Diakonie als gelebte Spiritualität
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In christlicher Tradition bedeutet das Wort Spiritualität ursprünglich Frömmigkeit, und das meint überhaupt das Leben von Christinnen und Christen mit Gott. „Verstehen wir ,Spiritualität’ älterem christlichen Sprachgebrauch folgend, als ,geistliches Leben’, dann treffen wir auf Formen, die dieses Leben prägen und in denen es in Erscheinung tritt. Spiritualität meint das geistliche Leben aller Christen, nicht die Virtuosität einer religiösen Elite. Niemand wird sich den Grad der Komplexität seines geistlichen Lebens wählen können. Spiritualität kann nicht gesucht werden, sie ist ursprünglich wie das Leben selber, ja sie ist die Ursprungsform des Lebens mit Gott. Zum geistlichen Leben gehört das Gebet, die Feier der Gegenwart Gottes im Gottesdienst und das fortdauernde Bibellesen, die lectio continua. Aus der Verschränkung dieser Lebensform mit ihren Rhythmen und Pausen, ihrem Wechsel von Hören, Reden und Schweigen, den Gebärden des Gestelltseins vor Gott und der Zuwendung zueinander in diesem Stehen vor Gott: Aus alledem bildet sich das Wahrnehmungsgefüge des Glaubenslebens, das Bestimmtes zu erkennen glaubt.“1 Der Spiritus (lateinisch; hebräisch: ruach; griechisch: pneuma), der Geist Gottes, bewirkt das, was das Wort sagt. Wort und Geist gehören auf das Engste zusammen. Das ist ein wesentliches Kennzeichen christlicher Spiritualität: Wort und Geist. Zu entdecken und zu erkennen ist dies beispielhaft an der Verkündigungsszene, an dem Wort des Engels an Maria und der Wirksamkeit des Wortes. „Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; daher wird auch das Heilige, das gezeugt wird, Sohn Gottes genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, auch sie erwartet einen Sohn in ihrem Alter; und dies ist der sechste Monat für sie, die unfruchtbar hieß. Denn ,kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein’. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach deinem Wort! Und der Engel schied von ihr“ (Lk 1,35–38, Zürcher Bibelübersetzung). Der Geist Gottes bewirkt das an und in Maria, was das schöpferische Werk Gottes (creatura verbi) sagt. Indem das Wort gesagt und von Maria aufgenommen und angenommen wird (das „Ja“ der Maria), empfängt sie das Kind Jesus. Das Kind wird in ihr auf menschliche Weise. Aber damit dieser Jesus werden kann, braucht es die Bereitschaft Marias, ihn in sich werden zu lassen, mit dem Schöpfer mitzuwirken. Spiritualität umfasst das ganze LebenSpiritualität umfasst das ganze Leben, nicht nur einen abgetrennten Raum besonderer Innerlichkeit. Insofern müssten wir vorweg sagen, dass in diesem Sinn die Diakonie zur christlichen Spiritualität dazugehört, innerhalb dieses Lebens mit Gott steht, zum Leben von Christinnen und Christen mit Gott gehört, nicht aber umgekehrt, etwa so: dass man zum diakonischen Handeln auch noch eine „spirituelle Kompetenz“ braucht. Als Christin oder Christ mit Gott zu leben meint, ganz zentral diakonisch zu leben, etwa dem Wort Jesu folgend: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Was mit dem Gesetz Christi gemeint ist, wollen wir versuchen herauszufinden. Wir verbinden in unserem Alltagsverständnis mit dem Wort Gesetz eher Normativität, Zwang, aber wir werden sehen, dass vom Gesetz zu sprechen gerade mit Freiheit zu tun hat. Gottes Handeln und unser Handeln – Ethik der guten Werke?Spiritualität hat damit zu tun, dass wir alle Empfangende sind, immer wieder, nicht nur einmalig – nun gerade auch bei unserem diakonischen Handeln. Das heißt, dass wir Gott an uns handeln lassen – durch den Geist Gottes bewirkt – immer wieder neu unser Leben empfangen, die Mitmenschen empfangen, Gutes empfangen, uns trösten lassen