Die Wurzeln der Beratung

von Andreas Bochmann

Beratung (Counseling) wird seit etlichen Jahren in Friedensau als Masterstudiengang angeboten. Der Begriff „Beratung“ führt oft zu Unsicherheiten und Fragen. Dabei ist Beratung nicht wirklich etwas Neues. In Deutschland hat Beratung eine lange Geschichte mit ganz unterschiedlichen Wurzeln. In jüngster Zeit ist es vor allem die Deutsche Gesellschaft für Beratung (DGfB), die tonangebend im Beratungssektor tätig ist. Doch dieser 2004 gegründete Berufsverband ist noch recht jung. Er stellt einen  Zusammenschluss vieler Organisationen dar, die bereits sehr viel länger bestehen. Versucht man die unterschiedlichen Wurzelstränge herauszuarbeiten, so lassen sich mindestens drei Ursprungslinien erkennen.

Psychotherapie

Da ist zum einen die Psychotherapie. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Heilkunst für seelische Nöte von einem ursprünglich medizinischen Modell mit Ärzten wie Sigmund Freud, Alfred Adler oder Carl Gustav Jung zu einer ganz eigenen Disziplin, die heute überwiegend von Diplompsychologen mit therapeutischer Zusatzausbildung ausgeübt wird. Neben den tiefenpsychologischen Ansätzen hat sich zunehmend die Verhaltenstherapie durchgesetzt, über die erreicht werden soll, Fehlverhalten (oder auch falsches Denken) mit Hilfe von Lernprozessen zu verändern. Alle (manchmal sogar gegensätzlichen) psychotherapeutischen Ansätze haben ein gemeinsames Anliegen: Sie wollen heilen, gehen also von einem Krankheitsmodell aus. Zwar ist das in der Beratung nicht der Fall, doch die Methoden und Denkweisen der Psychotherapie sind auch in der Beratung wiederzufinden.

Pädagogik

Eine weitere Wurzel der modernen Beratung findet sich in der Pädagogik – jenseits jeglicher Psychotherapie. So verstanden sich Beraterinnen und Berater als Wegweiser (davon zeugt auch der englische Begriff „Guidance“), die erzieherisch-bildend versuchten, Hilfestellung und Aufklärung zu geben – übrigens z.T. ganz buchstäblich: Die ersten Beratungsstellen in Deutschland dienten ganz wesentlich der Sexualkunde für Erwachsene. Auch die Berufsberatung, die eine ganz eigene Entwicklung und Geschichte hat, lässt sich hier einordnen. Durch Gespräche und Testverfahren sollte bei der Wahl des richtigen Berufes geholfen werden. Auch dieser Einfluss ist in der Beratung bis heute sehr deutlich.

Der pädagogische Einfluss lässt sich vor allem daran ablesen, dass Beratung in Deutschland überwiegend als eine spezialisierte Weiterbildung für Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gesehen wird. Fast alle Studiengänge, die in diesem Bereich in Deutschland angeboten werden, wenden sich in erster Linie an diese Zielgruppe. Auch der Studiengang in Friedensau sieht ein Studium in Sozialpägdagogik als guten Einstieg – aber keineswegs als den einzigen Zugang. Gerade der interdisziplinäre Charakter der Beratung macht es sinnvoll, auch Quereinsteiger aus völlig anderen Wissenschaftsdisziplinen zu ermutigen und zum Studium zuzulassen.

Seelsorge

Die älteste Wurzel der Beratung wird in der gegenwärtigen Literatur gerne übersehen, obwohl sie im Beratungsalltag stetig an Bedeutung zunimmt. Lange vor der Psychotherapie und den modernen pädagogischen Konzepten gab es die Seelsorge, die Menschen zum Leben befähigen sollte. Mit Ritualen wie Schuldbekenntnis und Absolution, Segnung oder klarem Zuspruch von Evangelium wurde Menschen über Jahrhunderte hinweg geholfen, Nöte zu ertragen, sich im Leid nicht verloren und verlassen zu fühlen, den Blick nach vorne zu wenden. Dieser Beistand in der Seelsorge – das gemeinsame Aushalten der Not vor Gott – ist Teil der Lebensbewältigung, die wieder mehr denn je gefragt ist, wie nicht zuletzt bei Katastropheneinsätzen von Notfallseelsorgern deutlich wird.

Beratungswissenschaften an einer Theologischen Hochschule bietet die in Deutschland in dieser Form einmalige Gelegenheit, diese seelsorgerliche Wurzel der Beratung nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu akzentuieren. Ohne dass alle Studierenden im M.A. Counseling zwangsläufig christlich orientiert sein müssten, wird doch ein biblisches Menschenbild als Grundlage der Arbeit gelehrt und diskutiert und die Frage der Spiritualität sowie der Ethik in der Beratung in den Ausbildungsprozess integriert.

Der Studiengang M.A. Counseling

In Friedensau kommen so die unterschiedlichen Wurzeln der Beratung zur Geltung und wird Beratungswissenschaft interdisziplinär und methodenplural verstanden. Für den Schwerpunkt Ehe-, Familien-, Lebensberatung bedeutet dies ein breites Spektrum von tiefenpsychologischen über verhaltenstherapeutischen bis hin zu systemischen Ansätzen, die aber gerade auch im präventiven Bereich eingesetzt und immer wieder auch theologisch reflektiert werden. Im alternativ angebotenen Schwerpunkt Musiktherapie geht es bei Weitem nicht nur um ein Interventionsinstrumentarium (ganz wörtlich) für die Behandlung psychischer Störungen, sondern vor allem um spezielle Kompetenzen im sozialpädagogischen Bereich, z.B. für Kinder- oder Seniorenarbeit.

Wir wünschen uns Studierende, die zu den unterschiedlichen Wurzeln gerne und neugierig „ja“ sagen und diese Vielfalt als Reichtum erleben. Sie werden durch das Studium wachsen und neue Zweige der Arbeit und beruflichen Ausrichtung entwickeln und entfalten und für Kirche und Gesellschaft einiges an Früchten tragen.

>>zurück