Archäologie – Das Abbild eines alttestamentlichen Königs: Der Schwarze Obelisk von Salmanasser III.
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Im Raum 6a des Britischen Museums in London stößt der Besucher auf einen eigenartig gestalteten, ca. zwei Meter hohen und 45 cm breiten Obelisken aus schwarzem Kalkstein, der mit Abbildungen und Inschriften bedeckt ist. Der Obelisk ist an seiner Spitze wie ein Ziggurat (Stufenpyramide) mit immer enger werdenden Stufen geformt. Auf jeder seiner vier Seiten sind fünf Register mit bildlichen Darstellungen von verschiedenen Gesandten, die dem assyrischen König Salmanasser III. (ca. 858–824 v. Chr.) Tribut darbringen. Der Haupttext dieses Obelisken wurde über und unter den Reliefregistern angebracht. Direkt über den einzelnen Bildregistern steht eine kurze Legende, die die jeweilige Szene beschreibt. Als man die Inschriften entzifferte, stellte man fest, dass einer der fünf Register die Tributzahlung des israelitischen Königs Jehu an Salmanasser III. darstellte. Der Obelisk wurde 1846 von dem Engländer Austin Henry Layard in Nimrud (dem antiken Kalah; vgl. Gen 10,11) entdeckt. Layard war von der Größe des ansehnlichen Siedlungshügels angezogen worden, weil er meinte, dort die Reste des alten Ninive ans Tageslicht bringen zu können. Im Zuge seiner Ausgrabungen entdeckte er zwei riesige geflügelte Löwen-Statuen aus der Zeit Salman-asser III. (die heute auch im Britischen Museum stehen) und u. a. imposante Wandreliefs aus den Palästen Tiglat-Pileser III. (745–727 v. Chr.) und Assurbanipals (668–627 v. Chr.). Über die Entdeckung des „Schwarzen Obelisken“ schrieb Layard: „Ich hatte geschäftlich in Mosul zu tun und gab gerade den Arbeitern Anweisungen in Bezug auf meine Abwesenheit. Ich stand am Rand eines bis zu diesem Zeitpunkt unergiebigen Grabens und dachte darüber nach, ob ich an dieser Stelle weitermachen sollte oder nicht. Schließlich entschied ich mich, ihn wenigsten bis zu meiner Rückkehr am folgenden Tag nicht aufzugeben und dort weiter graben zu lassen. Dann bestieg ich mein Pferd. Gerade hatte ich den Siedlungshügel verlassen, als man eine Kante aus schwarzem Stein am Rande dieses besagten Grabens entdeckte. Das zog die Aufmerksamkeit des Arealleiters auf sich, der veranlasste, an dieser Stelle weiter zu graben. Man entdeckte, dass die Kante Teil eines Obelisken war, der ca. zwei Meter lang war; er lag auf der Seite, ca. drei Meter tief unter der Oberfläche. Man sandte einen Araber hinter mir her, um die Entdeckung zu melden. Als ich zurückkam, hatte man den Obelisken vollständig ausgegraben. Ungeduldig sprang ich sofort in den Graben und war sofort ergriffen von diesem einzigartigen Fund und seiner außergewöhnlichen Form. Mit Hilfe von Tauen brachten wir den Fund eilig aus dem Graben. Ich war erstaunt darüber, wie gut der Obelisk erhalten geblieben war; kaum ein Buchstabe der Inschrift fehlte; die Figuren der Reliefs waren so gestochen scharf, als ob sie gerade erste gestern in den Stein geschnitten worden waren“ (Nineveh and Its Remains, 1, S. 281f.). Im 18. Jahr seiner Regierung (841 v. Chr.) unternahm Salmanasser III. eine Militärkampagne gegen die Völker im Westen, vornehmlich gegen Aram/ Syrien. Dazu schrieb er auf den Schwarzen Obelisken: „In meinem 18. Regierungsjahr überquerte ich den Euphrat zum sechzehnten Mal. Hasael von Damaskus [vgl. 2 Kön 8; 12,18–19; 13,22–24] stellte sich