Archäologie – Die Zahl „Sieben“ im Alten Orient

von Friedbert Ninow

Sieben

Dies ist der Titel eines neuen Bu­ches, das der studierte Theologe und Altorientalist Gotthard G.G. Reinhold herausgegeben hat. Es stellt die Frucht eines jahrelangen Interesses für dieses Thema dar. Das wird schon deutlich an der Anzahl der Beiträge, die der Herausgeber selbst verfasst hat (11 von 16). Neben diesen finden sich fünf weitere Beiträge von Viktor Golinets (er promoviert zur Zeit am Altorientalischen Institut der Universität Leipzig), Birgit Maria Kahler (sie studierte Vorderasiatische Archäologie in München), Carol L. Meyers (Professorin für Religionswissenschaft an der Duke University in North Carolina, USA; sie ist Kuratorin der American Schools of Oriental Research, des Albright Institute of Archaeological Research in Jerusalem und der Dead Sea Scrolls Foundation), Peter van der Veen (er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Studiengemeinschaft Wort und Wissen; er promovierte in Bristol, England, mit einer Arbeit über Beamtensiegel aus Israel und Jordanien) und Udo Worschech (Professor emeritus für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Theologischen Hochschule Friedensau).

Dieses Buch versucht das Thema der Heptaden bzw. der „Siebener-Zahlen“ oder „-Reihen“ und ihrer Symbolik in der altorientalischen Umwelt und in ihrem biblischen Kontext darzustellen. Aufgrund der Autorenauswahl wird ein besonderes Augenmerk auf das archäologische Fundmaterial gelegt, das sich mit der Siebenzahl in Verbindung bringen lässt: Abbildungen auf Keramiken, Siegeldarstellungen, Intarsienarbeiten, Abbildungen auf Keilschrifttafeln, Tonlampenverzierungen, Münzprägungen, Felszeichnungen, Reliefdarstellungen und vieles mehr. Im biblischen Textzeugnis werden die „Siebener-Zahlen“ im Kultleben des Alten Testaments, in Erzählungen, Kampfberichten, Psalmen und Sprüchen, in prophetischen Texten (des AT und NT) sowie in der Struktur biblischer Texte aufgespürt und analysiert.

Nach einer sehr kurzen Einführung des Herausgebers zur Zahl Sieben in Natur und Kosmos widmet sich Peter van der Veen der Darstellung der Plejaden, die in der Ikonographie altorientalischer Siegel und anderer Artefakte in Form von sieben Punkten vorkommen. Es folgen drei kleine Beiträge G.G.G. Reinholds zur Zahl Sieben und der Thronvorstellung im Alten Orient und im Alten Testament, zur Zahl Sieben als Zahl der Vollendung (Sabbat) und zur Zahl Sieben im Kultleben des Alten Testaments und der altorientalischen Umwelt. Carol Meyers liefert einen Forschungsüberblick zu den Öl-lampen mit sieben Dochthaltern, die eine gesonderte Form von Lampen in Palästina bildet.

Der Beitrag Reinholds zur Zahl Sieben als heptadische Frist zeigt, dass diese festgesetzten Zeitperioden bzw. Wartezeiten vor allem im Alten Testament eine besondere Rolle spielen: z.B. die siebentägige Frist bis zur Sintflut (Gen 7,4,10); sieben fette und sieben magere Wirtschaftsjahre Ägyptens (Gen 41); siebenmaliges Sprengen des Opferblutes an den Vorhang im Heiligen (Lev 4,6.17; 8,11; 16,11; Num 19,4); Bileam opfert auf sieben Altären (Num 23); Saul wartet sieben Tage (1 Sam 10,8; 13,8); Israel wartet sieben Monate auf die von den Philistern geraubte Bundeslade (1 Sam 6,1); beim siebten Mal meldet der Diener dem Propheten Elia die „kleine Wolke“ am Horizont (1 Kön 18,43 f.); nachdem der Junge der Sunamitin  sieben Mal geniest hat, schlägt er die Augen wieder auf (2 Kön 4,35); das Fieber verlässt den Sohn des königlichen Beamten in der siebten Stunde (Jo 4,52); Ps 90,10 spricht von einem siebzigjährigen erfüllten Leben.

