"Die Institution erstickt den Geist"
Anmerkungen zu einer Legende
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Kein Zweifel: Der Trend geht heute gegen die Institution. Parteien und Gewerkschaften klagen über Mitgliederschwund. In den Kirchen sieht’s kaum besser aus. Der Trend spiegelt sich nicht nur in der Statistik. Traditionelle Autoritäten – Vorstände, Präsidenten und Direktorien – verlieren an Respekt. Vor einiger Zeit sagte mir eine alte Dame: „In eurer Gegend wohnte früher die adventistische Prominenz.“ Ich musste lachen – „adventistische Prominenz“, so etwas gibt es heute nicht mehr. Personen, die sich früher als Amtsträger sahen, begreifen sich heute als „Coach“, wörtlich Kutsche, modern Trainer. Die Abwertung der Institution ist nicht nur Gefühlssache, sie wird von einer Theorie zu untermauern versucht: Am Anfang jeder neuen großen Sache stehe der Geist, eine revolutionäre Idee. Erst später müsse man wohl oder übel Institutionen oder Organisationen schaffen, um das Neue zu bewahren: die Institution als schützende Hülle des Geistes. Freilich stelle sich bald eine verhängnisvolle Nebenwirkung ein: Die Institution werde übermächtig und ersticke den Geist. – Es bleibt also eine negative, verächtliche Sicht der Institution – allenfalls als notwendiges Übel. Dass diese Bewertung so neu gar nicht ist, zeigt der Begriff der „Amtskirche“. In alten Kirchengeschichten kann man noch lesen: Jesus habe das Reich Gottes erwartet, gekommen sei aber die Kirche. Nicht wenige blicken mit romantischer Sehnsucht auf die „geistbewegte und geistgeleitete Urgemeinde“ (oder auf die „Zeit der Pioniere“). Doch das sind Wunschbilder, die von den Geschichtsquellen, z.B. dem Neuen Testament, widerlegt werden. Und was die Institution angeht, so sollte jeder aus eigener Erfahrung wissen, dass ein erträgliches Zusammenleben – schon in der Familie – Ordnungen und Regelungen, ja eine Abstufung von Befugnissen, eine gewisse Hierarchie erfordert. Dass sich auch negative Entwicklungen einstellen können, ist angesichts der Unvollkommenheit des Menschen prinzipiell unvermeidbar. Die Memoirenliteratur ist voll mit schlimmen Erinnerungen: die Familie als Gefängnis, der Vater als Tyrann usw. Ich weiß noch aus Berichten alter Friedensauer von stillem Leid. Doch wie sieht es in den „geistgeleiteten Bewegungen“ aus? Dort also, wo man der Institution scheinbar nicht bedarf? Ich bin froh, mich nicht nur auf Bücher stützen zu können, sondern auch und vor allem auf eigene Beobachtungen. Zugespitzt formuliert: entweder Chaos oder ein „big man“, zu dem die anderen aufblicken. Ich gestehe, dass ich eine Institution „charismatischen Leitern“ vorziehe. Zur Illustration: Karl Barth lehnte den Eid auf den „Führer“ ab, erklärte aber, dass er zur Eidesleistung auf Kaiser Wilhelm II. bereit gewesen wäre. Die Befugnisse des Kaisers waren institutionell definiert und begrenzt. Hitler dagegen verlangte die absolute Unterwerfung (gegen das Erste Gebot). Darum war der Nationalsozialismus trotz der Überfülle von (sich vielfach überschneidenden) Institutionen in der Tat eine Bewegung. Martin Bormann, des Diktators rechte Hand, gefragt, was der Nationalsozialismus sei, antwortete zutreffend: „Der Wille des Führers.“ Bewegung ist im Kern nicht-institutionell, anti-institutionell. Der Ausdruck „Adventbewegung“ ist sachlich falsch. (Man verzeihe den derben historischen Vergleich, aber mitunter hilft das Derbe zur Verdeutlichung.) Übrigens besteht in der Adventgemeinde ein Widerspruch zwischen der weitverbreiteten Abwertung des Amtes und dem feierlichen, hierarchisch geordneten Ritus der „institutio“, wörtlich Amtseinsetzung. Dieser Ritus ist nicht Formsache, sondern das Zeichen für die göttliche Begnadung.Fragen wir schließlich: Wie war das am Anfang, in der Urgemeinde (verstanden als die Gemeinde des 1. Jahrhunderts)? Jesus hat Kirche und Amt begründet (so schon Mt 16,17-19). Die Apostel haben die institutionelle Ordnung fortgeführt (Diakone, Presbyter/Episkopen). Freilich, das spontan charismatische Element (Prophetie, Heilungen) trat in den Hintergrund. Das Charisma schlechthin ist der Gemeinde Jesu Christi immer erhalten geblieben. Trotzdem wird deutlich: Die Vermittlung von Amt und Charisma ist ein Problem der Kirche. Und dieses Problem ist mit der Selbstetikettierung „prophetische Bewegung“ nicht aus der Welt zu schaffen. Die Kirche (oder Freikirche oder auch „Amtskirche“) muss freiheitlich bleiben: Freie Auseinandersetzung ist die Vorbedingung für das Wirken des Geistes. Die Freiheitlichkeit darf nicht nur einfach auf subjektivem Wohlwollen beruhen, sie muss institutionell verankert sein. Angst – vor „denen da oben“ oder „denen da unten“ – ist Gift für die Kirche. Nur in einer Atmosphäre innerer Freiheit kann Kirche „ecclesia semper reformanda“ bleiben: eine sich ständig reformierende. |
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