfen soll. Je mehr ich in der Lage war, mir eine eigene Meinung zu bilden, desto weniger Angst hatte ich vor fremden Dingen und Vorstellungen. Denn ich begegne ihnen ja nicht blind und brauche mich von ihnen nicht blenden zu lassen. Ich muss mich nicht einmauern und abschotten von anderen Menschen, Ansichten und Theorien. Denn ich habe eine eigene Haltung gewonnen und kann Dinge eigenständig beurteilen. 3. Studieren heißt: im Gespräch bleibenJe mehr mir im Studium klar wurde, dass meine eigene Haltung zu einem Thema wichtig ist, desto mehr respektierte ich auch die Ansichten von anderen Menschen. Sie haben eine eigene Perspektive, so wie ich. Oft haben sie gute Argumente, die mir gefehlt haben. Und ich habe ja längst nicht alle Antworten. Ich bin bereit, zuzuhören und dazuzulernen. So bleibt meine Welt offen. Das Lernen hört nie auf. Das Studium machte mir klar, dass man sein ganzes Leben lernen muss – wie in einem angenehmen Gespräch, das man gar nicht beenden will und wo jeder mal hören und mal reden darf. Das hat mir die Uni klargemacht. Die Hochschule ist – auch nicht perfekt, aber doch ein Stück weit – so ein geschützter Raum, wo man seine begründete Meinung offen sagen, wo man Argumente austauschen, wo man auch mal über Themen streiten kann und trotzdem den Gesprächspartner respektiert. Ja, das ist so eine Offenheit mit Anstand, das wünschte ich mir auch für andere Lebensbereiche. 4. Studieren heißt: für das Berufsleben startbereit werdenVielleicht wunderst du dich jetzt, dass ich erst zum Schluss auf die Berufsvorbereitung zu sprechen komme, wo du dich doch fragst, ob du vielleicht Mechatroniker oder Banker werden willst. Klar bringt ein Studium eine gute Startposition für den Arbeitsmarkt. Meistens ist man mit seinem Studienabschluss auch flexibel und kann verschiedene Tätigkeiten machen. Und: Akademiker werden auf dem Arbeitsmarkt gebraucht. Auch deshalb lohnt es sich zu studieren. Aber da ist noch mehr. Das klingt jetzt wohl ein bisschen abgehoben, aber ich sag’s trotzdem einfach: Ein Studium bringt nicht nur die Befähigung zu einem Beruf. Es bereichert deine Persönlichkeit, deine Art zu denken und die Dinge zu sehen. Es vernetzt dich mit Menschen, die einen ganz anderen Hintergrund haben als du und trotzdem deine Freunde werden können. Meinen Horizont hat das Studium erweitert. Ich hätte das alles so gar nicht erwartet. Aber jetzt möchte ich darauf auf keinen Fall verzichten. Ja, ich bin auch ein bisschen stolz darauf. Studieren kann in dir Befähigungen wecken, die du noch gar nicht in dir vermutet hast. Du musst sie nur freilegen. Nur Mut! Mach dich auf! Mit „Ernesto“ unterhielt sich Dietmar Päschel |
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