gegen mich mit seiner gesamten Streitmacht. Er machte Mt. Saniru/Senir, einen Berggipfel gegenüber dem Gebirge des Libanon, zu seiner Festung. Ich kämpfte mit ihm und schlug ihn vernichtend. Ich erschlug mit dem Schwert 16.000 seiner Soldaten. Ich nahm ihm weg 1.121 von seinen Kampfwagen, dazu 470 seiner Pferde und sein ganzes Lager. Um sein Leben zu retten, lief er davon; ich verfolgte ihn und sperrte ihn in Damaskus, seiner königlichen Stadt, ein; seine Gärten vernichtete ich. Dann zog ich weiter in das Berggebiet des Hauran. Unzählige Städte nahm ich ein, vernichtete und verbrannte sie; große Beute trug ich davon. Ich marschierte weiter zu den Bergen von Bali-rasi, die am Meer liegen; dort errichtete ich eine königliche Statue. Zu dieser Zeit empfing ich den Tribut aus Tyrus und Sidon, und von Jehu aus dem Hause Omri.“ Auf diesem Schwarzen Obelisken wird im zweiten Reliefregister von oben laut der darüber befindlichen Legende der israelitische König Jehu dargestellt, der dem assyrischen König Tribut dar-bringt. Das Relief zeigt Salmanasser III. unter einem Sonnenschirm, der zusammen mit vier weiteren assyrischen Beamten den Tribut des vor ihm auf dem Boden knienden Jehu empfängt. Dieses Relief bildet die einzige zeitgenössische Darstellung eines israelitischen Königs ab! Die anderen Reliefs dieses Registers zeigen zwei weitere assyrische Beamte, die von insgesamt 13 schwer beladenen Israeliten in reich verzierten Gewändern und Zipfelkappen Tributgaben in Empfang nehmen. Über dem Register ist zu lesen: „Tribut Jehus aus dem Hause Omris: Silber, Gold, eine Schale von Gold, Näpfe aus Gold, Becher aus Gold, Eimer aus Gold, Bleistücke, ein Zepter für die Hand des Königs und Speere empfing ich von ihm.“ Während des 9. Jahrhunderts v. Chr. wurden die syro-palästinischen Staaten, darunter auch Israel, zunehmend von der aggressiven Expansionspolitik Assyriens bedroht. Verschiedene Bündnisse dieser Staaten untereinander hatten versucht, dieser Gefahr zu begegnen. Als nach dem Tode des aramäischen Königs Hadadeser Hasael auf den Thron kam, schein dieser Bündniszusammenhalt zerbrochen zu sein. Zu dieser Zeit unternahm einer der Generäle des israelitischen Königs Joram, der genannte Jehu, eine Verschwörung gegen den König, ermordete ihn und setzte sich selbst zum König (siehe 2 Kön 9) ein. Als Salmanasser III. im Jahr 841 v. Chr. in Aram einmarschierte und den aramäischen König Hasael besiegte, unterwarf sich Jehu und brachte dem Assyrer seinen Tribut. Dass Salmanasser III. den israelitischen König Jehu mit der Omridendynastie in Verbindung brachte, die Jehu gerade durch seine Verschwörung eliminiert hatte, ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass die Assyrer erstmals 853 v. Chr. während der Schlacht bei Qarqar am Orontes mit Israel unter ihrem König Ahab (einem Sohn Omris) in Berührung gekommen waren. Der biblische Schreiber hat nicht sehr viel zur Person des israelitischen Königs Jehu zu sagen. Seine Tributzahlungen an Salmanasser III. werden im alttestamentlichen Bericht nicht erwähnt. Auch der assyrische König taucht nicht auf (vielleicht mit einer Ausnahme: in Hos 10,14 wird ein gewisser Schalman erwähnt, den einige für Salmanasser halten). Außerbiblische Zeugnisse wie der Schwarze Obelisk zeugen davon, dass dieser assyrische König die Geschichte Israels dennoch beeinflusst hat. |
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