Sozial- und Gesundheitsmanagement im Kontext gesellschaftlicher Bedarfslagen

von Silvia Hedenigg

Managementqualifikationen nehmen auch im Sozial- und Gesundheitswesen zunehmend einen höheren Stellenwert ein. Denn die Veränderungen, mit denen unsere Gesellschaft gegenwärtig konfrontiert ist – wie etwa der demografische Wandel, weiterhin abnehmende familiäre und nachbarschaftliche Netzwerkstrukturen und Auswirkungen der Globalisierung auf die Volkswirtschaft –, nehmen unmittelbar Einfluss auf Sozial- und Gesundheitsberufe. Daraus resultiert ein zielgruppen- und methodenbezogener Spezialisierungs- und Professionalisierungsbedarf, der mit adäquaten Angebotsstrukturen einhergehen muss. Innovative und effiziente Managementansätze sowie Initiativen der Existenzgründung können als Antworten zu deren Umsetzung betrachtet werden.

Die Bereitstellung entsprechend qualifizierter Führungspersönlichkeiten ist als klarer Auftrag an den tertiären Bildungssektor, speziell im Bereich der Sozialarbeits- und Gesundheitswissenschaften zu werten. Sie entspricht auch der in angloamerikanischen Ländern bereits erfolgten Akademisierung der Ausbildung in den Sozial- und Gesundheitsberufen. Dabei stellen  Sach-, Methoden-, Sozial- und Reflexionskompetenzen Schlüsselqualifikationen für flexible, kreative und effiziente Lösungen dar. An der Theologischen Hochschule Friedensau wird die allgemeine gesellschaftliche Analyse bzw. Prognose absehbarer Folgen der genannten wirtschaftlichen und soziodemografischen Entwicklungen als Bildungsauftrag jedoch bewusst weiter gefasst. So wird dieser darin gesehen, ein Ausbildungsangebot vorzuhalten, bei dem „Management“ neben aller Fachkompetenz von Zuwendung und Mitmenschlichkeit geleitet wird. Gestalten, Leiten und Führen sollen am Nächsten orientiert und von einer an seinen Bedürfnissen ausgerichtete Werteorientierung geleitet werden.

Qualifikationsziele

Der Masterstudiengang Sozial- und Gesundheitsmanagement (SGM) qualifiziert Ab­solventen für Führungs- und Leitungsaufgaben im Sozial- und Gesundheitswesen. Die Zielrichtung in den Sozial- sowie in den Gesundheitsbereich soll einerseits eine höhere Flexibilität der Absolventen gewährleisten, andererseits der bedarfsorientierten Schnittmenge inhaltlicher und methodischer Anwendungsbereiche von „Sozialem“ und Gesundheit“ gerecht werden. Dieser Konzeption liegt die prognostizierte Annahme zugrunde, dass in diesen gesellschaftlichen Aufgabenfeldern ein breiter Entwicklungs- und Arbeitsmarkt besteht, für den es kompetenter Führungs- und Gründerpersönlichkeiten bedarf.1

Somit bestehen die Lernziele des Masterstudiengangs in einer Sach- und Methodenkompetenz betriebswirtschaftlich fundierten Managements. Bezogen auf die beiden Anwendungsfelder im Sozial- bzw. Gesundheitssystem umfassen diese insbesondere auch sozial- und unternehmensethische Führungskompetenzen, die Absolventen dieses Studiengangs in der Umsetzung der erworbenen theoretischen Kenntnisse auszeichnen.

Berufsfeldorientierung des Studiengangs

Aufgrund der skizzierten Einschätzung erwartbarer sozioökonomischer Entwicklungen und Herausforderungen, die Fach-, Methoden-, Sozial- und Transferkompetenzen voraussetzen, liegen die Schwerpunkte des Studiengangs in der Ausbildung von „Managementkompetenzen“, also u.a. in „Führung, Leitung und Innovation“, jedoch unter speziell betriebswirtschaftlichen Komponenten der (Non-) Profit-Bereiche „Gesundheit“ und „Soziales“. Diese sind einerseits zielgruppenspezifisch (etwa Zielgruppen, die der gesellschaftlichen Exklusion  anheimfallen könnten), andererseits hand­­lungs- und methodenorientiert konzipiert. Dabei charakterisieren insbesondere Betriebswirtschaftslehre, Organisationsentwicklung, Personalmanagement, Führung und Existenzgründung neben den entsprechenden Vertiefungen in Recht den Studiengang „Sozial- und Gesundheitsmanagement“. Konkret stel­­len sich die Berufsbilder beispielsweise folgendermaßen dar:

