Die Predigtwerkstatt Nr. 40

eine Predigtidee von Gerald Hummel

von Gerald Hummel

Gott mit uns

Gedanken zum Abendmahl

Einleitung

Wenn wir unsere Gottesdienste als Feste begreifen, dann ist der Abendmahlsgottesdienst ein Höhepunkt und überragt das sonst Übliche. Wie Gott das Alltägliche begleitet, so auch unsere Höhepunkte. So kann ein Fest gelingen. Gott begründet unsere Freude – gerade in einem Gottesdienst mit Abendmahl.

Text: Mt 6,9b.12

„Unser Vater im Himmel … und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

1. Der Vater meint es gut mit uns

Wir können das Abendmahl vergleichen mit der Wegzehrung, die ein Wanderer für eine Tagesstrecke benötigt. Christen sind wie Wanderer in Etappen unterwegs. Jedes Abendmahl markiert eine Raststelle. Gott speist uns, er kräftigt uns mit Wegzehrung für Glauben und Leben.

Wir sind nicht allein unterwegs, viele gehen mit. Im Abendmahl begegnen wir zeichenhaft dem Wert der Gemeinschaft, der Beziehungen auf allen Ebenen. In der Beziehung zu Gott verdeutlicht sich mein Angenommensein, Vergebung und Versöhnung. Jesus erklärt im Mahl: Ich bin mit euch.

Wenn es uns nun gelänge, diese Werte aufzunehmen, zu verinnerlichen und weiterzugeben. Das wäre gesund für die eigene Seele, das schafft Lockerheit und Ausgeglichenheit. Und fast wie von selbst durchdringen diese Werte auch unsere Umgebung, unsere Familie, unser Dorf und unsere Stadt und kreieren Annahme und Gemeinschaft, Vergebung und Versöhnung.

Darauf weist ein Abendmahl.

2. Der Vater weitet den Blick

Er weitet ihn zur Bitte „Vergib uns unsere Schuld“ und zum Versprechen „… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Dabei bleibt der erste Blick auf Gott gerichtet. Er vergibt meine (Lebens-)Schuld. Ich darf so beten. Er hat alle Voraussetzungen geschaffen, dass Schuld nicht länger quält, dass sie nicht länger zwischen uns steht und Verständigung und Liebe verhindert. In Jesus, in seinem freiwilligen Tod am Kreuz, ist der Weg zur Vergebung offen. Ich darf ihn betreten und auf ihm bleiben. Ich brauche es täglich und werde es immer brauchen: Und vergib mir meine Schuld.

Der zweite Blick bei dieser Bitte ist auf mich gerichtet. Es geht um meine Schuld. Ein Konflikt, ein Zerwürfnis beginnt immer zuerst in mir. Ich bin gekränkt, egoistisch, neidisch, eifersüchtig – und dann gebe ich mich einem Menschen entsprechend zu erkennen. Deshalb ist die Bitte „Vergib mir!“ auch im Zwischenmenschlichen angebracht. Sie ist gut für Ehepaare, Familien und Gemeinden. Sie ist das Eingeständnis der Fehlerhaftigkeit. Ich stelle mich unter eine Person, meine das ehrlich, in gewissem Sinn liefere ich mich aus. Ein „Vergib mir“ ist weit schwerer zu sagen als ein „Entschuldige bitte“.

„Wie auch ich vergebe meinen Schuldigern“, das verspreche ich Gott und Menschen.

Von Herzen gern bin ich bereit, Fehlverhalten zu vergeben. Damit unsere Beziehungen besser gelingen, brauchen wir ein größeres Maß an Vergebung. Vergebung meint: Ich komme darauf nicht mehr zurück. Der „Rucksack“ bleibt leer. Ich werde nicht bei nächster Gelegenheit „auspacken“ und dir an den Kopf werfen, was ich über Jahre und Jahrzehnte gesammelt habe. Nein, der Rucksack bleibt leer. Du bist frei, unbelastet. Ich werde noch mit meinen Gefühlen klarkommen. Dann ist alles wieder in Ordnung.

Die Fähigkeit zu vergeben ist eine göttliche Fähigkeit. In ihr verzichte ich auf Rache und auf Wiedergutmachung. Ich verzichte auf den Beweis neuer Aufrichtigkeit. Vergebung sucht nicht den Gebesserten, sie entlässt in die Freiheit. Ich erhalte eine völlig neue Chance. Immer wieder.

Das ist Abendmahl – Gott mit uns.

3. Der Vater gestattet uns, unvollkommen zu sein

Wer vergibt, gesteht ein, dass er vom anderen keine Vollkommenheit erwartet. Wer um Vergebung bittet, gesteht ein, dass er unvollkommen ist. Das ist schnell gesagt. Da lebt ja in uns die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach dem Perfekten. Wie groß diese Sehnsucht ist, zeigt sich, wenn wir uns mit einer körperlichen Unvollkommenheit abfinden müssen (Brille tragen; Hilfe – ich brauche ein Hörgerät!).

Alles Unvollkommene verunsichert, gefährdet, stellt bloß. Ein Pedant ist jemand, der durch übertriebene Ordnung und Sorgfalt jeden Fehler, jede Unvollkommenheit vermeiden will.

Es gibt eine Angst vor der Unvollkommenheit.

Unsichere Menschen suchen daher den „einzig richtigen Weg“. In der Eheführung und Partnerschaft, in der Religion, im Glauben. Viele Christen brauchen die Gewissheit, dass ihr Bekenntnis „richtig“ ist, dass an ihren Frömmigkeitsformen nicht zu deuteln ist. Gibt es diesen Weg? Jesus hat der menschlichen Neigung nach solcher Sicherheit und Vollkommenheit radikal widersprochen: „Wenn ihr alles getan habt, was ihr zu tun schuldig seid, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte“ (Lk 17,10).

Vollkommenheit ist für Menschen unerreichbar. Es gibt einen anderen Weg zur Vervollkommnung, zum Gefühl der Sicherheit: Jesus hat mich angenommen, adoptiert. Ich bin sein Kind. Nun darf ich Fehler machen und lernen, hinfallen und wieder aufstehen, versagen und neu anfangen. Ich lebe im Stückwerk (Wissen, Erkennen, Charakterbildung, Bekenntnis und Frömmigkeit – alles bleibt Stückwerk). Es gilt, diese Fähigkeit wie eine Kunst zu erlernen. Es ist die Kunst, unvollkommen zu sein. Im Stückwerk darf ich mit Gott leben, trotz Unsicherheit geborgen sein, trotz Unvollkommenheit glücklich sein, den anderen Unvollkommenen lieb haben, den anderen tragen.

Mein Bekenntnis zur Unvollkommenheit meint nicht, allem gleichgültig gegenüberzustehen. Vielmehr ist mein Ja zur Unvollkommenheit der Ruf nach Ergänzung. Ich brauche Ergänzung – das nimmt Lasten. Und ich bin Ergänzung – das bringt Wert.

Ansprüche und Wünsche schieben sich auf Normalmaß. Eigennützigkeit wird gedämpft. Jeder hat seinen gleichwertigen Platz.

Das ist Abendmahl – Gott mit uns.                                  

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