Neben der Zahl Sieben in Verbindung mit alttestamentlichem Bundesschluss, Bundesbruch und Unterwerfung wird in dem Beitrag zur Zahl Sieben als Vollzahl der Gruppe deutlich, wie präsent das heptadische Konzept auch im Alten Testament verankert ist: In Gen 4,17 werden sieben Urväter, in Gen 10,22 sieben Söhne Japhets bzw. siebzig Nachkommen von Sem, Ham und Japhet erwähnt; von den reinen Tieren durften je sieben Paare in die Arche (Gen 7,2.3); sieben Söhne bzw. Töchter hatten Jethro (Ex 2,16), Isai (1 Sam 16,10), Saul (2 Sam 21,9), Josaphat (2 Chr 21,2) oder Hiob (Hi 1,2; 42,13); Gen 46,27 spricht von den siebzig männlichen Familienangehörigen, die nach Ägypten kamen; Num 11,24 von siebzig Ältesten; Gideon hatte siebzig Söhne (Ri 8,30); 2 Kön 10,1 spricht von siebzig Söhnen und Enkeln Ahabs, die in Samaria wohnten; der kanaanäische König Adoni-Besek hatte siebzig Königen die Daumen und die großen Zehen abhauen lassen (Ri 1,7); Salomo hatte 700 Frauen, die aus fürstlichen Häusern kamen (1 Kön 11,3); 700 Mann des moabitischen Königs, die sich gegen Edom wenden wollten (2 Kön 3,26); 7.000 Menschen, die nicht vor Baal in die Knie gefallen waren (1 Kön 19,18); 7.000 Mann Kriegsvolk der Israeliten unter Ahab (1 Kön 20,15); 70.000 Lastenträger Salomos (1 Kön 15).

In ihrem Beitrag untersucht Birgit Kahler eine bemerkenswerte Rollsiegeldarstellung eines Vierfüßers mit sieben Schlangenköpfen von Tell Asmar im heutigen Irak. In einem weiteren Beitrag des Herausgebers wird die biblische Simson-Geschichte, die gleich mehrere Motive mit der Siebenzahl aufweist, auf ihren religionsgeschichtlichen Hintergrund untersucht. Udo Worschech bereitet in seinem Beitrag zum Ursprung und Inhalt der biblischen Apokalyptik den Boden für Reinholds folgenden Beitrag zur Zahl Sieben als umfassende prophetische Zeiteinheit. Hier setzt sich der Herausgeber vor allem mit der Zahl Sieben als latente Gerichtszahl im Buch Daniel, den siebzig Jahrwochen und der Zahl Sieben in der neutestamentlichen Apokalypse auseinander. Viktor Golinets untersucht in seinem Beitrag biblische und altorientalische Namen auf die Frage hin, ob die Zahl Sieben in semitischen Onomastika vorkommt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Zahl Sieben in keinem der bis jetzt untersuchten Namen nachgewiesen werden kann.

Den Abschluss bildet noch einmal ein Beitrag des Herausgebers G.G.G. Reinhold zur Zahl Sieben im biblischen Text. Er verweist auf das Vorkommen der Siebenzahl sowohl in der alttestamentlichen Weisheit („Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hat, welkt dahin“ [1 Sam 2,5]; „Ein Fauler dünkt sich weiser als sieben, die da wissen zu antworten“ [Spr 26,16]) als auch in altorientalischen Texten.

Schon lange ist auf die Forschungslücke einer grundlegenden Arbeit zur Zahl Sieben im Alten Orient hingewiesen worden. Der vorliegende Band füllt dieses Desideratum nicht aus. Dazu sind viele Beiträge zu kurz und reißen den Diskussionsrahmen nur auf. Wer sich dem Thema zum ersten Mal nähert, findet in diesem Band jedoch eine gute Möglichkeit, sich mit den verschiedenen Fragestellungen vertraut zu machen. Die Literaturangaben dieses Bandes stellen einen guten Ausgangspunkt für das eigene Weiterstudium dar. Das Buch ist im Peter Lang Verlag erschienen.

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