  • Management, Bereichs-, Projekt-, Teamleitung in lebensweltersetzenden, -unterstützenden oder -ergänzenden Angebots- und Versorgungsstrukturen der Sozialen Arbeit bzw. gesundheitsbezogener Dienstleistungen; insbesondere hinsichtlich der Organisations- und Personalentwicklung, fachlich-methodischer Profilbildung etc.  (Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Sozialen Hilfe, von Sozial- und Gesundheitsdienstleistungen; z.B. in der Gesundheitsförderung und Prävention, der Suchtberatung, in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen; Senioreneinrichtungen, Hospizdiensten etc.)
  • Entwicklung, Implementierung und Leitung innovativer Konzepte im mobilen, ambulanten oder teilstationären Bereich (z.B. Mehrgenerationenprojekte, Bildungsprojekte; Projekte im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention, Hospizprojekte etc.)
  • Öffentlichkeitsarbeit, Beratungstätigkeit/Coaching von Einrichtungen, politischen Entscheidungsträgern etc.

Das Curriculum des Studiengangs

Das Curriculum weist eine klare Präzisierung der Managementkomponenten (Betriebswirtschaftslehre, Managementkonzepte, -instrumente, Operationalisierungsstrategien, Methoden etc. sowie Führungs- und Leitungsansätze, deren systemisch-psychologische Zusammenhänge etc.) sowie eine ausgewogene Bezugnahme auf die beiden Anwendungsbereiche im Sozial- und Gesundheitswesen auf. Konkret erfolgte diese anhand der Teilbereiche Management, Führung, personale und soziale Kompetenz, Recht, Wissenschaft und Forschung, Zielgruppen und Handlungsfelder im Sozial- bzw. Gesundheitsbereich, Geistes- und Humanwissenschaften und Praktika.

Das vorhandene Wissen der Studierenden wird im Masterstudiengang Sozial- und Gesundheitsmanagement dahingehend vertieft bzw. erweitert, dass durchgängig eine curriculare Bezugnahme auf den Sozial- bzw. Gesundheitsbereich stattfindet. Speziell zeichnet sich diese Ausrichtung in den Modulen SOZIAL- und GESUNDHEITSmanagement ab, die in einem umfassenden Modulkonzept jeweils Fach- und Methodenkompetenzen vertiefen. Des Weiteren ist ein Modul vorgesehen, das das theoretische Konzept der Exklusion bzw. Inklusion sowohl im Sozial- als auch Gesundheitsbereich behandelt. Neben der Zielgruppenorientierung werden insbesondere personale und soziale Kompetenzen sowie ethische Grundlagen in entsprechenden Modulen erweitert und vertieft. Ein weiterer, speziell im Forschungskontext relevanter Vertiefungsbereich ist in dem Modul „Komplexe empirische Sozialforschung“ abgebildet.

Instrumentale Kompetenzen, die eine Wissenserschließung beinhalten, werden in den betriebswirtschaftlichen Management-, Führungs- und Projektmodulen vermittelt, die alle Anwendungsbereiche  im Gesundheits- und Sozialsystem durchdringen.  Systemische Kompetenzen, die als Schlüsselkompetenzen dieses Studiengangs zu werten sind, finden ihre Relevanz in dem umfassenden Modul der „Autopoiese, Selbstständigkeit und Innovation“ sowie durch interdisziplinäre Projektarbeit, sowohl in einzelnen Lehrveranstaltungen als auch in den zugrunde gelegten Konzepten. Kommunikative Kompetenzen werden als eine der Grundvoraussetzungen eigenverantwortlicher Tätigkeiten in der Wissenschaftslandschaft und im Berufsfeld betrachtet. Präzise wissenschaftliche Kommunikationskompetenzen werden neben dem allzeit gängigen Kommunikationsanspruch der Lehrenden speziell in der Lehrveranstaltung der komplexen empirischen Sozialforschung, dem Forschungskolloquium sowie in allen Leistungsnachweisen (wissenschaftliche Arbeiten, Referate, Präsentationen) eingefordert und in explizitem Feedbackgespräch erörtert. Soziale Kompetenz, Leitungs- und Führungsinstrumente sind des Weiteren Module, in denen kommunikative Kompetenz vermittelt und geschult wird.

Weiterentwicklung des Gesundheitsschwerpunktes an der ThH Friedensau

Mit der Hinwendung zu gesundheitsbezogenen Themen nimmt die Hochschule eine langjährige Tradition trägerinterner Werteorientierungen in ihr aktuelles Angebot auf. Darin drückt sich eine klare strategische Zielrichtung der Hochschule aus, die neben dem Masterstudiengang SGM den bereits in Kooperation mit dem Krankenhaus Waldfriede (Berlin) in Planung befindlichen B.A.-Studiengang Gesundheits- und Pflegewissenschaften umfasst.