und Weisungen für unser Menschsein in der Welt empfangen. Christinnen und Christen leben bei allem, was sie selbst tun, in der Erwartung des Handelns Gottes. So zu sprechen bedeutet, von der Fülle des Menschseins und von dem Reichtum des Glaubens zu sprechen – nicht aber von Enge, Sparsamkeit, Bescheidenheit und Moral. Christliche Ethik ist keine formale Pflichtethik, wie sie der Philosoph Immanuel Kant lehrte und wie sie in unser Recht Eingang gefunden hat. Wir müssen Gott an uns handeln lassen, auch im Hinblick auf die guten Werke, und Gott handelt an uns durch seinen Geist (spiritus). Gott schafft unser Heil und will es immer wieder neu schaffen, so auch das Heil für die Menschen, mit denen wir zu tun haben, auch für die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Wir können helfen und beten, aber nicht das Heil für sie schaffen. Verstehen wir das ruhig als eine heilsame Begrenzung unseres eigenen Tuns, aber auch als große Bereicherung unseres Glaubens für die Menschen, mit denen wir zu tun haben: Wir können sie Gottes Heil schaffendem Handeln anvertrauen. So werden wir von Gott immer wieder neu erschaffen, gute Werke zu tun, nun aber gerade nicht als unsere Leistung verstanden oder um uns einen Verdienst bei Gott zu erwerben. Es geht nicht um unsere Ehre, vielmehr um die Ehre Gottes. Ein Jesuswort macht dies deutlich: „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, preisen“ (Mt 5,16). Paulus drückt das in seiner theologischen Sprache so aus, wenn er von dem neuen Menschen spricht: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Jesus Christus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen“ (Eph 2,10). Hier wird deutlich, dass die guten Werke nicht unsere Produkte, unsere Leistungen sind, sondern von Gottes Geist gewirkt werden – auch ohne dass wir das so recht verstehen können. Gott hat das Gute bereitet, nicht wir erfinden das Gute sozusagen als das gute Leben oder fragen nach dem, was dem Leben dient. Das Gute ist bereitet, geschaffen. Es ist durch Christus in die Welt gekommen. Davon und darin zu leben, macht die Spiritualität des diakonischen Handelns aus. „Die guten Werke sind die uns gegebenen Gelegenheiten des Wandelns in der Erwartung Gottes. Die guten Werke sind die Orte und Gelegenheiten, denen wir uns anvertrauen, wenn wir denn nicht darauf aus sind, selbst – also wir selbst – gut zu sein oder etwas Gutes hervorzubringen, das Gute zu realisieren, also ein Leben auf Bewährung zu führen … Es geht darum, dass wir in allem, was wir tun oder empfangen, der Treue Gottes gegenwärtig bleiben, seiner Zuwendung, und unser Vertrauen auf nichts anderes setzen, dass sich unser Vertrauen … schließlich doch auf das Gute richtet, das wir vor Augen haben, das wir erstreben, auf das wir uns berufen, das uns leitet.“ 2 An anderer Stelle spricht Paulus von den Früchten des Geistes, den Früchten, man könnte auch von den Auswirkungen des Handelns Gottes, des Wirkens des Geistes sprechen. „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht“ (Gal 5,22). Was unsere Freundlichkeit an den anderen bewirkt, was unsere Geduld beim anderen bewirkt, sollen wir dem Geist Gottes überlassen, und das heißt auch, dass sich das nicht einfach evaluieren, überprüfen lässt, zum Beispiel durch Kirchenbeitritte, Bekehrungen, Spenden. Kirchliche Aktivität, die ganz auf Werbung in der Öffentlichkeit setzt, irrt meines Erachtens theologisch, jedenfalls im Hinblick auf das Wirken des Geistes Gottes, der frei ist in seinem Wirken. Die bestimmten guten WerkeGute Werke in den Blick zu nehmen heißt, nicht nur von Verantwortung oder von der rechten Gesinnung zu reden, sondern ganz bestimmte gute Werke zu betrachten, wie Jesus sie zum Beispiel in der Gerichtspredigt nennt: den (oder