Mit dieser hochschulpolitischen Entscheidung wird ein zentraler Aspekt gegenwärtiger gesundheitswissenschaftlicher Erkenntnisse aufgenommen, nämlich die Bedeutung von Gesundheitsförderung und Prävention. Diesem salutogenetischen Ansatz entspricht nicht nur traditionelles, auf Gesundheit ausgerichtetes adventistisches Gedankengut, wie es sich in hochaktuellen Programmschwerpunkten wie NEW START und CELEBRATION widerspiegelt, sondern auch gesundheitsökonomische Überlegungen, die durch den Einsatz gesundheitsfördernder Maßnahmen ein Einsparpotenzial von 20 bis 30% im medizinischen Versorgungssektor prognostizieren.2

Neben diesen auf Gesundheitsförderung und Prävention ausgerichteten Bestrebungen spiegelt sich die Ausrichtung Friedensaus ebenso in dem Neben- und Miteinander von Hochschule und altersbezogenen Versorgungsstrukturen wie dem Seniorenheim und dem Betreuten Wohnen wider. Beide Einrichtungen kooperieren intensiv in Form von Arbeitsmöglichkeiten für Studierende, Praktika und Anstellungsmöglichkeiten in diesem geriatrischen Anwendungsfeld.

Zusammenfassend kann somit der M.A.-Studiengang Sozial- und Gesundheitsmanagement als ein Angebotselement eines langfristig ausgerichteten hochschulpolitischen Strategieziels betrachtet werden.

Sozial- und Gesundheits­-management als neues Studienangebot an der ThHF

Mit der Etablierung des Masterstudiengangs SGM reagiert die Hochschule bedarfsorientiert auf gegenwärtige Veränderungen soziodemografischer Strukturen der Gesellschaft und deren Implikationen für den Bildungssektor. So drückt sich die Bedeutung, die dem Ausbau dieses Schwerpunkts zukommt, u.a. in der raschen Aufnahme des Studienbetriebs im Wintersemester 2008/ 2009 aus.

Nach den Einschätzungen des ersten Studierendenjahrgangs erfüllt das Stu-dienangebot weitgehend die Erwartungen der Studierenden. Auch aus Sicht der Hochschule ermöglicht das Arbeiten in kleinen Gruppen  eine optimale Kombination der Vorgaben durch den Studienverlaufsplan und das Modulhandbuch mit den individuellen beruflichen Hintergründen der Studierenden und ihren Interessensschwerpunkten. Die bisher angebotene Struktur berufsbegleitenden Studierens ergibt eine konstruktive und bereichernde Atmosphäre theoretischer und praktischer Inputs, die eine persönliche, inspirierende Lehr-/Lernatmosphäre zwischen Studierenden und Dozenten schafft. Ab dem Wintersemester 2009/ 2010 wird – unter der Voraussetzung entsprechender Anmeldungen – sowohl ein berufsbegleitender (sechs Semester) als auch ein Präsenzstudiengang (vier Semester) SGM angeboten werden. Damit soll einerseits weiterhin berufstätigen Studierenden die Möglichkeit einer akademischen Weiterqualifizierung eröffnet werden, andererseits Interessenten, die unter Umständen durch den Masterabschluss einen Wiedereinstieg in den Beruf planen – eine Überlegung, die sicherlich insbesondere für Frauen ein attraktives Angebot darstellen kann.

Der Studiengang SGM ist das Resultat eines wohl durchdachten internen Qualitätsentwicklungsprozesses an der ThHF. Die Umsetzung im ersten Studienverlaufsjahr trägt sicherlich in der einen oder anderen Form auch Pioniercharakter. Dennoch sind wir und die Studierenden von dieser Entwicklung uneingeschränkt überzeugt und würden uns freuen, mit unserem Angebot die weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen jeweils in den einzelnen Wirkungs- und Verantwortungsbereichen mitgestalten zu können.

1 Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen „Kooperation und Verantwortung. Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung“, Gutachten, 2007 Kurzfassung; S.22; Heike Korzilius, Samir Rabbata, KBV Kontrovers: „Ärzte können nicht alles selbst machen“, Deutsches Ärzteblatt 2008, 105 (45): A-2360;  FAZ, Beruf und Chance, 15./16.11.2008, Nr. 268. C1 ff.

2 G. Bäcker et al.: Wiesbaden 2008, S.108.Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland, Wiesbaden.

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