die) Hungrigen zu speisen, den Kranken zu besuchen, den Fremden aufzunehmen, dem oder der je konkreten einzelnen Person zum Nächsten zu werden, wie dies sehr schön in der Geschichte vom barmherzigen Samariter zur Sprache kommt. Es geht darum, jemand anderem zum Nächsten zu werden und jemand anderen als Nächsten an mir handeln zu lassen, nicht einfach für alle Menschen Verantwortung zu tragen. Das können wir gar nicht, das können wir uns nur einbilden. Jesus wird in der Gerichtspredigt sehr konkret: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Wir können die Welt nicht retten, den Menschen nicht das Heil schaffen, nicht alle Kranken besuchen, nicht alle Fremden beherbergen, wohl aber hier und jetzt diesen einen Menschen, mit dem wir zu tun haben. Das lehrt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. So sagt in dem Film Schindlers Liste am Schluss der jüdische Buchhalter zu Schindler, der sich Vorwürfe macht, dass er nicht noch mehr Menschen gerettet hat: „Wer ein Menschenleben gerettet hat, der hat die Welt gerettet.“ „Der Mensch kann das Gebot, das ihm gegeben ist, erfüllen. Denn es ist ihm für den Augenblick gegeben und immer nur für den Augenblick. Sein jeweiliger Nächster darf ihm alle Welt sein, sein jeweilig nächster Augenblick alle Ewigkeit vertreten.“3 Helfen verliert in diesem Jesuswort die Anonymität des Helfens: „Das habt ihr mir getan.“ So gesehen können wir sagen: Ein guter Mensch, der durch Christus geschaffene neue Mensch, bringt bestimmte gute Werke hervor, bewirkt durch den Geist Gottes. Aber Werke zu tun, macht den Menschen nicht gut. Heute wird in der Ethik viel vom guten Leben gesprochen. Was ist das gute Leben, und was können wir dazu beitragen, dass das Leben gut wird? Was kann ich tun, dass es der anderen, mit der ich zu tun habe, gut geht? Diese Fragen stellen wir uns manchmal, wenn wir andere Menschen liebevoll oder besorgt in den Blick nehmen. Aber auch hier müssen wir aufpassen. Was gut ist, kann nicht an einem Zustand der Welt oder des Menschen ermessen werden, den wir festlegen wollen. Tun wir es, dann lassen wir damit das Gute, das im Glauben von Gott zu erfahren, weiterzugeben und zu bezeugen ist, außer Acht. Was wir tun, gehört mit dem, was wir glauben, was wir hören und von dem wir uns prägen lassen, zusammen. Wir können anderen Menschen nicht das Heil schaffen, wir müssen sie darin Gott anvertrauen und selbst das tun, was uns im Vertrauen auf Gottes Werk zu tun bleibt, die bestimmten guten Werke, von denen im alttestamentlichen Glauben und von denen bei Jesus die Rede ist.Das Gebet als das besondere Kennzeichen christlicher SpiritualitätErkennen, was wir tun können und was wir nicht tun können, findet im Gebet zusammen: sich selbst an Gott abgeben, andere Menschen an Gott abgeben und Gott überlassen – und hören; Gott handeln lassen und sich neu senden lassen. In Abhängigkeit von Gottes Handeln zu leben, das hat Jesus gelebt. Er hat nicht eigenmächtig seine Rolle als Gottessohn ausgefüllt und eigenmächtig gehandelt, sich die Auszeichnung Gottessohn sozusagen durch das Tun von guten Werken verdient. Er hat sich in Abhängigkeit von seinem Vater gewusst und zu ihm gebetet, ihn um die Kraft gebeten und auch seine Verzweiflung zu Gott gebracht: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Vielleicht können wir diesen Satz auch so hören: „Lass mein Tun und meinen Lebensweg und meinen Tod einen Sinn ergeben.“ Jesus sagt am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jesus hat Gott an sich und den anderen Menschen handeln lassen und mit Gott zusammengearbeitet. Beim Beten wird deutlich, wie Gebet und Arbeit Hand in Hand gehen. Luther hat es so gesagt, dass Gott uns nicht die Arbeit abnehmen will, wohl aber die Sorge, die Sorge um das eigene Leben, das uns davon abhält, uns Gott und der Nächstenden und dem Nächsten zuzuwenden, aber auch die Sorge um die anderen Menschen. Ich bin immer überrascht, wie sehr das Thema Sorge nicht nur in der Bibel vorkommt, sondern auch bei großen Philosophen. Das Sorgen scheint hier das Kennzeichen menschlicher Existenz zu sein. Theologisch kann man sagen, dass die Sorge als Selbstbezüglichkeit des Menschen zu verstehen ist, die das Vertrauen zu Gott und die vertrauensvolle Hinwendung zu Gott versperren. Die Bibel nennt das Sünde. Der Mensch will sich nicht in Abhängigkeit von Gott sehen. Er will allein, selbstbestimmt, autonom sein Leben leben und nach eigenen Vorstellungen gestalten, und es darf ihm nichts dazwischenkommen. „Beten lässt im Handeln innehalten, richtet den Blick auf das Handeln Gottes. Es tritt aber durchaus nicht gleichberechtigt neben das geforderte und notwendige Handeln, sondern begleitet dieses so, dass in ihm das vorrangige Tun um so deutlicher hervortritt, worauf sich das Handeln zu richten hat. Wer betet, ist sozusagen schon dabei zu handeln: Er hat schon angefangen zu handeln; er ist keineswegs der, der in der Betrachtung verharrt, aus der er heraustreten müsste, um zum Handeln zu kommen. Wer betet, lässt sich auf die Frage ,Was sollen wir tun?’ schon ein.“4 Mitten im Bekenntnis der Anhängigkeit von Gott als dem Geber aller guten Gaben schließt das rechte Gebet den Willen zum Einsatz im Beruf und bei allen unseren Tätigkeiten ein. Und folgen wir Martin Luther, dann ist alles diakonische Handeln ein Beruf – sei es ehrenamtlich oder hauptberuflich –, weil wir dazu berufen sind, die guten Werke zu tun, die Gott zuvor bereitet hat. Dabei müssen wir nicht zum guten Menschen werden oder werden wollen und uns damit einem ungeheueren Leistungsdruck aussetzen oder ein Bild von uns selbst entwerfen, an dem wir nur scheitern können. Das Gebet bejaht Aufgabe und Verantwortung, dies im Bewusstsein des eigenen Könnens und Nichtkönnens. Der anscheinende Widerspruch zwischen Können und Nichtkönnen ist im Gebet aufgehoben. Wer betet, ist schon dabei zu handeln; er hat angefangen zu handeln. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass wir so handeln sollen, als könnten wir nicht beten, und dass wir so beten sollen, als könnten wir nicht handeln: „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in Sachen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“5 In einem alten Kirchenlied klingt das so: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht“ (Georg Neumark, 1657). Wir kennen sie, die Bilder von betenden Menschen mit ausgestreckten und offenen Händen: zu Gott bringen und empfangen. Und dazu gehören die offenen Ohren, die hören: das Wort hören, so wie Maria. Der Geist Gottes ist untrennbar mit dem Wort verbunden, der Geist will bewirken, was das Wort sagt – aber auf seine Weise. Ohne das Wort wird der Geist schwärmerisch. Dem Menschen ist zu tun geboten, was ihm im Vertrauen auf Gottes Werk zu tun bleibt, nicht einfach allgemein verantwortlich zu sein für alles, vielmehr bestimmte gute Werke zu tun, wie sie zum Beispiel im Dekalog oder in dem Gebot der Nächstenliebe im Blick sind, so dies: Barmherzigkeit zu üben und Frieden zu stiften. 1 Gerhard Sauter: Zugänge zur Dogmatik. Elemente theologischer Urteilsbildung, Göttingen 1998, S. 128. 2 Hans G. Ulrich: „Rechtfertigung und Ethik“, in: Berliner Theologische Zeitschrift 17 (2000), S. 60. 3 Franz Rosenzweig: Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand, Düsseldorf 1964, S. 98. 4 Hans G. Ulrich: „Gebet“, in: Glaube und Leben, Heft 1/1986, S. 20. 5 Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München 1970, S. 328. |
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